Sprengel für Alle

„Wir kämpften gegen die Sanierungspolitik und gegen Armut, und wir wollten dem Konkurrenz- und Individualisierungstrend entgegen leben“, sagt Ute Wieners, Autorin des Buches „Sprengel für Alle“ heute, wenn sie über die Besetzung der vormaligen Schokoladenfabrik „Sprengel“ in Hannover spricht. Das war im Sommer 1987. 30 Jahre später erzählt Wieners ihre Geschichte: eine Erzählung von Kraft und Widersprüchen – vom Häuserkampf bis zum guten Leben für alle in einer patriarchalen Welt.

Ute Wieners berichtet in ihrem zweiten Buch über die ersten zehn Jahre der Besetzung des Geländes der Sprengel-Schokoladenfabrik. Vor 30 Jahren war sie beteiligt, als das vollkommen abgewrackte Gelände und die maroden Gebäude besetzt werden. In einem mehr als desolaten Zustand vorgefunden, werden Fensterscheiben eingesetzt und in Eigeninitiative wird das Notwendigste hergerichtet. Bald wohnen dort, wie heute noch, um die 50 Personen. Auf dem 16.000 Quadratmeter großen Gelände mit ursprünglich mehreren Gebäuden gibt es Ateliers, Kneipen und Werkstätten. Die Bewohner*innen sind nach Häuserflügeln und nach Küchen organisiert, die dann auch schnell verschiedene, treffende Namen bekommen: Im Mittelbau wohnen die Trinkpunks, es gibt die Balkon- und die Kaderküche (dort treffen sich die Polit-Cracks) oder die Frauenküche.

Die 1962 geborene Wieners möchte mit ihrem Buch ihre Geschichte bzw. die Geschichte der besetzten Fabrik aus ihrer Perspektive und ihrer Wahrnehmung erzählen: Detailliert zeichnet sie verschiedene Paradiesvögel, Polit-Leute, Schnorrer und auch Soziopath*innen und deren Verhalten nach. Der zweite Strang des Buches ist die politische Ebene: Verhandlungen mit der Stadt, Bündnispolitik im Stadtteil, Öffentlichkeitsarbeit und die Vorgänge um die Chaostage 1995 und 1996. In den ausführlich referierten Konflikten zwischen Autonomen und Punks (bzw. in der Bezeichnung der jeweiligen Gegenfraktion „Automaten“ und „Gorillas“) nimmt sie eher eine Mittel- bis vermittelnde Position ein  – und sitzt so schnell zwischen allen Lagern.

Wieners zeichnet ein Bild jenseits von Schubladen und Klischees. „Normale“ Linke, „normale“ Punker*innen oder „normale“ Autonome (wenn der Begriff „normal“ überhaupt sinnhaft ist) scheint es dort seinerzeit wenige gegeben zu haben. Dafür aber umso mehr Alkohol und andere Drogen, Faustrecht, Sexismus, Mackertum und kaputte Typen, Müll, Drohungen und Angst. So stellt sich schnell selbst für Leser*innen, die einem linken oder anarchistischen Gedankengut und Gemeinschaftskonzept viel abgewinnen können, die große Frage: Warum tut die Autorin sich solch ein Klima so lange an? Wieners, die bis heute auf dem Gelände lebt, erzählte kürzlich bei einer Lesung, sie würde so eine Besetzung wegen der Konflikte mit der Polizei, mit der Stadtverwaltung oder mit Nazis jederzeit wieder machen. Wenn sie hingegen etwas davon abhalten würde, dann der Psychostress, dem sie durch die Binnenverhältnisse ausgesetzt war. Im Rückblick klingt das doch sehr nach einer Bankrotterklärung ersten Ranges, oder?

Das Buch ist sicher keine „packend und witzig erzählte Kultur- und Politikgeschichte der 1980er und 1990er Jahre“, wie der Verlag schreibt. Das wäre ein zu hoher Anspruch. Es ist vielmehr eine subjektive Sicht auf einen Mikrokosmos und auf eine schon damals – und erst recht heute – sehr schräg bis destruktiv wirkende Dynamik, die sich Bahn bricht, wenn in Freiräumen keine von allen geteilten Verabredungen gelten. Gerade aber wegen dieser ehrlichen Perspektive – wegen der Brüche und auch wegen der Bitterkeit im Rückblick – lohnt es, „Sprengel für Alle“ zu lesen.

BERND HÜTTNER

Ute Wieners: Sprengel für Alle.
Verlag: Arbeitskreis Regionalgeschichte
Edition „region + geschichte“
304 Seiten
18,80 €

„Zum Glück gab es Punk“ heißt Ute Wieners erstes, 2012 erschienenes Buch. Es endet ungefähr da, wo „Sprengel für alle“ beginnt. Mehr zu beiden Büchern unter http://ute-wieners.de