40 Jahre BilkerBasisBuchZentrale

Von der Ausstellung mit politischen Dioramen über die Lesung mit Ingeborg Gleichauf zu ihrem Ensslin-Portrait bis zur Rio-Reiser-Revue fuhr die BiBaBuZe ein erkleckliches Jubiläums-Programm auf. Die Terz gratuliert herzlich und sagt Danke für 40 Jahre „Literatur & Politik“! Antje Westermann und Hans Schmitz leiten den Buchladen seit Jahrzehnten und erzählen im Interview von seiner Vergangenheit und Gegenwart.

Terz: Wie begeht ihr den runden Geburtstag? Werdet ihr sentimental, wenn ihr auf die Jahre zurückblickt?

Hans Schmitz: Nein, überhaupt nicht. Ich bin eher überrascht, dass der Buchladen tatsächlich die 40 Jahre geschafft hat. Wir haben uns dafür entschieden, das Jubiläum mit vielen hochkarätigen Veranstaltungen anzugehen. Wir feiern also den Laden, nicht uns!

Antje Westermann: Im Laden passiert sehr viel, auch eine Menge Neues, er verändert sich ständig. Es gibt so viel zu tun, dass wir nicht oft an früher denken. Die Veranstaltungen zum Jubiläum spiegeln eher wider, wo wir uns heute politisch und mit dem Laden befinden.

Wie ist denn eure Verbindung zum Buchladen – ist das für euch ein Lebensprojekt?

AW: Wir sehen den Laden als ein Kunstwerk, an dem ständig weitergearbeitet und gefeilt wird. Aber natürlich betrifft die Arbeit auch unsere privaten Interessen, das überschneidet sich. Außerdem ist es sicherlich eine Arbeit, die viel mehr persönlichen Einsatz fordert als andere.

1977, im Gründungsjahr, seid ihr als Kollektiv gestartet. Der Gedanke war, nicht nur eine Plattform für Gegenöffentlichkeit aufzubauen, sondern gleichermaßen andere Arbeitsformen auszuprobieren. Was ist aus dem Kollektiv und seinen politischen Ansprüchen geworden?

HS: Wenn ich unsere Sachen von früher lese, lache ich mich kaputt darüber, wie wir damals diskutiert haben! Wir haben unsere Diskussionen als unglaublich wichtig und hochpolitisch empfunden – auch die Konflikte. Im Nachhinein betrachtet waren diese Diskussionen oft eher persönliche als politische Scharmützel, bei denen der Mangel an tatsächlichem Wissen oder an guten Ideen für die Praxis unter dem Dach der Kollektivarbeit kaschiert wurde. Durch diese Erfahrungen der mangelhaften Umsetzung eines kollektiven Anspruchs, ist Kollektivarbeit für mich nicht ausschließlich positiv besetzt. Im Buchladen hörte sie spätestens 1985 auf, als wir von der Konkordiastraße auf die Aachener Straße zogen.

AW: Mit der Professionalisierung des Buchladens war mehr Know-How von Nöten, und es musste Menschen geben, die verbindlich und dauerhaft Verantwortung für den Laden übernehmen konnten. Wir würden zwar nicht mehr wie früher Flugblätter schreiben, aber wir führen die politischen Diskussionen heute in anderer Form, zum Beispiel über Veranstaltungen. So können wir uns auch ausdrücken und erreichen viele andere Menschen. Die Arbeit heute ist also keineswegs entpolitisiert.

Habt ihr euch ja dezidiert als Info-Laden begriffen. Inwiefern ist das denn bestehen geblieben?

AW: Wir sind immer noch ein Infoladen! Wir legen Flugblätter aus, Du bekommst Zeitschriften und Zeitungen, die Du nirgends sonst in Düsseldorf findest, Du kannst bei uns Bustickets zur Demo kaufen, in unserem Café treffen sich Polit-Gruppen ... Das Info-Laden-Prinzip ist nicht obsolet geworden!

HS: Wir sind nach wie vor eine wichtige Anlaufstelle für Düsseldorfer Linke, das gehört auch zu unserem Selbstverständnis.

Damals hattet ihr zu Eurem 10-jährigen Geburtstag im Jahr 1987 geschrieben, dass politische Einschüchterungsversuche Realität des Buchladen-Alltags sind.

HS: Ja, so war es. Insgesamt gab es bei uns rund zehn Hausdurchsuchungen. Meist wegen §129 a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, auch mal wegen §130 – Volksverhetzung. Es ging da um das Vertreiben von Zeitschriften wie der Info BUG aus Berlin, einer Broschüre mit Empfehlungen zum Krankfeiern oder einer Druckschrift des „Autonomen Knastbüros“. 1988 war allerdings die letzte Hausdurchsuchung. Es kam glücklicherweise nie zu Gerichtsverfahren. Einmal war es jedoch knapp: Wir standen schon mit einem Bein im Gerichtsgebäude, als das Verfahren plötzlich eingestellt wurde.

2015 und 2016 habt ihr jeweils einen Preis des Deutschen Buchhandels erhalten. Neben dem Preisgeld ist die so erhaltene Anerkennung doch sicherlich ein schöner Nebeneffekt, oder?

HS: Das ist ein Gütesiegel. Es zeigt uns, dass wir mit unserem Konzept richtigliegen. Wir arbeiten beständig daran, dass wir in Düsseldorf die Besten sind. Für Beratung und Einkauf haben wir allerdings auch viele Hausaufgaben zu machen. Um gute Buchhändler*innen zu sein, müssen wir Bescheid wissen, wir müssen die Kultur- und Polit-Zeitschriften lesen, die Beilagen der Zeitungen, die Feuilletons ... Außerdem spielen natürlich die Intuition, die jahrzehntelange Erfahrung und die eigenen Interessen eine große Rolle. Das ist übrigens ganz schwer zu vermitteln, das können wir unseren jüngeren Kolleg*innen kaum beibringen.

AW: Wir arbeiten für die Bestückung unseres Sortiments auch mit Verlagsvertreter*innen zusammen und studieren akribisch die gedruckten Halbjahres-Vorschauen der Verlage, schließlich können wir nur einen Bruchteil der Bücher, die wir verkaufen, selbst lesen. Wir müssen dennoch ihre Inhalte kennen, um eine gute Beratung machen zu können. Der Bedarf an Beratung ist in den letzten Jahren gestiegen. Oft haben wir Kund*innen im Laden, die ein Buch für eine Person suchen, „die eigentlich nicht liest“. Da müssen wir gute Fragen stellen, beinahe ein Psychogramm anfertigen, um das passende Buch zu finden.

Hat sich Eure Kundschaft generell verändert?

HS: Was ich schade finde, ist, dass es den Typus „Peter-Weiss-Leser*in“ nicht mehr gibt. Diese Linken, die – ähnlich wie es in der „Ästhetik des Widerstands“ hunderte Anknüpfungspunkte gibt – in verschiedensten Bereichen gebildet sind, verschwinden. Linke heute kennen sich seltener allumfassend in Kunst, Politik und Geschichte aus, sie haben oft nur noch Spezialinteressen.

Ist das vielleicht eine Generationenfrage?

HS: Ja, es ist auch eine Sache der Generation. Dennoch setzte diese Entwicklung schon vor der flächendeckenden Einführung des Internets ein. Auch bei Veranstaltungen bemerken wir Unterschiede zwischen Generationen. Kürzlich bei einer Lesung hat Volker Weiß seine geniale Gesamtdarstellung über „Die antiautoritäre Revolte“ vorgestellt (im Untertitel: „Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“). Die Besucher*innen der Veranstaltung waren eher älter, obwohl es um klassische antifaschistische Themen ging, die jüngere Linke gleichermaßen interessieren. Aber unser Publikum ist ein anderes als das der Butze oder des Linken Zentrums, obwohl wir thematisch ähnlich gelagerte Veranstaltungen machen.

Woran liegt das? Gibt es da noch Berührungs­ängste?

HS: Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass wir Eintritt nehmen. Wir halten es für unabdingbar, dass unsere Autor*innen und Künstler*innen Geld bekommen. Aber viele Linke haben die Haltung: „Wir sind ja antikapitalistisch, und Linke müssen alles umsonst füreinander machen.“ Dabei gehen wir trotz der Kooperationen mit der Rosa Luxemburg- oder der Böll-Stiftung meist mit einem Minus aus den Veranstaltungen.

Aber die Veranstaltungen liegen Euch am Herzen und zeichnen Euch aus.

HS: Ja, auch bei den Lesungen und Konzerten geht es um Selbstverwirklichung. Wie Antje vorhin sagte, tangieren die Veranstaltungen unsere Haltungen und Interessen. Und es ist tatsächlich so, dass wir oft den richtigen Riecher haben! Wir haben damals die erste Veranstaltung überhaupt zu Hermann Harry Schmitz gemacht, wir hatten Herta Müller oder Ingo Schulze zu Gast, bevor sie bekannt waren. Klaus Theweleit, Heinrich Hannover, György Dalos ... die beeindruckende Liste der Autor*innen, die bei uns waren, ist lang.

Gibt es überhaupt noch Bücher, die nach all den Jahren Eure Perspektive ändern oder Euer Denken in eine andere Richtung bringen?

AW: Ja, natürlich! Nur aus diesem Grunde lese ich. Mich begeistern und beeinflussen momentan vor allem Autor*innen aus afrikanischen Ländern, so wie kürzlich ein Buch von Aya Cissoko über ihre Mutter, die aus Mali stammt. Solche Bücher geben eine andere Sicht auf Globalisierungsfragen.

HS: Bücher funktionieren halt immer noch als Fenster zur Welt.

Wie sind die Aussichten auf die nächsten Jahre und Jahrzehnte BiBaBuZe?

HS: Wir gehen jedenfalls nicht in Rente! Wir wollen aus dem Laden rausgetragen werden. Die Frage ist allerdings, wie lange es diese Form von Buchladen überhaupt noch geben kann. Düsseldorf hatte mal eine große Buchladen-Dichte. Die existiert nicht mehr. Ich gebe uns noch 10 Jahre.

AW: Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Vielleicht gibt es ein Comeback des Buches, ähnlich wie bei der Schallplatte. Es ist bloß die Frage, ob wir das noch erleben werden – oder wollen. Wir haben für die nächsten Jahre aber weiterhin gute Ideen. 2018 wird es beispielsweise eine musikalische Veranstaltungsreihe mit Solo-Instrumenten geben, bei der es darum gehen wird, einmal richtig hinzuhören, wie so eine Gitarre, ein Akkordeon, ein Cello klingt. Da freue ich mich drauf!

Danke für das Interview und alles Gute für die nächsten Jahrzehnte BiBaBuZe.

Noch bis Ende Dezember ist im Café des Ladens eine kleine Ausstellung zu 40 Jahren BilkerBasisBuchZentrale zu sehen. Am 08.12.2017 findet das „große Finale“, die letzte Veranstaltung in diesem Jahr statt: Nach der Tagesschau. Die besten, wichtigsten, unverzichtbaren und erhellendsten Bücher des Jahres 2017. Ab 19 h Weinprobe, ab 20:15 h Buchvorstellung

Mitten im „Deutschen Herbst“ wurde 1977 aus einem Büchertisch, den Student*innen an der Fachhochschule organisierten, ein Buchladen. Zunächst in der Konkordiastraße in Unterbilk, ab 1985 dann in der Aachener Straße beheimatet, war der Buchladens stets darauf ausgerichtet, ein Ort der Gegenöffentlichkeit und –information zu sein. Das hat sich auch 40 Jahre nach der Gründung nicht geändert: Die BiBaBuZe ist und bleibt der beste Buchladen der Stadt! Aber auch der Genuss soll nicht zu kurz kommen: Vor 18 Jahren haben die BiBaBuZler*innen ein kleines gemütliches Café im Laden eingerichtet, wo auch Bio-Weine und Kaffee zum Verkauf stehen. Dahinter steckt neben dem „Wohlfühl-Aspekt“ ein genossenschaftlicher Gedanke: der Erlös des Kaffee-Verkaufs geht an die zapatistischen Bauern und Bäuerinnen.

Aachener Straße 1
Fon 0211.34 00 60
http://bibabuze.de
Öffnungszeiten
Montag - Freitag 9.30–18.30 Uhr
Samstag 9.30–16.00 Uhr