Solange das Herz noch brennt

Thank you for the music – Danke Butze!

Am 25.11.2014 haben die Freundinnen und Freunde vom Kneipenkollektiv „Butze“ uns mit Schnäpschen und Sektchen das erste Mal in ihren zauberhaft-selbstgemachten Laden gelockt.

Wir waren eingeladen zur feierlichen Eröffnung des ersten Kneipen-Bistro-Kollektiv-Projektes in Düsseldorf. Eingeladen in den ersten Gastro-Laden ohne Chef*innen. Dafür aber in eine „Butze“ mit Herz und Hand, Faust und Stirn, Kochlöffel, Bierhumpen und gleichem Lohn für alle – und mit allen Aufgaben für jede*n. Eingeladen in die allererste und einzige Kneipe mit „Pferd“, dem getreuen Stoffpony, das von (fast) Beginn an unterm Tresen wohnte und jeden Gast genau so begrüßte, wie sie und er reingepurzelt kam: hungrig nach selbstgeschnitzten Butzen-Pommes, Kicker-süchtig oder auf der Suche nach ‘nem Busticket zum Aktionstag hier oder dort. Manchmal ohne Geld, zu selten im Freudentaumel nach dem Heimsieg-Spieltag. Immer aber durstig. Mit Sitzfleisch oder Tanzfüßen. Kram-wütig beim Klamotten-Tausch-Trödel oder schon bei Eintritt angetrunken. Aus der Nachbar*innenschaft oder von weit weg. Mit Gitarre unter’m Arm, halbfertigen Vorträgen in der Tasche oder mit dem Platten-Koffer an den Hacken.

Aber nun, auf den Tag genau drei Jahre nach dem ersten Rausch, schreibt die Butzen-Crew doch tatsächlich an einem 25. November, dass sie „Tschö“ sagt und das Licht ausknipst. Up and away – die „No future“-Party zur Silvestersause 2017/2018 ist der letzte große Auftritt des Gastro-Kollektivs und seiner pink-blauen Eck-Kneipe als Ort für Gemeinsames und Verschiedenes: als Platz für Polit-Talk und Kicker-Niederlagen, als Hinterzimmer und Fensterplatz für Veranstaltungen und regelmäßige Treffen von Freifunk-Initiativen, Polyamorie-Stammtischen, vom Hanfverband oder von selbstorganisierten Sprachkurs-Cliquen und Lied-Poet*innen mit und ohne Slam. Oder eben: Als Lebensraum jenseits des verqualmten Redaktions-Büros für uns TERZ-Macher*innen und unsere selbstgestrickte Zeitung.

In ihrem Abschieds-Flyer schreiben die Butze-Leute – genauso reizend, klar und selbstverständlich wie sie zapfen oder „Butzinis“ brutzeln – darüber, wie die drei vergangenen Jahre für sie waren: aufregend, neulandig, herausfordernd, lustig, manchmal zickig und vernervt, lecker, übernächtigt, laut und still, sommerlich, entspannt oder plattfüßig an zu langen Abenden und nach zu kurzen Schnäpsen zum Feierabend. Gut geht es ihnen im Rückblick unterm Strich mit ihrer Geschichte. Aber, heißt es in ihrem „Tschö“-Brief vom 25.11.2017: Am Monatsende hat sich die Butzen-Crew bei allem Rumflitzen, Einkaufen, Kochen, Rechnen und Planen finanziell dann doch immer komplett „aufgeknuspert“. Ohne die Dreingabe von Liebe, Leidenschaft und Selbstaufgabe wäre es noch viel schwieriger gewesen, den Laden über die Widrigkeiten eines kollektiven Lebens im kapitalistischen Meer der Ausgeh-Ozeane hinwegzuschippern. Die Preise für das immer vegane und frisch gekochte Essen zu erhöhen oder Eintritt für Konzerte oder Partys zu nehmen, kam für die „Butze“ nicht in Frage. Ebensowenig, wie den Nachbar*innen mitten in der Wohngegend als Kneipe mit Beats, Events und Trubel in jeder Sekunde auf den Wecker zu gehen.

Die „Butze“ und die Menschen dahinter sind nicht pleite, aber immer mal wieder abgerockt. Sie sind glücklich, dass ein (Job)-Leben ohne Vorgesetzte und auf die je eigene Kappe aller gemeinsam funktioniert. Aber sie sind eben doch konfrontiert mit dem Los, für die Kneipe, die Küche und die Gäste viel, vielleicht zu viel gegeben zu haben, als auf einen kollektiven Buckel passt.

Entschlüsse müssen gefasst werden, bevor sie zu brennen beginnen – unter den Nägeln, auf der Schlafmütze oder im Geldbeutel. Darum können wir so gut verstehen, dass das Kollektiv jetzt „Tschö“ sagt. Auch uns als jetzt mehr als 25 Jahre altes Zeitungskollektiv hat die finanzielle Situation unseres autonomen Medienprojektes mitunter schwer herausgefordert. Die Stundenzahl unseres gemeinsamen TERZ-Lebens, das wir der Zeitung gewidmet haben, ist gar nicht bezifferbar. Wir sind leidenschaftlich (fast) am Ende gewesen und haben uns schier endlose Redaktionssitzungen lang die Köpfe heiß geredet im Überlegen darüber, wie es weitergehen kann. „Ganz unten“ und „halb auf dem Baum“ gehören zur Geschichte der TERZ dazu. Genauso wie „himmelhochjauchzend“. Da sind wir uns vielleicht ein bisschen ähnlich, liebe Butzen-Genoss*innen. Aber anders als ihr hatten wir auch nie die Traute, mit der Zeitung auch nur ein einzelnes Alltags-Leben zwischen Kühlschrank und Miete zu bestreiten. Lust und Mut dazu? Ja. Aber den zweiten Fuß haben wir nie hinter den ersten gesetzt. Darum ist unsere Geschichte anders und ähnlich zugleich. Als Kollektiv mit mehr als zwei Dutzend Jahren auf dem Silberrücken der eigenen Bewegungsgeschichte sagen wir heute – genau wie die „Butze“: Es geht! Zusammenarbeit im Kollektiv funktioniert – ist aber (trotz „Pferd“) genauso wenig ein Ponyhof! Und eben darum sind wir so sicher darin, dass sich die Butzen-Leutchen zugleich mit allem Recht, strahlend K.O. und schaurig-traurig über den so nachvollziehbaren Schritt ins nächste Kapitel deutlich mehr als ein Mal auf die Schultern klopfen können – und sollten! Was Ihr geschafft habt, ist großartig!

So rufen wir nach Derendorf: Ihr seid unsere „Butze“! Im Bierglas von gestern und im TERZ-Archiv von morgen: als Soli-Anzeige mit kaum lesbaren Öffnungszeiten, als Veranstaltungs-Ort im Terminkalender. Als Tresen-Gespräch und blau-pinke Sehnsucht zwischen den schwarz-weißen TERZ-Seiten der letzten drei Jahre – für jede*n Einzelne*n von uns, reihum und quer durch die TERZ-Redaktion. Darum feiern wir mit Euch, solange das Licht noch brennt und nehmen das letzte Glas mit nach Hause!

„Danke, ‚Butze‘!“ ...

... sagt die TERZ und wünscht von Herzen alles Gute, für heute und morgen!