1968 – Uni: Normaler Lehrbetrieb?

Eine von Lehrenden und Studierenden der Heinrich-Heine-Uni erarbeitete Ausstellung im Foyer der Uni-Bibliothek

Unter der Schlagzeile „Uni: Normaler Lehrbetrieb“ hieß es am 30. Mai 1968 in der WZ: „Während die Teach-ins und Sit-ins aus Anlaß der dritten Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag gestern in den meisten Universitätsstädten Hauptbeschäftigung zahlreicher Studenten waren, blieb es an der Düsseldorfer Hochschule ruhig.“ Journalist meldet aus der Landeshauptstadt: „An der Universität läuft der Lehrbetrieb normal“.

Im Rahmen eines zwei-semestrigen interdisziplinären Seminars haben Lehrende und Studierende die Jahre 1968ff an jener Uni, die damals immer noch nicht den Namen Heinrich Heines tragen durfte, erforscht und präsentieren aktuell ihre Ergebnisse (siehe dazu auch TERZ-Interview unter: TERZ 05.18.

Wie eine Wagenburg baut sich die Ausstellung im Foyer der Universitätsbibliothek auf. An den Außenwänden Collagen von Fotos, die wir mit 1968 verbinden, im Innern Texttafeln und Vitrinen mit Originaldokumenten, Zeitungsausschnitten, Fachschaftsblättern, Karikaturen, die zeigen, dass in Düsseldorf alles etwas anders war. Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke spielten nur insofern eine Rolle, als dass es nach den Attentaten hier zu Demonstrationen, Schweigemärschen und Kundgebungen kam. Student*innen der Kunstakademie waren oft radikaler als die der Uni, auch Schüler*innen traten oft weitaus vehementer auf. Aus Protest gegen die Notstandsgesetze war das Comenius-Gymnasium einen ganzen Tag lang bestreikt worden, an dem die Schüler*innen ein selbst organisiertes Teach-In veranstalteten.

Wasserwerfer blieben im Depot

Den ersten Wasserwerfereinsatz gab es hier 1963. 1968 hingegen blieben sie das ganze Jahr über im Depot. Die Worte, mit denen der Uni-AstA-Vorsitzende am 17. April 68 zum Schweigemarsch aufrief, waren so windelweich, dass die WZ sie im Wortlaut druckte. Die Studentenschaft sei „kein aufgebrachter Haufen“. Zwar sähen die Düsseldorfer Studierenden „die einseitige Meinungsmanipulation der Presse“ als verantwortlich für das Attentat auf Dutschke, wendeten sich gleichzeitig „aber gegen die Ausschreitungen verschiedener Studentengruppen in den vergangenen Tagen, unter anderem gegen die Versuche, die Auslieferung von Springer-Zeitungen zu verhindern.“ Der AstA-Vorsitzende erklärte sich „gegen jede Form von Radikalismus, gleichgültig von welcher Seite er ausgeht“. Zuweilen hat es den Anschein, als wollten Redakteur*innen die Studierenden zu einem radikaleren Vorgehen antreiben. „Ein ausgesprochen stilles Teach-in“, so das Urteil der WZ am 24. Juni 1971. „Parolen zur Demonstration zündeten nicht“, war in fetten Lettern drüber gesetzt. Damals ging‘s um die Forderungen nach kostendeckender Ausbildungsförderung und qualifizierter Mitbestimmung. Ein Vertreter des VDS wurde am Artikelende mit den Worten zitiert: „Es war schon immer schwer, die Studierenden zu Kampfmaßnahmen zu bewegen. Sie haben noch nie gern für ihre materiellen Interessen gekämpft.“ Unter der Headline „Friedlicher Studenten-Protest“ berichtete die Rheinische Post leicht hämisch über den „Bummel-Marsch“. Schutzpolizeidirektor Otto Gburek hätte „seine Beamten“ am Schadowplatz mit der Bemerkung „ohne besondere Vorkommnisse“ verabschieden können. Im April 1969 hatte die WZ anlässlich der ersten Lesung des Entwurfs für ein neues Landeshochschulgesetz genüsslich die Umdeutung von SPD in „Studenten-Prell-Dienst“ zitiert, die auf einem Transparent der „rund 2000 Studenten und Mitläufer“ vor dem Landtag zu lesen war. „Der Verkehr in der Innenstadt wurde durch die wahllos umherziehenden Studentengruppen stark gestört“, meldete die Rheinische Post. Da die Proteste sich gegen den SPD-Kultusminister Fritz Holthoff richten, schienen sich auch manche konservative Redakteure die Hände zu reiben. Erst nach 1968 wurde es in Düsseldorf zunehmend radikaler. Blieb die Polizei anfangs moderat, griff sie später durch. Als 1977 der vom Streikkomitee beantragte Raum für eine demokratische Gegenhochschule kurzerhand besetzt wurde, da die Uni dessen Nutzung nicht genehmigen wollte, stellte die Uni Strafanzeige gegen fünf Personen.

Jedem Zwergschüler seine Zwerguniversität

Schon bei der Vernissage löste Ausstellung intensive Gespräche aus. Der Enthusiasmus, den die Studierenden bei dem Projekt entwickelt hatten, übertrug sich. Vor jener Schautafel, die dem Comenius-Gymnasium gewidmet war, bildete sich sogar eine Menschentraube. Die scheinbare Bleiwüste auf den Tafeln schreckte nicht ab. Egal, an welcher Ecke ich ansetzte, schnell hatte ich mich festgelesen. Spaßguerilla gab es offensichtlich nicht nur in Berlin: Studierende hatten 1967 ordnungsgemäß einen Antrag beim Carnevals-Commité (CC) gestellt, sich mit einem Mottowagen am Zoch zu beteiligen. In 350 kg Kamelle wurde investiert. „Vielleicht gelingt es uns auf diese Weise, der Bevölkerung klarzumachen, dass sich in Düsseldorf seit einiger Zeit eine Universität befindet“, witzelten die AstA-Vorsitzenden. Für „das Häuflein fastnächtlich-hochgestimmter Studenten“ wurde eigens „ein Extra-Polizeiaufgebot bestellt“, war aus der „Pro-These“, der Düsseldorfer unabhängigen Studentenzeitung, zu erfahren. Als „Ho-Ho-Ho-chi-minh“-Sprechchöre ertönten, wurde der Zündschlüssel von der Zugmaschine noch vor dem Start abgezogen. Erst nach Verhandlungen mit dem CC wurde Starterlaubnis erteilt. Angesichts der „vielen ‚Bullen‘ – ausgerüstet mit Gummiknüppeln und Funksprechgeräten – verlegte man sich auf ‚Ho-Ho-Hosenträger‘“. Die Hochschuljecken wurden kreativ. Es ertönten „Schiebung“, „Schie-bung“ Chöre, den Wagen symbolisch schiebend, wenn der Zoch sich verlangsamte. Da das Zeigen von Transparenten untersagt war, wurde das mit der Aufschrift „Jedem Zwergschüler seine Zwerguniversität“ nur kurz vor den Fernsehkameras gezückt. Via Presse beschwerte sich der CC-Präsident und lobte als positives Beispiel einen anderen unter dem Motto „Packt den Teufel, Dutschke und Genossen in den Käfig“ gestarteten Wagen: „Dieser Gruppe können wir nur unsere Hochachtung aussprechen, denn sie hat sich während des Zuges vorbildlich verhalten“. Die Hetz-Propaganda der BILD-Zeitung entsprach in Teilen also durchaus damaligem „Volkswillen“.

Hier einige kritische Anmerkungen zur Ausstellung. Zuweilen fehlen an den Dokumenten die Jahreszahlen, ein Skript über Marx liegt ebenfalls aufgeschlagen aus, bei dem zudem auch der Titel der Arbeit fehlt. Die Großaufnahme von Martin Luther King zeigt ihn bei der Kundgebung des „March on Washington“(1963). Korrekt wäre ein Foto von 1968 gewesen. „King war 1968 in Memphis, um den Streik der schwarzen Müllarbeiter zu unterstützen“, daran hatte die Stadtzeitung der Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft (GEW) vor zehn Jahren erinnert. Und: „Es sei ‚ein Verbrechen, dass manche Menschen in diesem reichen Land für Hungerlöhne arbeiten‘, so King in seiner letzten Rede auf der Solidaritätskundgebung am Abend vor seiner Ermordung.“ Gerade weil es in Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich – 1968 zu keinerlei Fabrikbesetzungen kam, wäre es wichtig gewesen, bei Kings Auftritt in Memphis präzise zu sein. Weiter heißt es in dem GEW-Heft, dass King 1967 gegenüber Mitarbeiter*innen unterstrich, dass Amerikas Probleme nur durch Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht gelöst werden könnten.“

Thomas Giese