Schöne neue Arbeitswelt

Hipgate

Flache Hierarchien, viel Eigenverantwortung, Stechuhren gegen Arbeitszeit-Überschreitungen, ein Chef an der Hotline, erfolglose Bewerber*innen, die sich für die instruktiven Ablehnungsschreiben bedanken, sowie großzügige Räumlichkeiten mit eigener Bibliothek und ganz viel Kunst – die Terz schaute sich einige Zeit im Arbeitsparadies „Sipgate“ um.

In die Fänge von Sipgate geriet die Terz während der „Nacht der Museen“. Gleich mit zwei Ausstellungen beteiligte sich das Telefonie-Unternehmen an dem Event. In der firmen-eigenen Galerie gab es Bilder von Christopher Wool und des eher als „New Wave“-Musiker der frühen 1980er Jahre bekannten Richard Hell („Blank Generation“) zu sehen. Im Büro-Gebäude auf der Gladbacherstraße zeigte Sipgate Arbeiten des britischen Künstlers Paul McDevitt. Auch sonst gibt es da ganz viel Kunst – zunächst am Bau mit dem gediegenen Holzboden, den Glasfronten, der firmen-eigenen Bibliothek, der Bühne und den Chillout-Zonen, aber mit Cornelius Quabeck sogar einen veritablen „artist in resistance“. Seine Portrait-Zeichnungen von allen Mitarbeiter*innen des Hauses hängen gleich neben dem Eingang im ersten Gang. Damit stellt der Internettelefonie-Anbieter natürlich nicht nur ein Werk, sondern zugleich auch die eigene Unternehmenskultur mit aus: Seht her, auf unsere Beschäftigten geben wir viel!

The art of business

Exponate dieser Art fanden sich im Folgenden noch so einige. Da hingen an einer Glasfront etwa Post-it-Zettel mit Antworten auf die „Guerilla-Umfrage“ zu „Ich finde, der Sinn von Sipgate ist ...“, die mit ihren Fortschreibungen wie „zu zeigen, wie Arbeit auch funktionieren kann“, „gesunde Produktivität“, „sich selbst immer wieder zu challengen“, „Mitarbeitern und Kunden ein besseres Leben zu ermöglichen“ und „lokaler und nationaler Vorreiter der ‚New Work Bewegung‘ zu sein“ ganz im Sinne des Erfinders ausfallen, aber auch Profaneres wie „ ... Geld verdienen“ bereithalten.

In einem Gang prangt eine große Tafel mit der Aufschrift „Es gibt nicht Teureres als Mitarbeiter, die sich nicht fortbilden“. Darauf annoncieren die Sipgater*innen ihre Pläne wie etwa ein Seminar zur gewaltfreien Kommunikation zu besuchen oder zu einer Design-Konferenz nach Lissabon zu fahren, ist bei dem Unternehmen doch ein „No Go“, sich nicht weiterentwickeln zu wollen. Darum entfällt auch das Antragswesen für solche Aktivitäten. Jede*r kann sich sein Programm selber zusammenstellen und alles Nötige dafür in die Wege leiten.

Sogar die, die draußen bleiben müssen, drücken Sipgate oft noch Dank aus. Das Personalbüro hat vor seiner Tür Briefe angebracht, deren Absender*innen bekunden, noch nie so instruktive Ablehnungsschreiben erhalten zu haben. Und gleich nebenan demonstriert die Finanz-Gruppe Transparenz und hängt die Geschäftszahlen ins Schaufenster, schließlich brauchen alle Teams „hard data“.

Das Meisterstück gibt es allerdings erst in der 2. Etage zu bewundern. Gleich neben dem Treppenaufgang, wo unspektakulär ein paar Unterbilk-Fotografien Thomas Schüttes hängen, steht eine Stechuhr alter Schule, und sie dient auch dem alten Zweck der äußeren Disziplinierung. In einer Zeit, da SAP, Bosch und Daimler laut Faz die Losung „Stechuhr adé!“ ausgeben und ihren Beschäftgten bis zu 100 verschiedene Arbeitszeit-Modelle anbieten, legt Sipgate Wert auf eine geregelte Arbeitszeit von 40 Wochenstunden. Ein eher ungewöhnlicher Ansatz für ein „New Economy“-Unternehmen, wo doch in der Branche dem Vernehmen nach kaum noch jemand weiß, ob er noch arbeitet oder schon lebt. Reine Nettigkeit steckt jedoch ebenso wenig dahinter wie gelebte soziale Verantwortung – sondern Henry Ford. Sipgate preist den Fließband-Erfinder als denjenigen, der diese Arbeitszeit in seinen Effizienz-Forschungen als die produktivste ermittelt hat.

Lokaltermin Nr. 2

Anlass für den zweiten Lokaltermin der TERZ gab ein Konzert. Passenderweise ist Sipgate nämlich Sponsor des „Open Source“-Festivals und hat da den nicht gerade prestige-trächtigsten Part des Paten für die „Young Talent Stage“ übernommen. Mitte Juni spielten dann auf der Gladbacherstraße fünf Acts um einen Platz auf der Bühne. Das Publikum durfte entscheiden und hielt sich auch ansonsten schadlos. Für Events wie diesen hat das Unternehmen auf dem Firmen-Gelände nämlich einen Pavillon fest installiert, von dem es die Besucher*innen diesmal mit Pizzen und wie immer mit Freibier versorgte.

Neue Einblicke in die Unternehmenskultur wurden ebenfalls eröffnet. Wer bis dahin die modernen Arbeitswelten durch Kicker ausreichend charakterisiert sah, der oder die konnte sich durch die ausliegenden Exemplare des Sipgate-Buchs „24 Work Hacks“ fortbilden. „Tischfußball ist dumm“ heißt es da gleich zu Anfang. Die Aussage relativieren die Autor*innen zwar gleich wieder, nicht zuletzt, weil es auch im Hause Sipgate Geräte gibt, aber zum Sinnbild wollten sie den Tischfußball nicht aufgeladen wissen: Er repräsentiert nur „einen unmaßgeblichen Teil unserer Kultur“. Tatsächlich scheint er seine besten Tage als Büro-Accessoire auch hinter sich zu haben. In der Werbebranche gilt der Kicker in Agenturen einigen sogar schon als böses Omen, weil er für die paar kleinen Fluchten steht, welche die Unternehmen ihren „24 hour work people“ noch gönnen.

Die Führung

Weitere Erkenntnisse zum Sipgate-Arbeitsmodell erbrachte dann eine Führung. Rund 70 Leute waren dafür nach Unterbilk bekommen, darunter auch solche aus der Personalabteilung von Thyssen-Krupp bzw. „HRs“, wie sie sich, von „Human Resources“ abgeleitet, selber nennen. Nach einem Begrüßungssnack mit veganen Schoko-Törtchen sprach Sigurd Jaiser aus der Presse-Abteilung einleitende Worte und erläuterte, wie das Sipgate-Arbeitsmodell entstand. 2004 hatte das Unternehmen eine virtuelle Telefon-Anlage auf Grundlage der „Voice-over-IP“-Technik entwickelt und ein paar Jahr später eine Anwendung für die Privat-Wirtschaft. Sipgate erhielt dafür als Start-up viel Geld, stellte viele Leute ein, aber die Anzahl der neu entwickelten Applikationen und Produkte für die Cloud-Telefonie verhielt sich umgekehrt proportional zum ständig wachsenden Mitarbeiter*innen-Stamm. Selbst Überstunden änderten an diesem Befund nichts. Da kamen die Firmen-Gründer Tim Mois und Thilo Salmon ins Grübeln und beschlossen, etwas zu ändern. Es war also alles andere als Arbeitsaltruismus, der sie dazu antrieb, sondern eher eine innere Notwendigkeit.

Die beiden holten sich Hilfe ins Haus, Berliner Berater*innen erarbeiteten für sie einen Plan. Dieser sah vor, die Abteilungen aufzulösen und stattdessen „cross-funktionale“ Teams zu bilden, die alles – bis auf einen Kapitän – an Bord hatten: Programmierer*innen, Kunden-Betreuer*innen und Grafik-Designer*innen. So konnten sie selbstständig an einem Produkt arbeiten und der Entwicklungsprozess stockte nicht mehr, weil alle auf die Grafik warten mussten, wie Jaiser aus dem Nähkästchen plauderte. Sogar über die Einstellung von Personal entscheiden die Teams allein. Rechenschaft sind sie nur sich selber schuldig. In regelmäßigen Abständen steht „Kritik und Selbstkritik“ auf dem Plan bzw. „Retro“-Sitzungen, in denen die Gruppen die internen Abläufe analysieren und versuchen, Prozesse zu verbessern. Über ihnen sitzt nur noch die Strategie-Abteilung um die zwei Chefs. „Welche neuen Produkte wir entwickeln oder ob wir in einen neuen Markt vorstoßen, das entscheiden wir“, so Mois zu einer „Impulse“-Journalistin.

Die Berater*innen stützten sich bei ihrer Arbeit auf die „Scrum“-Methode. Aus der gleichen Wort-Familie gab es bei der Führung noch so einiges um die Ohren wie etwa „leanes“ und „agiles Arbeiten“, „kanban“ und „Work 4.0“. Von diesen Begriffen haben erstaunlich viele Leute schon viel gehört und auch Google weiß viel. An dieser Stelle aber nur so viel: Ein großer Teil davon geht, wie Sipgate herausstellt, auf den japanischen Auto-Bauer Toyota zurück. Der Telefonie-Anbieter hat diese Arbeitsphilosophie bzw. -religion aber nicht nur von der Industrie-Produktion auf die Software-Entwicklung übertragen, was für sich genommen noch kein Alleinstellungsmerkmal wäre. Die Küche, die Buchhaltung und die – auch nicht selbstverständlich – inhouse angesiedelte und sogar gelegentlich von den Chefs bediente Hotline arbeiten ebenfalls weitestmöglich nach diesen Prinzipien.

Zusammen kommen alle Sipgater*innen dann regelmäßig am „Open Friday“. Den Ablauf dieses Tages gestaltet die Belegschaft frei. „Es sind keine Grenze gesetzt, von der Fahrrad-Reparatur über einen Kennenlern-Treff neuer Kollegen bis zum Programmier-Unterricht wird hier alles angeboten“, berichtete ein Beschäftigter der Rheinischen Post.

Ein bisschen Ärger im Arbeitsparadies machte die Terz bei der Führung mit ihrer Frage, ob es denn bei Sipgate einen Personalrat gebe. Das sei „nichts, was irgendjemand gerne haben würde. Die Teams wollen sich nicht reinreden lassen“, bekam sie zur Antwort. Davon ab aber gibt die Firma sich schon selbstkritisch. Freimütig räumt das Unternehmen ein, dass der Umstrukturierungsprozess nicht reibungslos verlief und einige Kolleg*innen dabei auf der Strecke blieben, weil sie keine flexiblen Menschen waren und Probleme mit der Freiheit, der Agilität, der Eigenverantwortung und den Anforderungen an die soziale Kompetenz hatten.

Sipgate bringt einige spezifische Voraussetzungen mit, welche den Experimenten mit den Arbeitsformen den nötigen Freiraum geben, und anderen Unternehmen abgehen. So steckt in der Firma kein fremdes Kapital, weshalb Investor*innen keinen Einfluss auszuüben vermögen. Überdies bietet sie im Wesentlichen nur die eine Telefonie-Plattform an und beschäftigt sich vorwiegend mit derem Ausbau. Darum hält sich der Druck von außen, der über Termine für Lieferzeiten von Produkten entsteht, in Grenzen, wie Carina Visser bei der Führung erklärte. Von dieser Seite her droht dem „8 Stunden sind ein Sipgate-Tag“-Modell also kaum Unbill. Bei Engpässen und Arbeitsüberlastung gilt es laut Visser ansonsten, nicht gleich die Option „Neueinstellung“ zu wählen, sondern sich erst einmal die Arbeitsprozesse genau anzuschauen, meistens fände sich da etwas zu optimieren. So gesehen, stellt die strikte Arbeitszeit-Regelung natürlich auch einen immensen Effizienz-Motor dar. Sand im Getriebe gebe es jedoch auch beizeiten, gesteht Visser, Sipgate repräsentiere „keine Parade-Lösung“ und könne auch nicht völlig frei agieren. „Wir bewegen uns in einem regulären Markt“ sagt sie und überhaupt: „Der Telefonie-Markt ist nicht ohne.“

Jan