Ab dem 01. September zeigt die Buchhandlung BiBaBuZe unter dem Titel „text text context“ eine Ausstellung zum Thema „1968 in Düsseldorf“.

Eine 68er-Spätlese

50 Jahre 68 - eigentlich ist das Thema ja längst durch: Die Bilder der „Ereignisse“ von Paris bis Prag, von Mexico City bis Chicago flimmerten über alle Kanäle – die 68er-Ikonographie wurde ausführlich in den Medien gewürdigt. Die Akteur*innen von damals gaben sich die Ehre – selbst in Düsseldorf. Schon im Januar titelte Cohn-Bendit in der Rheinischen Post: „Vergessen Sie 68!“, um dann im Schauspielhaus zur Eröffnung der Düsseldorfer Gespräche nachzulegen. Gretchen Dutschke auf Lesereise präsentierte eher betulich ihr neuestes Buch „Worauf wir stolz sein können“ im Rahmen der Düsseldorfer Literaturtage, die dieses Jahr ganz im Zeichen der ‘Revolution’ standen. Das liegt nahe. Wie bei jeder neuen Dekade, die uns von 1968 trennt, stehen gleichzeitig andere Jubiläen auf dem Gedächtnis-Programm: der Geburtstag von Karl Marx 1818, die Revolution 1848, die Novemberrevolution 1918… Längst haben wir gelernt, dass 68 nur eine „Chiffre“ ist, ein Label, das erst Mitte der 70er-Jahre geboren wurde. Wir wissen, dass es eigentlich schon viel früher „losging“ und die Bewegung erst in den Folgejahren an Breite gewann und Fahrt aufnahm …

So bildgewaltig die Ereignisse von 68 daherkamen, so nachhaltig diese „Wahrnehmungsrevolution“ auch ausfiel, so stilbildend die damaligen Aktionsformen der gezielten Regelverletzung und Tabubrüche (Sit-ins, Go-ins, Happening, Demos, Blockaden, Besetzungen) für die politische Auseinandersetzung in den folgenden Jahrzehnten dann einmal sein sollten: Wenn ein Sammelsurium der Bilder von damals heute in Ausstellungen, Filmen, Videoclips als Teil einer Erinnerungsarbeit abgespult wird, geht doch oft schnell der Kontext verloren.

Vergessen wird oft, dass es in den Zeiten vor dem Internet, wo noch nicht jedes Bild auf Knopfdruck gepostet und weltweit verfügbar gemacht werden konnte, der Text und die Printmedien als Bezugspunkt der Revolte eine zentrale Rolle spielten: Flugblätter, Raubdrucke, Manifeste, Publikationen linker Kleinstverlage, Protestsongs oder die Kapital-Schulung… Mit hektographierten Broschüren und anderen oft improvisierten Vervielfältigungsmethoden wurde versucht, einer übermächtigen etablierten Presse, allen voran der Springer-Presse, sowie den Öffentlich-Rechtlichen Anstalten „Paroli“ zu bieten. Dabei ging es um Aufklärung und Gegeninformation, nicht nur in Bezug auf den Vietnamkrieg. Es ging um Kritik und darum, eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen, darum, Autoritäten in Frage zu stellen. „Revolution war vor allem Textarbeit“ schreibt die Rheinische Post rückblickend im April dieses Jahres. Das war nicht ohne Mühen, es wurde endlos diskutiert über dialektisches Denken bis zur „korrekten Massenlinie“.

text text context

Unter dem Titel „text text context“ präsentiert eine kleine Ausstellung im Cafe der Buchhandlung BiBaBuZe vom 01.09. bis zum 15.10. Druckerzeugnisse aus den Sechzigern zum Anfassen, Rumstöbern, Nachlesen. Bilder von damals werden durch zeitgenössische „Leseproben“ ergänzt und mit aktuellen Diskursen über 68 kontrastiert. Dabei wird den speziellen Düsseldorfer Verhältnissen Rechnung getragen. Texte, Druckerzeugnisse und linke Buchläden haben eine besondere Bedeutung, wenn mensch „in der Provinz“, auf dem D‘dorf lebt, die Musik aber in Berlin oder Paris spielt und mensch sich selber eher am Rande des Geschehens wähnt. Die Düsseldorfer Universität befindet sich 68 noch im Aufbau. „Uni: Normaler Lehrbetrieb“ resümiert eine Ausstellung eines studentischen Forschungsprojektes an der Hochschule zum 30.05.1968, dem Tag der Verabschiedung der Notstandsgesetze.

Aber war da nicht noch was? Gab es nicht auch einen speziellen Düsseldorfer Beitrag? Wenn auch keine Barrikaden auf den Straßen, so doch reichlich Blockaden, Provokationen und Besetzungen öffentlicher Räume von Seiten der bildenden Kunst? Die Kunstakademie mit ihrer räumlichen Nähe zu den „Massen“ in der Altstadt wirkte als Katalysator für einige popkulturelle Experimente, wie zum Beispiel das legendäre Creamcheese, eine der ersten psychedelischen Discos in Deutschland. Und als Werbestadt stand Düsseldorf in vorderster Front, als es darum ging, aus der Bewegung ein Geschäftsmodell zu machen: 300.000 Besucher*innen, mehr als jedes Popkonzert, zog die Teenage Fair 1969 in die Messehallen. Reichlich Stoff für handfeste Auseinandersetzungen – die Antiautoritären Schüler*innen und Student*innen Düsseldorf demolierten den Stand der „Bravo“ auf dieser Messe. Egal ob es um Aktionen gegen den Konsumterror oder die oft guruhaft anmutenden Selbtsinszenierungen einiger Künstler*innen in öffentlichen Räumen ging, all dies bot reichlich Stoff für „theoretische“ Auseinandersetzung und kritische Texte.

Aber natürlich gab es auch weniger Spektakuläres in Düsseldorf, was zur „Textarbeit“ einlud. Düsseldorf war halt schon in den Sechzigern nicht nur Modestadt und Trendsetter, sondern eben auch noch ein Hort von Kaltem Krieg, Restauration und Revanchismus. Hier gab es in schöner Regelmäßigkeit Massenaufläufe der Vertriebenenverbände, hier gab es noch 1965 eine Bücherverbrennung, bei der sich „engagierte Christ*innen“ rein physisch mit unliebsamen Texten auseinandersetzten. Eine ideale Bühne für Kabarettist*innen und provokative Aktionen aus dem linken Lager, strafrechtliche Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen.

Am 20. September um 19.30 Uhr wird Frank Deppe (ehemaliger SDS-Bundesvorstand) bei BiBaBuZe sein neues Buch „1968: Zeiten des Übergangs“ vorstellen und der Frage nachgehen, wie sich die Werteordnungen der entwickelten Gesellschaften des Westens als Ergebnis eines längerfristigen kulturrevolutionären Prozesses veränderten.

Einen Tag später, am 21. September, werden die Keyworker Oberkassel und das Gerhart-Hauptmann-Haus ihre Ausstellung „Revolte auf dem Dorf“ eröffnen. Hinter der Fassade aus schlesischem Schiefer des in den sechziger Jahren erbauten „Haus des Deutschen Ostens“ saßen damals die – aus der Sicht der 68er – Ewiggestrigen. Man darf gespannt sein, welchen Niederschlag der Wertewandel in den Reihen der vormaligen Vertriebenenverbände gefunden hat und wie man dort heute rückblickend die eigene Rolle in den damaligen Auseinandersetzungen einschätzt.

Unterm Strich

Bei den „Aufarbeitungen“ zum fünfzigsten Jahrestag von 1968 ist festzustellen, dass diese sich schnell an dem allzu Augenfälligen festbeißen. Bilder von spektakulären Konfrontationen mit der Polizei und anderen Autoritäten sind die Eyecatcher, die das Publikum ziehen. Und da, wo solche Bilder fehlen wie in Düsseldorf, bemüht mensch sich zumindest um Verbalradikalismus und titelt „Revolution“ oder „Revolte“. Dabei waren Konfrontationen mit der Polizei in Düsseldorf eher die Ausnahme. Um die Auslieferung der Bildzeitung am 12. April 1968 zu stoppen, fuhren die Düsseldorfer*innen zum Druckhaus des Springerverlages nach Essen, und lieferten sich dort Straßenschlachten mit der Polizei. Gegen die Notstandsgesetzgebung wurde vor allem in Bonn demonstriert. Und zur spektakulären weihnachtlichen Aktion gegen den Vietnamkrieg fuhr mensch zum Kölner Dom. Sicherlich gab es auch die ein oder andere Abweichung von der vereinbarten Demonstrationsroute auf dem Weg zum amerikanischen Konsulat auf der Cecilienallee, auch mal einen Sitzstreik auf den Straßenbahngleisen während der Roten-Punkt-Aktionen, die heftigsten Auseinandersetzungen waren aber wahrscheinlich die Proteste zur Eröffnung des Düsseldorfer Schauspielhauses. Alles im allem lief es jedoch sehr glimpflich ab, interessantes Bildmaterial der Düsseldorfer Szene stammt deshalb weitgehend aus dem Bereich der Kunstakademie. Aber die Bilddokumentationen zu Beuys und anderen Aktivitäten sind längst Bestandteil eines Mainstreams, und die damals „druckvolle“ Inneneinrichtung des legendären Creamcheese hat auf ihrem Weg in das Museum Kunstpalast jeglichen Biss verloren.

Völlig unterbelichtet bleiben bei den Darstellungen der Aufarbeitungen der 68er-Ereignisse „auf dem Dorf“ die Rolle des Republikanischen Zentrums als zunächst breite Aktionsplattform der außerparlamentarischen Linken, eine doch sehr relevante Schüler*innenbewegung mit den Antiautoritären Schüler*innen und Student*innen Düsseldorf und dem späteren Zentralrat Düsseldorfer Schüler, sowie die Bewegung für selbstverwaltete Jugendzentren. Außen vor bleiben auch die weitgehend von der damaligen Fachschule für Sozialarbeit aus geführte Auseinandersetzung um die „Akademiegesetzgebung“. Von diesem späteren Fachbereich der Fachhochschule, der traditionell sehr links orientiert war, gingen wesentliche Impulse für eine emanzipatorische Jugendarbeit, und eine soziokulturelle Arbeit, wie zum Beispiel das ZAKK verkörpert, aus. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass Düsseldorf 1968 noch Industriestandort war, und als Schreibtisch des Ruhrgebiets auch für die Arbeiter*innenbewegung eine gewisse Bedeutung hatte. Bis zum Verbot der KPD befand sich in Düsseldorf der Parteivorstand der KPD, und auch profilierte Linke der Sozialdemokratie (u.a. Karl Heinz Hansen, Michael Müller, Martin Volkenrath) hinterließen in der Stadt ihre Spuren.

So fördert die blitzlichtartige Beleuchtung der Ereignisse von 1968 in Düsseldorf im Rahmen des „50jährigen Jubiläums“ jenseits von Reminiszenzen wenig neue Erkenntnisse zu „einer linken Geschichte“ dieser Stadt, aber jede Menge „Desiderata“ zu Tage. Eine verpasste Chance? Oder ein Projekt für die Zukunft – nicht nur für Historiker*innen …

Michael Flascha


01.09. – 20.10.2018
text text context – eine 68er spätlese
Buchhandlung BiBaBuZe
Aachener Straße 1