„... wer sich in die Ordnung nicht einfügen will“

Ausstellung zur Geschichte des Jugendkonzentrationslagers Uckermark

Bis zum 9. September 2018 zeigt das ZAKK in Düsseldorf die Wanderausstellung über das „Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen und späteres Vernichtungslager Uckermark“. Die Ausstellung holt einen bis heute beinahe unbekannten Ort nationalsozialistischer Verbrechen aus dem Vergessen zurück. Eine Empfehlung zum Erinnern und Handeln.

Bis vor 21 Jahren war das Gelände, knapp eineinhalb Kilometer nördlich des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück bei Fürstenberg an der Havel, ein von Gestrüpp überwachsener Ort. Das markanteste daran waren die einsturzgefährdeten Hallen-Ruinen, zurückgelassen nach militärischer Nutzung durch die Rote Armee. Sperrgebiet. Zwischen 1942 und 1945 war das Gelände mit Baracken und Appellplatz einer der vielen heute vergessenen Orte der NS-Verbrechen: das Jugendkonzentrationslager Uckermark. 1.200 Frauen und Mädchen inhaftierten die Nazis hier. Aus Fürsorgeerziehungsheimen, von Jugendämtern im ganzen Reich und aus Österreich wurden sie hierher verbracht, eingesperrt, mit Zwangsarbeit ausgebeutet, ermordet. Die meisten von ihnen waren zwischen 15 und 20 Jahren alt.

Der SS, der Polizei, aber auch den Erziehungsheimen und Jugendämtern galten sie als „Asoziale“, als „Verwahrloste“, „Unerziehbare“, „Gemeinschaftsfremde“ oder „politisch Unzuverlässige“. Es reichten auch Kontakte zu verbotenen Jugendgruppen wie zum Beispiel den „Edelweißpiraten“ oder zur „Swing-Jugend“, um die NS-‚Fürsorge‘ im Jugend-KZ zu spüren zu bekommen. Vor allem Hunger, willkürliche Gewalt und Zwangsarbeit griffen die Inhaftierten an – wie viele der jungen Frauen und Mädchen das Lager nicht überlebten, ist bis heute nicht klar.

Als sich zum Jahresbeginn 1945 für die Nazis abzeichnete, dass ihr „1000jähriges Reich“ seinem Ende entgegenging, wies Heinrich Himmler an, Kranke und nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge aus dem benachbarten KZ Ravensbrück zu ermorden. Das Jugendkonzentrationslager Uckermark wurde daraufhin auch Vernichtungsort. Hier fanden die „Selektionen“ statt, an deren Ende Menschen durch Gas ermordet oder noch auf dem Gelände des Jugendkonzentrationslagers durch Giftinjektionen umgebracht wurden. Von Januar bis April 1945 ermordeten die Nazis hier 5.000 bis 6.000 Menschen.

Nach Befreiung der Konzentrationslager – in Brandenburg durch die Rote Armee – waren die ehemaligen Häftlinge des Jugendkonzentrationslagers Uckermark aber nicht unter denen, die nach Verfolgung, Ausgrenzung, Zwangsarbeit und Misshandlung nach 1945 ein Leben in Freiheit und Würde führen konnten. Für sie gab es keine „Stunde 0“. Kriminalisierung und Herabwürdigungen blieben ihnen als langlebige Stigmatisierung mehr als in den Kleidern hängen – abgestempelt als „Asoziale“, noch von den Nazis als „Kriminelle“, nun als Deviante gebrandmarkt blieb das Leben der ehemals in Uckermark Inhaftierten in der jungen BRD und DDR bis weit in die nächsten Jahrzehnte hinein ein Spießrutenlauf zwischen Anpassungszwängen, Bevormundungspraxen und anhaltender Ausgrenzung.

Erinnern heißt Machen

Seit über 20 Jahren, als im Sommer 1997 ein erstes Baucamp auf dem ehemaligen Lagergelände stattfand, forscht, baut, streitet, kämpft und schreibt die „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark“, sie organisiert sich und die Erinnerungsarbeit an der Seite von Überlebenden des Lagers mit geringsten Mitteln, bewusst unabhängig von staatlichem Gedenken und mit ausschließlich ehrenamtlichem Engagement. Wer, wie die Teilnehmer*innen der Gedenkstättenfahrten des „Arbeitskreis Gedenkstättenfahrt“ aus Düsseldorf das Gelände kennenlernt, kann genau diese unabhängige und wache Erinnerungsarbeit sehen und nachvollziehen, wieviel gemeinsame Arbeit, wie viel Wissen hier zusammenkommt und geteilt wird.

So ist die bundesweit zusammengewürfelte Gruppe mit ihrer vielfältigen Zusammensetzung als feministisch-antifaschistische Initiative seit Jahren die treibende, unermüdlich und kontinuierlich arbeitende Kraft, die bis heute das Gelände und damit die Geschichte der Verfolgung im Jugendkonzentrationslager Uckermark dem Vergessen entreißt. Ganz ausdrücklich stellt sie sich damit an die Seite der Überlebenden, mit denen gemeinsam die Initiative das Gelände als Ort des Erinnerns, Handelns und Gedenkens gestaltet und mit mehr als nur Symbolpolitik füllt. Es wird geforscht und dargestellt, es entstehen Audioguides, Textmaterialien und eben auch eine Wanderausstellung, die mit ihren 21 Tafeln nun zu Gast im Düsseldorfer ZAKK ist.

All diese Mosaiksteine des Erinnerns sind Teil eines Konzeptes von „Gedenken“, das über die offiziellen Gedenkkonventionen eines schweigenden und betroffenen Innehaltens hinausgeht. Im ehemaligen Jugendkonzentrationslager Uckermark soll kein Ort entstehen, an dem wir Blumen niederlegen, kurz verweilen und grübeln, um dann mit unserem Alltag und den eigenen Ausgrenzungs-Strukturen, die wir jeden Tag erleben oder mit aufrecht erhalten, fortzufahren. Gedenken knüpft hier vielmehr an den Anspruch an, Ausgrenzungen, Stigmatisierungen oder Fremdzuschreibungen sichtbar zu machen und Marginalisierten zuzuhören. Gedenken ist an dieser Stelle ausdrücklich auch ein Moment der kritischen Perspektive auf die eigenen Zusammenhänge und Alltage.


Ausstellung im ZAKK
Fichtenstraße 40, während der Öffnungszeiten der ZAKK-Kneipe, Montags bis Donnerstags von 19 bis 22 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Einen Katalog zur Ausstellung und einen Audioguide zum Download und weitere Infos über das Jugendkonzentrationslager Uckermark und die Initiative für einen Gedenkort unter: http://www.gedenkort-kz-uckermark.de