Konkrete Utopie

Die Berge Kurdistans und die Revolution in Rojava.
Ein Reisetagebuch

 

Die Herausgeber*innen dieses Buches, das Lower Class Magazine (LCM), sind Journalist*innen, die seit 2013 auf einem gleichnamigen Internetportal politische Reportagen, Interviews, Analysen und Polemiken veröffentlichen. Sie tun das nach eigener Aussage „parteiisch -für die Sache der sozialen Bewegungen, der Rebellierenden und Revolutionär*innen- versuchen aber dennoch, mit der nötigen journalistischen Sorgfalt zu arbeiten.“ Dazu recherchieren sie auch vor Ort, egal ob in Deutschland, Kolumbien, der Türkei, der Ukraine oder Syrien. Zur kurdischen Bewegung ist im August 2016 bereits das Buch „Hinter den Barrikaden“ bei edition assemblage erschienen – der Bericht einer Reise durch Nordkurdistan im Krieg 2015/16, zu dem es auch eine Lesung in Düsseldorf gab.

Das bereits im Dezember letzten Jahres erschienene neue Werk ist überwiegend eine Zusammenstellung von Einzelberichten, Interviews, Essays, Reflexionen und Analysen, die zwischen März und Oktober 2017 im Internet-Magazin veröffentlicht worden sind. Die Reise, von der berichtet wird, startete in den Kandil-Bergen (Grenzgebiet zur Türkei im Nordosten des Irak), führte mit einiger Verzögerung dann in die Föderation Rojava/Nordsyrien und schließlich in das Schengal-Gebiet im Nordwesten des Irak, dem Hauptsiedlungsgebiet der Yezid*innen. Während einige der Journalist*innen des LCM danach die geplante Rückreise antraten, entschieden sich andere zu bleiben und nahmen u.a. am Kampf um Raqqa teil.

Aus der Zusammenstellung der Texte ergibt sich ein parteiischer, aber ausgesprochen lebendiger, facettenreicher und fundierter Blick auf die kurdische Bewegung und die komplexe politische und gesellschaftliche Situation im Mittleren Osten. Die Autor*innen thematisieren immer wieder die feindliche Rolle des Westens (BRD, Europa und USA) gegenüber den hoffnungsvollen gesellschaftlichen Entwicklungen. Indem sie sich mit daraus ergebenden Fragen, Aufgaben und Ansätzen linker/revolutionärer Politik hier auseinandersetzen, vermeiden sie den verbreiteten scheinobjektiven Außenblick. Trotz zahlreicher Anknüpfungen an klassische linke Theoriedebatten bleibt die Perspektive sehr persönlich und auf die Praxis bezogen. Deutlich wird das auch in einem Reisebericht, der nicht ins Buch mit aufgenommen wurde:

„Es war großes Glück, dass genau in jener Zeit, als wir in Rojava ankamen, die Vorbereitungen zu einer Institution abgeschlossen waren, die wie gemacht für diese Ziele ist [Lernen, teilhaben und sich selber weiterentwickeln, Anm. des Verf.]: Die ‚Internationalistische Kommune‘ als erste zivile Akademie für Ausländer*innen in Rojava. Wir landeten bei den anderen Revolutionär*innen, die an diesem Projekt arbeiten und lebten uns ein. Wir lernten kurdisch -so gut es eben ging- wir begannen zu diskutieren, uns mit uns und unserem Zusammenleben zu befassen. Wir wurden ein funktionierendes Kollektiv: Kommunist*innen, Anarchist*innen, Autonome.“ (http://lowerclassmag.com/2017/06/rojava-tagebuch-xiii-tschuess-tastatur-moin-schaufel)

Zentrale Themen der Texte sind neben der angesprochenen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle die fundamentale Bedeutung des ideologischen Kampfes, ohne den keine bewaffnete Aktion die politische Perspektive gesellschaftlicher Befreiung und Emanzipation eröffnen kann. In vielfältiger Form und aus verschiedenen Perspektiven wird der Aufbau der gesellschaftlichen Strukturen des demokratischen Konföderalismus beschrieben – seine enorme Bedeutung bei der Entstehung des Projekts Rojava/Nordsyrien genauso wie die Herausforderungen und Schwierigkeiten in einer Gesellschaft, die patriarchal, religiös und nationalistisch sozialisiert ist. Die Situation der Jezid*innen in ihrem Hauptsiedlungsgebiet, dem Schengal, wird ebenfalls sehr genau beleuchtet. An ihr wird die heuchlerische Politik der BRD besonders klar: Nachdem der Klanfürst und Warlord Barzani die Yezid*innen im Stich gelassen und „an den IS verkauft“ hatte, klagte er beim Westen über zu wenig Waffen und bekam diese prompt unter dem Label „wir helfen den verfolgten Kurd*innen/Yezid*innen“ von der BRD geliefert. Das propagandistische Hauptproblem der Bundesregierung bestand damals darin, sicherzustellen, dass genau jene diese Waffen nicht bekommen, die den Jezid*innen in dieser Situation unter großen eigenen Opfern und erfolgreich zur Hilfe geeilt waren: die HPG- und YJA-Star-Einheiten der PKK und jene der YPG/YPJ. Und als wenn das nicht schon reichen würde, griffen Barzanis Einheiten 2017 die nach der Befreiung vom IS neu entstehenden Selbstverwaltungsstrukturen der Jezid*innen u.a. mit diesen Waffen an, während die Bundesregierung sich unwissend stellt. Das LCM hat dazu auf seiner Reise recherchiert und Beweise gesammelt.

Den Abschluss bildet ein Bericht vom Fronteinsatz bei der Befreiung Raqqas. „Ich bin zwar immer noch fertig, aber ich beginne zu begreifen, dass ich in Raqqa wie durch ein Brennglas die Realität des Mittleren Ostens sehen durfte. Sicher nur einen kleinen Ausschnitt, aber mehr als in vielen Monaten zuvor“ resümiert Peter Schaber in seinem Bericht „Love in a hopeless place“, den er entlang seines Abstandes vom Zentrum Raqqas gliederte: Von „Noch 100 Kilometer“ über „0 Kilometer“ bis „400 km entfernt“. Es ist ein Trip aus den befreiten Gebieten, in denen der gesellschaftliche Aufbruch aus mindestens 15 Jahren schon hoffnungsvolle Früchte trägt in eine militärische Kampfsituation. In dieser treffen die die Einheiten der YPG/YPJ neben dem IS auch den menschenverachtenden Einsatz von Uranmunition durch die USA und vor allem auf die ganze Wucht der gesellschaftlichen Widersprüche des Mittleren Ostens, „an denen die kurdische Bewegung […] seit 40 Jahren arbeitet“. Die Rückkehr schildert Peter Schaber wie ein Auftauchen aus einem Strudel, bei dem sich die Besinnung langsam wieder einstellt.

Auch wenn Fragen offen bleiben und manches verkürzt erscheinen mag, ist der Reisebericht wegen der Vielfalt der angesprochenen Aspekte, der umfangreichen Einblicke in Hintergründe und Zusammenhänge und der vielen Reflexionen durch die Autor*innen sehr lesenswert. Am besten wohl nicht alleine, sondern mit Diskussion und „Tekmil“ (Kritik und Selbstkritik) in den eigenen Strukturen.

gerd


Lower Class Magazine (Hg.)
Konkrete Utopie
Die Berge Kurdistans und die Revolution in Rojava. Ein Reisetagebuch
Unrast-Verlag, Münster, Dezember 2017