Politökonomische Alphabetisierung

Christoph Hennings Schrift „Marx und die Folgen“

Weil die mehrarbeitabpressende Profitmacherei im kapitalistischen Marktwirtschaftssystem der Zweck des Produzierens sei, sei das kräftezehrende und zugleich karge Leben der Lohnabhängigen keine Folge falscher Staatspolitik, sondern ein „systemischer Effekt“ der kapitalistischen Produktionsweise. Infolgedessen sei reformerische Sozialpolitik nicht das geeignete Mittel, um die Lohnarbeiter*innen aus diesem Elend zu befreien. Notwendig sei vielmehr die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft mitsamt des Profitmotivs, das deren Wirtschaft antreibe.

Zu dieser radikalen Einsicht gelangt Christoph Henning in seiner Schrift „Marx und die Folgen“ (Seite 41 f.), weil er die Werke von Karl Marx nicht flott durchgeblättert, sondern intensiv studiert hat. Folglich ist es ihm darum zu tun, der Marxschen Wirtschaftstheorie des Kapitalismus „in der Sache“ zu folgen. Sie gilt ihm nicht als veraltete historische Analyse aus dem 19. Jahrhundert, sondern als eine immer noch gültige Systemkritik. Aufgrund dieser Erkenntnis sei es möglich, eine „gesellschaftskritische Perspektive einzunehmen, die sich der Herrschaft des Kapitals widersetzt – ob in der Wissenschaft, Kunst oder Politik“ (3).

Materialistische Staatskritik

Um sich der „Herrschaft des Kapitals“ widersetzen zu können, werden die Henning-Leser*innen eingeführt in die Entwicklung des Marxschen Denkens und Handelns, und zwar bis hin zur praxisorientierten Kritik der kapitalistischen Plusmacherei. Nach einem Jurastudium und einer Promotion in Philosophie arbeitete Karl Marx ab 1842 als Zeitungsredakteur, der Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen versuchte. Dabei agierte er zunächst als idealistischer Weltverbesserer, der beispielsweise das Ideal der Pressefreiheit kontrafaktisch der gesellschaftlichen Realität entgegenhielt: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein“ (S. 24). Über die Kritik der Religion, die er als Ausdruck des weltlichen Elends bestimmte, gelangte Marx aber alsbald zur materialistischen Kritik der Staatspolitik. 1859 legte er dar, dass Staatsformen „in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln“, weshalb der bürgerliche Staat die Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft affirmiere. Angesichts der engen Grenzen der Politik riet er den unter dem Kapitalismus leidenden Proletarier*innen, ihre Anliegen nicht vorrangig als politische zu verstehen. Denn solange das Proletariat „in Form der Politik denkt, erblickt es den Grund aller Übelstände im Willen und alle Mittel zur Abhülfe in der Gewalt und dem Umsturz einer bestimmten Staatsform“ (S. 42). Marx' staatstheoretische Untersuchungen führen zu dem Ergebnis, dass „die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei“ (ebenda).

Analyse und Kritik

Wie die politische Ökonomie des Kapitalismus beschaffen ist, zeigt Henning, indem er einen Überblick über die Gestalt des Marxschen Spätwerks gibt. Eigentümlicherweise sei das Grundmotiv der kapitalistischen Produktionsweise nicht die Versorgung der Bevölkerung mit Gebrauchsgegenständen, sondern der Profit. Ein jeder Unternehmer verausgabe Kapital für die Produktion von Waren mit dem Zweck, später mehr Kapital zu erhalten. Ermöglicht werde die Kapitalvermehrung durch die „Abpressung von Mehrarbeit“ (S. 73), indem den Lohnarbeiter*innen mehr genommen, als ihnen zurückerstattet werde. Dass diese Ausbeutung als eine gerechte Sache erscheine, habe seinen Grund darin, dass der Kapitalist mit der Bezahlung des Lohnes das Recht gekauft hat, darüber zu verfügen, was die Arbeitskraft erzeugt, wie sie es tut und wie lange sie es tut. Diese unerquickliche Lage der Lohnarbeiter*innen, die zu variablem Kapital verdinglicht seien, lasse sich nicht durch Sozialpolitik abschaffen, weil sie eine systemische Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise sei. Da in dieser Produktionsweise die Verwendung der ökonomischen Mittel unter den Vorbehalt privaten Profits gestellt werde, werde das Privateigentum an den Produktionsmitteln zudem immer mehr zur Schranke für die Entwicklung der Gesellschaft. Verhindert werde dergestalt die „Produktion und Aneignung von Gebrauchswerten nach den Bedürfnissen aller Gesellschaftsmitglieder und eine Regelung der Produktion, die die Arbeitslast insgesamt mildert, gleicher verteilt und ökologisch entgiftet“ (S. 84).

Überwindung des Kapitalismus

Der Sozialphilosoph Henning, der an den Universitäten in St. Gallen und in Erfurt forscht und lehrt, empfiehlt angesichts dieses üblen Umstands, sich auf die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise zu fokussieren. Zumal jahrzehntelange Bemühungen, „das kapitalistische Wirtschaftssystem ökologisch zu zähmen“, wenig Erfolg hatten (S. 86); die Ruinierung der Erde und der Arbeiter*innen, der beiden Springquellen eines jeden Reichtums, wird durch die Profitmacherei vorangetrieben. Weil die Marxsche Wirtschaftstheorie, wie Henning schreibt, „Theorie des Kapitalismus als Produktionsweise und gleichzeitig eine Kritik an ihm“ ist (S. 68), könnte sie das adäquate Hilfsmittel für die „ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse“ sein (S. 92). Zuvor müsste die hiesige Arbeiterklasse allerdings erkennen, dass Sozialpartnerschaft und Standortlogik nicht zur Durchsetzung ihres Interesses an einem guten Leben taugen. Dazu bedarf es einer politökonomischen Alphabetisierung in den Produktionsstätten, für die Hennings Marx-Buch hilfreich sein dürfte. Denn in ihm wird die grundstürzende Erkenntnis entfaltet, dass der Weg ins „Reich der Freiheit“ blockiert werde durch „das Nadelöhr des Profitmotivs einzelner Kapitalisten, durch das alles hindurch muss“ (S. 83).

Franz Anger


Christoph Henning: Marx und die Folgen, Metzler-Verlag, Stuttgart 2017, 149 Seiten, 19,99 Euro