Mittwochsfilm

Der Mittwochsfilmclub des Mittwochsfrühstück der Erwerbslosen und prekär Beschäftigten sieht sich am 17. Oktober um 11:30 Uhr im zakk Raoul Pecks „Der junge Marx“ an. Ein Beitritt zum Club ist Bedingung (Jahresbeitrag 0 Euro).

„What the writer could only analyze, the eminent painter has reproduced in its dramatic vitality”, schwärmte Karl Marx am 12. August 1853 in der New York Daily Tribune von Johann Peter Hasenclevers in Düsseldorf entstandenem großformatigen Gemälde, das auf der Weltausstellung in New York zu sehen war: Eine Gruppe Erwerbsloser dringt in eine Stadtratssitzung ein[1], wodurch die Ratsherren mächtig ins Schwitzen geraten.

Historische Ereignisse werden heute nicht mehr in Öl gemalt, sondern als bewegte Bilder auf Leinwand projiziert, was die „dramatic vitality“ sogar noch steigert. Der haitianische Regisseur Raoul Peck holt Marx & Engels als altehrwürdige Herren, denen stets nur Druckreifes aus dem Rauschebart quillt, vom Sockel. „Sie hatten, ähnlich wie wir, das Gefühl in einer Art Zeitenwende zu leben”, unterstreicht August Diehl, der im Film den jungen Marx verkörpert. Aber der große Unterschied sei, „dass damals die Menschen erstens niemals jung sein wollten, im Gegensatz zu heute, wo wir eigentlich alle jung bleiben wollen, sondern sehr schnell erwachsen werden wollten und die Welt in die Hand genommen haben.“

Peck nimmt die von Marx und Engels 1844 in Paris gemeinsam verbrachten Tage in den Fokus bis hin zur Formulierung des Kommunistischen Manifests 1848. Bei der ersten Begegnung hatte Marx für den gestriegelten Bourgeois und Sohn eines Fabrikbesitzers allerdings nur Verachtung übrig. Eine große Rolle spielen – und dies ist Pecks Verdienst – die Frauen. Vicky Krieps brilliert als Jenny Marx, Hannah Steele als Mary Burns, einer Baumwollspinnerin mit irischem Migrationshintergrund, die Engels in Manchester kennenlernt und mit der er ab 1843 eine Ehe ohne Trauschein führt. Vicky Krieps über Jenny, eine geborene „von Westphalen“: „Jenny Marx war eine sehr starke Frau, die bescheiden und zeitlos ihre Epoche beeinflusst hat.“ Sie habe ihr Leben „einer Sache verschrieben, die einfach größer war. Und dafür war sie bereit, auf vieles zu verzichten und einiges zu erdulden. Sie hat – als eine der Ersten – erkannt, was für ein Geist in Karl Marx herumspukte, tobte und tanzte und sie hat alles dafür getan, ihm dabei zu helfen, dass es auf Papier gebracht wird.“ Doch Pecks Loblied auf Frauenpower bleibt im Nebulösen, da bei Mary eine Rückführung auf die historisch-materialistischen Bedingungen fehlt. Mary tritt stets resolut auf. Ist es sozusagen angeborenes „irisches“ Rebellentum? Ein Blick in Engels‘ Schriften liefert ein anderes Bild. In „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ bezeichnet Engels den Unternehmer Robert Owen als „Stifter des englischen Sozialismus“. Owen propagierte, Arbeiter*innen müssten sich selbst organisieren. Nach dem Modell von Owens „Hall of Science“ betrieben die Arbeitenden in Manchester eine „Hall”, über die Engels in seinen „Briefen aus London” 1843 schrieb: „Während die englische Hochkirche praßte, haben die Sozialisten für die Bildung der arbeitenden Klassen in England unglaublich viel getan.“ Man könne sich „anfänglich nicht genug wundern, wenn man die gemeinsten Arbeiter in der Hall of Science über den politischen, den religiösen und sozialen Zustand mit klarem Bewußtsein sprechen hört. [...] Dazu kommen noch die sonntäglichen Vorlesungen, welche sehr fleißig besucht werden; so sah ich bei meiner Anwesenheit in Manchester die Kommunisten-Hall, welche etwa 3.000 Menschen faßt, jeden Sonntag gedrängt voll und hörte da Reden, welche unmittelbare Wirkung haben [...].“ Engels hebt hervor, dass bei den Vorträgen „gewöhnlich viel gelacht wird, da der englische Witz im sprudelnden Humor sich in diesen Reden Luft macht“.

Diese „Hall“ war höchstwahrscheinlich auch der Ort, wo Mary Burns sozialisiert und ihren kämpferischen Geist trainiert hatte. Ein Nachhall der in der „Hall“ vorgetragenen packenden, nie langweiligen, manchmal auch witzigen Reden lässt sich in Engels Stil finden. Während die intellektuellen Spitzfindigkeiten und hochtrabenden Gedankenflüge eines Marx Menschen mit und ohne Abitur den Gedankenschweiß auf die Stirn treibt, ist Engels stets verständlich, zumeist auch unterhaltsam. Übrigens stammt ein großer Teil der in der New York Daily Tribune erschienenen Artikel von Engels, auch wenn sie durchweg mit „Karl Marx“ unterzeichnet sind. Mary Burns wird ihren Anteil daran haben.

Hat Pecks Film hinsichtlich der englischen Arbeiter*innenbewegung tatsächlich einen blinden Fleck, finden sich die Anfänge der deutschen und französischen mit Weitling, Proudhon und dem „Bund der Gerechten“ gut repräsentiert. Peck lässt seinen Karl Marx an einer Stelle den Arbeitenden zurufen: „Heutzutage ist ein Mensch, der nichts hat, nichts wert. Das Geld macht seinen Wert aus. Und das spürt Ihr am eigenen Leib, jeden Tag, jeden Tag!“

Diese Erkenntnis ist für Erwerbslose und prekär Beschäftigte sicherlich nicht neu. Aber gerade dies ist ein Grund, einen zugleich genussvollen wie kritischen Blick auf Pecks „Der junge Marx“ zu werfen.

Der Film ist der erste in einer Filmreihe des Mittwochsfrühstücks. Auf der Liste stehen des Weiteren „Toni Erdmann“ von Maren Ade und „Paterson“, Jim Jarmuschs Film über einen dichtenden Busfahrer. Hohe Zustimmungswerte erhielt insbesondere „Acht Stunden sind kein Tag“. Es war einst die erste Fernsehserie, die im proletarischen Milieu spielte. Regie führte Rainer Werner Fassbinder. 1973 war sie vom WDR bewusst produziert worden, um das ARD-Programm neben dem damals ebenfalls neu produzierten „Tatort“ attraktiver zu machen. Während es den Tatort noch heute gibt, wurde „Acht Stunden sind kein Tag“ nach nur 5 Folgen eingestellt, obwohl sie sich bester Einschaltquoten erfreute. Arbeiter und Arbeiterinnen sind seitdem aus dem Serieneinerlei verbannt. Die Serie und Rainer Werner Fassbinder, der sich mit „Berlin Alexanderplatz“ und der Verfilmung von Oskar Maria Grafs „Bolwieser“ einen Namen im Fernsehspiel machte, werden sicherlich noch in einer der nächsten Mittwochfilmclubs Thema sein.

Thomas Giese

[1]  Tatsächlich war am 11. Oktober 1848 eine Delegation Erwerbsloser in das Düsseldorfer Rathaus eingedrungen.