Ein unerschöpfliches Thema

Bücher über die Nazi-Zeit gibt es unzählige. Die TERZ stellt drei Werke vor, die einen kleinen Ausschnitt aus dem großen grausamen Ganzen beleuchten.

Neulich beim Essen mit Kerzenschein und alkoholischen Getränken aus teuren Trauben – denn trotz allem sollte man es sich gut gehen lassen und dem leiblichen Wohl Tribut zollen – konnte sich keine*r daran erinnern, in der Schule je ernsthaft über den Nationalsozialismus gesprochen, sondern diesen eher quantifiziert und als abgeschlossenen Zeitabschnitt verpackt bekommen zu haben. Außer der Lektüre von „Die Welle“ oder dem „Tagebuch der Anne Frank“ wusste niemand zu berichten, sich in jungen Jahren auch mit der psychologischen, individuellen, zwischenmenschlichen oder gruppendynamischen Ebene beschäftigt zu haben. Sicher, pubertierende Schüler*innen sind auch nicht das dankbarste Publikum für die Eruierung der komplexen Frage: Wie konnte das geschehen? Nun ist die Schulzeit viele Monde her, und man hat noch ein ganzes Leben, dieses und jenes zu verstehen, und das braucht es auch. Immer wieder tauchen neue Aspekte in der zeitgeschichtlichen Forschung auf, werden andere Blickwinkel beleuchtet, Vernachlässigtes wird aufgearbeitet, Romane werden geschrieben und Filme mit kurzer Halbwertzeit produziert. Und was ist mit der Zeit nach 1945? Auch die ist ungeheuerlich. Die Nazis wurden nach Kriegsende bekanntlich leider nicht einfach vom Erdboden verschluckt. Im 2005 erschienenen „Das Zeugenhaus“ verarbeitet Christiane Kohl ihre über zwei Jahrzehnte dauernden Recherchen zu einem Sonderfall der unmittelbaren Nachkriegszeit: Während der Nürnberger Prozesse brachten die Amerikaner Zeug*innen, die vor Gericht aussagen sollten, in einer Villa unter – und zwar ungeachtet dessen, ob es sich nun um Zeug*innen der Anklage oder der Verteidigung handelte. Über mehrere Tage, in manchen Fällen auch viele Wochen und Monate, lebten, schliefen und aßen Nazis und Verfolgte unter einem Dach. Das ist schwer vorstellbar und daher interessant per se, so dass Kohls an manchen Stellen kleinteilige Chronologie sich trotz des oft unerträglichen Plaudertons äußerst flüssig liest. Ein wesentlicher Pfeiler von Kohls Recherchen war das Gästebuch, in dem sich insbesondere die Nazis verewigt haben ,als wären sie auf Kur. Nur äußerst wenige KZ-Überlebende, von denen ja auch einige im Haus untergebracht waren, hinterließen dort ein paar Zeilen. Aber was sollten sie auch schreiben? Danke für die tollen Gespräche mit Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann, Rudolf Diels, dem Gründer der Gestapo, und Henriette von Schirach? Sicher nicht. So kreisen Kohls Rekonstruktionen vor allem um die einstige Hausherrin, Gräfin Ingeborg Kálnoky, die sie aufspüren und interviewen konnte, und die Erinnerungen der Gräfin an ihre Gäste aus der ehemaligen Nazi-Prominenz. Es soll kaum Eskalationen oder Konfrontationen gegeben haben, die Gräfin achtete darauf, dass nicht über „Politisches“ geredet wurde. Soso. Trotz Kohls „Bild der Frau“-artigem Erzählstil, den vielen Aussparungen, wenn es um die befreiten Häftlinge oder auch den Verlauf der Nürnberger Prozesse geht, vermittelt das Buch einen glaubhaften Eindruck davon, wie Menschen es nach dem Krieg vermieden, über das Offensichtliche zu reden und sich ihrer Verantwortung zu stellen, wie sie die Verbrechen verdrängten und ihren Kopf aus der Schlinge zogen.

Täter-Väter

Bei vielen Täter*innen funktionierte das gut and they lived happily ever after, bei anderen nur bis zu einem gewissen Grad, weil sie in der führerlosen Gesellschaft nicht mehr zurechtkamen. Ute Scheub begibt sich in „Das falsche Leben“ auf eine „Vatersuche“. 35 Jahre nach dessen Selbstmord im Jahr 1969 gelangt Ute Scheub über zahlreiche Notizen und Abschiedsbriefe, die sie auf dem Dachboden des Elternhauses findet, in die erschreckende Gedankenwelt ihres Vaters, der bis zuletzt ein recht überzeugter Nazi war. Der Vater wollte mit seinem Selbstmord ein Zeichen setzen (nur leider wusste niemand, wofür oder wogegen): nach seinem Wortbeitrag auf einer Lesung von Günther Grass auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart verabschiedete er sich mit Grüßen an seine „Kameraden von der SS“, schluckte das mitgebrachte Zyankali und brach zusammen. Nach Jahrzehnten der inneren Abkehr von ihrer Familiengeschichte gelingt es Scheub in ihrem Buch, sich dem Vater anzunähern, ohne die Distanz zu ihm aufzugeben. Sie zeichnet das Psychogramm eines enttäuschten Egos, das sich immer zu Höherem berufen gefühlt hatte. Nur während der Nazi-Zeit konnte Scheubs Vater Teil einer sozialen Gruppe sein und etwas entfernt Ähnliches wie Beziehungen zu anderen Menschen, nämlich „Kameradschaft“, unterhalten. Ute Scheub findet nach und nach, aber nie abschließend heraus, welche Funktionen ihr Vater, der beflissene „Rassenkundler“ in der Nazi-Maschinerie innehatte. Besonders interessant sind aber ihre Erinnerungen an ihn in der Nachkriegszeit und die Rekonstruktionen, die sie anhand seiner Papiere vornimmt. Da wird deutlich, dass eine ganze Generation emotional eingeschränkter Männer nie über ihre Taten und auch ihre Erlebnisse und Traumata gesprochen hat, nie Reue und Mitgefühl gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen zeigte. Scheub schildert, wie viele Täter-Kinder die Schuld ihrer Eltern auf sich laden und zeitlebens versuchen, eine Generation später etwas Nichtwiedergutzumachendes wiedergutzumachen.

Was tun

Und während man Vergangenes begreifen möchte, rücken einem schon die neuen Nazis auf die Pelle. Da kann es durchaus Hoffnung geben, von Menschen zu lesen, die mutig waren und solidarisch, und durch kleine Bastionen des Widerstands nicht nur sich selbst, sondern auch andere Leben retteten. Als Antifaschistin und dementsprechend politisch Verfolgte floh Lisa Fittko 1933 aus Deutschland und landete über zahlreiche Umwege und Aktionen 1940 im Frauenlager Gurs im Süden Frankreichs, wo auch Hannah Arendt interniert war. Schon im Lager organisierte sie sich mit anderen Emigrantinnen. Sie versuchten Strukturen aufzubauen, die das alltägliche Leben und die Zustände im Lager erträglicher machten, aber auch Perspektiven eröffneten für ein Leben nach dem Lager. In „Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41“ berichtet Fittko gänzlich uneitel von ihren Tätigkeiten als Fluchthelferin. Nachdem sie aus Gurs fliehen konnte, landete sie bald im Küstenstädtchen Banyuls-sur-mer, unweit der spanischen Grenze. Von dort brachte sie zahlreiche Verfolgte über einen alten Schmugglerpfad über die Grenze nach Spanien. Auch Walter Benjamin führte sie – als allerersten – über die Pyrenäen. Noch heute kann der Schmugglerpfad als „Chemin Walter Benjamin“ von Banyuls bis nach Portbou begangen werden. Dass Benjamin sich im spanischen Grenzort Portbou das Leben nahm, erfuhr Fittko erst Wochen nach seinem Tod. Lisa Fittko war sich bewusst, dass sie und viele Widerständler*innen oft schlichtes Glück gehabt haben. Dennoch stellt sie an vielen Stellen heraus, wie eminent wichtig, auch überlebenswichtig, ein widerständiges Handeln ist, das auf Strukturen zurückgreifen kann. In Erinnerung an das Frauenlager in Gurs beschreibt Fittko, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen den politisch organisierten und den anderen Frauen bestand. Letztere fragten nämlich: Was wird mit uns geschehen? Während erstere fragten: Was können wir tun?


Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41. (1992)
Ute Scheub: Das falsche Leben: Eine Vatersuche. (2006)
Christiane Kohl: Das Zeugenhaus. 2005. (aus der Story hat das ZDF im Übrigen einen seltsamen Fernsehfilm mit Iris Berben et.al. gemacht... gibt’s auf Youtube!).