Dietlind Falk, Jahrgang 1985, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, lebt in Düsseldorf und studierte Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität. Derzeit promoviert sie am dortigen Institut für American Studies und arbeitet freiberuflich als Übersetzerin. „Das Letzte“ ist ihr erster Roman.

Lächel-Crashkurse machen keine fröhlichen Menschen

Der Titel deines Romans ist kurz und prägnant, aber auch mehrdeutig. Wie kam er zustande und wer oder was ist eigentlich „das Letzte“?

In dem Buch geht es in erster Linie um eine Tochter, die durch gewisse Umstände die Messiewohnung ihrer Mutter ausräumen muss. Fast alles, was in einschlägigen TV-Formaten über dieses Thema gesendet wird, zielt darauf ab, dass sich die „normalen“ Zuschauer*innen darüber aufregen können – oder sollen –, wie ekelhaft faul und verlottert „diese Leute“ sind. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem Ordnung und Sauberkeit quasi mit der Muttermilch eingesogen werden sollen, sind Messies im öffentlichen Tenor einfach „das Letzte“. Dass das Ganze mit Faulheit nichts zu tun hat, ist völlig egal: Das Messiesyndrom ist in unserer überaus rigiden Gesellschaft eine ideale Projektionsfläche, um abweichendes Verhalten zu skandalisieren und mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, die eben anders ticken als erwünscht. Das gilt auch für die anderen Figuren des Romans, junge Leute, denen Ordnung völlig egal ist und die ganz gut damit fahren. Der Titel ist insofern auch ganz gegensätzlich lesbar: Wenn einem die Gesellschaft sagt, man sei das Letzte, hat man vielleicht alles richtig gemacht.

Was hat dich bewogen, dich mit diesem Thema auseinanderzusetzen? Und wie hast du dich darüber informiert?

Die unspannende Antwort ist: Ich weiß es nicht mehr. Die Mutter war jahrelang nur eine Nebenfigur, bis ich merkte, dass sie das eigentlich interessante Element der Geschichte ist und es mir verhältnismäßig leicht fällt, mir ihre Welt vorzustellen und darüber zu schreiben. Je mehr ich dann recherchiert habe, desto mehr hat mich das Thema gepackt: diese absolute emotionale Bindung, die Messies zu Gegenständen aufbauen, während ihr Sozialleben verkümmert. Diese Wohnungen, die zu Psychogrammen ihrer Bewohner*innen werden. Und eben die totale gesellschaftliche Ausgrenzung. Viel Fachliteratur gibt es zum Thema „Messies“ nicht, ich habe dann hauptsächlich in Internet-Foren gelesen und überall gemerkt, wie viele Leute dieses Thema unmittelbar betrifft. Es gibt auch ein paar wirklich empfehlenswerte Dokumentationen: „Geliebter Müll – Vom Mann, der nichts wegwerfen konnte“ von Raymond Ley beispielsweise, oder „Messies – Ein schönes Chaos“ von Ulrich Grossenbacher. Natürlich habe ich mir diverse „Messiesendungen“ angesehen, und ich fand die Messies immer ziemlich sympathisch, während die Außenwelt in Form von Tine Wittler oder wie sie alle heißen, einfach nur scheußlich war. Natürlich hilft es einem Messie nicht, erzwungenermaßen aufzuräumen, und natürlich sieht es nach sechs Wochen wieder chaotisch aus. Das Perfide an diesen Sendungen ist dann nämlich der vorprogrammierte Aufreger am Schluss: Dieser undankbare Messie hat alles wieder verkommen lassen, also so was! Mit jemandem, der depressiv ist, kann man auch keinen Lächel-Crashkurs machen, und danach ist er ein fröhlicher Mensch. Die deutschen TV-Formate sind in dieser Hinsicht übrigens deutlich extremer als vergleichbare ausländische Sendungen, in denen den Messies eher positives Interesse und Verständnis entgegengebracht wird. Das fand ich bezeichnend.

Eine junge Autorin erzählt die Geschichte einer jungen, namenlosen Protagonistin – da stellt sich nach dem Lesen fast zwangsläufig die Frage: Gibt es in deinem Roman autobiografische Einflüsse?

Nein, es ist ein Roman. Meine Mutter ist der ordentlichste Mensch, den ich kenne, und mein Vater hat mir ausführlich die Sternbilder erklärt. Natürlich schaut man als Autorin seinem Umfeld auf den Mund und fragt dann, ob man den Spruch oder die Geschichte für seinen Roman verwenden darf, und natürlich gibt es Überschneidungen zwischen der Gefühlswelt und Lebensführung der Protagonistin und meiner eigenen. Ich habe auch schon liebeskrank im Supermarkt gestanden und nie wieder essen wollen, und meine Schuhe sind auch mehr Kruste als Schuh, aber im Großen und Ganzen ist es eine fiktive Geschichte. Das wäre sonst auch eine traurige und unspannende Existenz als Autorin, wenn man nur über sich selber schreiben könnte. Als wäre man ein Architekt, der immer nur das Haus baut, in dem er sowieso schon wohnt.

Vielen Dank für das Interview!

Die Autorin ist live zu erleben:

Lesung am Abschlusstag der Micropop-Week am 1.4.2017, Musikzimmer/Weltkustzimmer

Release-Party mit Lesung am 7.4. in der Butze, Weissenburgstr. 18, Derendorf
zu Sie ist auch auf der Leipziger Buchmesse zu Gast. Termine auf der Internetseite des Verlags.
Das Interview führte der Albino-Verlag.