Als Vorreiter in "kreativer Finanzbeschaffung" hat die Stadt Düsseldorf bereits unter der rot-grünen Ratsmehrheit 1997 damit begonnen, sogenannte "US-Lease"-Geschäfte durchzuführen, mit denen nicht nur Millionen in die Kassen der Stadt und ihrer "Töchter" gespült wurden, sondern mit denen es insbesondere US-Konzernen ermöglicht wird, langjährige "Steuerstundungen" zu erlangen. Grundlage dieser Geschäfte ist die Täuschung von Öffentlichkeit und Steuerbehörden.
Wie es geht und was es bringt:
Die Stadt Düsseldorf beschließt, eine Firma mit der Vermittlung eines
US-Lease zu beauftragen. Zum Beispiel für das städtische Kanalnetz.
In den USA wird von dieser Firma ein "Interessent" gefunden und daraufhin
ein Vertragswerk entwickelt, welches höchster Geheimhaltung unterliegt.
Zentrale Punkte dieses Vertrages: die Stadt verleast zu einem Betrag von z.
B. 500 Millionen Euro ihr Klärwerk für 99 Jahre an den "US-Investor".
Da der aber ein Klärwerk in Düsseldorf gar nicht will, während
es die Stadt Düsseldorf ja benötigt, least die Stadt Düsseldorf
das Klärwerk anschließend für 99 Jahre zurück. Zur Abwicklung
dieses Geschäftes wird eine Zwischengesellschaft auf den Cayman-Inseln
gegründet (dort gibt es bei 30.000 Einwohnern 50.000 Bankfilialen), Gerichtsstand
ist New York.
Das Klärwerk hat ab nun zwei Besitzer: im deutschen Recht ändert
sich nichts, weil das Klärwerk ja nur "verleast" wird. Besitzer
bleibt die Stadt Düsseldorf. Im US-Recht hingegen gilt der US-Investor
nunmehr als Besitzer, weil bei Leasing-Verträgen von 99 Jahren das "wirtschaftliche
Eigentum" faktisch übertragen wird. Folge: in den USA kann der Investor
den Kauf des Klärwerks steuerlich abschreiben. Innerhalb der Verträge
zwischen Stadt und Investor ist festgelegt, dass die Stadt aus diesem Geschäft
einen "sogenannten Barwertanteil" erhält. Bei einem Volumen von
1,5 Milliarden Dollar zum Beispiel 62 Millionen US-Dollar. Der Steuervorteil
des "Investors" beträgt nach Einschätzung von Fachleuten
zwischen 10 und 35 Prozent der Investsumme (also bis zu 525 Millionen US-Dollar).
Der Barwertvorteil liegt also im Bereich von Peanuts. Realer Sinn des Geschäfts:
Gewinnerzielung aus der Belastung steuerlicher Solidargemeinschaften der USA
und der Bundesrepublik. Hinzu kommen Bankgewinne an den zur "Finanzierung"
des Leasinggeschäftes aufzunehmenden Krediten und an den Vertragsabschlüssen
selbst unter Nutzung der insolvenzsicheren Stellung der Kommunen.
Real sind zudem oftmals diese kreditgebenden Banken selbst die US-Investoren,
die "beratenden Firmen", die die Geschäfte vermitteln, mit ihnen
verwoben.
Die auf 99 Jahre angelegten Verträge sollen nach 26 Jahren von beiden Seiten
gekündigt werden. Darüber besteht schon heute Einigkeit. Gleichwohl
soll genau das nicht öffentlich bekannt werden. Insbesondere nicht den
US-Finanzämtern, die das Geschäft ansonsten nicht als steuermindernd
anerkennen würden.
Risiken für die Stadt
In Düsseldorf sind mittlerweile unter anderem die Müllverbrennungsanlage,
das Straßenbahndepot, Kanalnetze und das Schienennetz der Rheinbahn an
US-Investoren verleast (siehe Tabelle). Für die Messe, für Schulgebäude
und die noch nicht errichtete Arena sind entsprechende Geschäfte geplant.
Die Stadt verpflichtet sich in den Verträgen einerseits zur Werterhaltung
der Leasing-Objekte, zum anderen zu deren Weiterbetrieb. Dies kann, gerade auf
längere Frist, zu enormen Schadenersatzansprüchen der sogenannten
US-Investoren führen. Erst kürzlich ist bei der Flutkatastrophe zum
Beispiel das ebenfalls verleaste Klärwerk in Dresden zerstört worden.
Die Stadt baut es nun wieder auf. Hätte sie auf den Aufbau verzichtet (um
zum Beispiel dezentrale, kleinere und damit ökologischere Kläranlagen
zu bauen), wäre es möglicherweise zum ersten Schadenersatzprozess
gekommen. Und dabei geht es dann um Beträge von mehreren 100 Millionen
Dollar.
Beschnitten wird zudem die Entscheidungsfreiheit der Kommunen: ein langfristig
verleastes Schienennetz kann nicht einfach demontiert, eine Müllverbrennungsanlage
nicht stillgelegt werden.
Zudem beteiligt sich die Stadt mit solchen Machenschaften genau an jener Steuerpolitik,
die ursächlich für ihre Finanzmisere ist: die Steuerfreistellungen
für Großkonzerne für Veräußerungsgewinne und bestimmte
Auslandsaktivitäten hat zu zahlreichen ähnlichen Scheingeschäften
geführt, die Körperschaft- und Gewerbesteuerzahlungen sind in Folge
weggebrochen. Und - trotz gegenteiliger Behauptungen - ist immer noch nicht
geklärt, ob nicht auch deutsche Konzerne an den Zwischengesellschaften
auf den Cayman-Inseln beteiligt sind und damit zum Einnahmerückgang in
den Kommunen beitragen.
Wer verdient da?
Die sogenannten "Cross Border Leasings" mit europäischen Städten
führten nach Schätzung des US-Finanzministeriums bereits 1999 zu einem
jährlichen Steuerverlust für die öffentlichen Haushalte von 10,2
Mrd. USD, die gleichzeitigen Verluste der europäischen Staaten dürften
derzeit mit steigender Tendenz 50 % davon betragen. Hauptverdiener an den Deals
sind US-amerikanische Banken, die als "Investoren" auftreten. Doch
auch in Düsseldorf wird abkassiert: hier sitzt mit "duefinance"
eine der "unabhängigen" Beraterfirmen, die Kommunen und städtische
Töchter an die Hand nehmen beim Abschluss dieser Verträge. Auch die
"East Merchant", eine Tochter der sächsischen Landesbank, "arrangiert"
von Düsseldorf aus entsprechende Geschäfte.
Während "duefinance" bei jeder Beratung abkassiert, ist es bei
"EastMerchant" offenbar so, dass Honorare nur bei einem Vertragsabschluss
zustande kommen. Damit ist die "Beratung" natürlich davon geleitet,
die Risiken herunterzureden, um selbst verdienen zu können.
Politische Debatte
Vor gut zwei Jahren begann eine politische und öffentliche Debatte über
die US-Lease-Geschäfte, hauptsächlich angestoßen durch den Kölner
Journalisten Werner Rügemer. Seitdem können diese Geschäfte in
keiner Stadt mehr ohne kritische Nachfragen und Diskussionen über die Bühne
gehen. Innerhalb der Kommunalparlamente hat sich allerdings so gut wie nichts
geändert: die Ratsmitglieder aus SPD, CDU, Grünen und FDP stimmen
zu, ohne genau wissen zu wollen, worum es geht, die der PDS stimmen dagegen.
In Düsseldorf reicht es der Ratsmehrheit jeweils aus, dünne Papiere
mit unkonkreten Angaben zu erhalten. Die Originalverträge liegen nie vor
(und es gibt sie auch nur in Englisch), teilweise sollen sie sogar den Verwaltungsspitzen
nicht bekannt sein, sondern nur in New Yorker Tresoren schlummern.
Angesagt ist eine größere Öffentlichkeit gegen den Abschluss
weiterer US-Lease-Verträge. Einen ersten Erfolg gab es Mitte November in
Kulmbach: dort kippte ein Bürgerentscheid einen beabsichtigten US-Deal.
FRANK LAUBENBURG
www.terz.org - 17.12.2002