Seit dem Platzen der großen IT-Seifenblase vor gut eineinhalb Jahren
dümpelt die gar nicht mehr so neue New Economy mehr oder weniger vor sich
hin. Auf Kundenseite hat sich der Enthusiasmus bezüglich der sich durch
E-Commerce, E-Marketing und allgemeinem E-Gittigitt ergebenden Möglichkeiten
schon seit langem gelegt. Mittlerweile ist ein eigener Webauftritt für
jedes Unternehmen zu einem zwar selbstverständlichen, aber nicht mehr unbedingt
"dem" bevorzugten Werbemedium geworden, mit dem es sich zu profilieren
gilt.
Pleiten, Pech und Pannen stehen seitdem für viele Multimedia- oder Internet-Agenturen
auf der Tagesordnung. Firmen-Auflösungen, Übernahmen durch Großkonzerne,
Outsourcing und Dumping-Angebote prägen das Bild des Marktes. In der vorübergehend
mit - selbst innerhalb links-alternativer Kreise, da teilweise sogar aus ihnen
heraus gegründeten - einigem Optimismus betrachteten "New Media"-Branche
ist längst der kapitalistische Alltag mitsamt seinen allseits bekannten
rauen Sitten eingekehrt.
Der Star der Branche, die Berliner Pixelpark AG, die einmal mit dem pop-linken
Motto "Visionär, evolutionär, revolutionär" oder Sprüchen
wie "Wir lassen uns nicht verbiegen, wir sind anders als die angepassten
Werbeagenturen" aufgefallen ist, steht mittlerweile vor dem Aus. Über
750 von ehemals rund 1200 weltweit Angestellten wurden schon auf die Straße
gesetzt. Der Rest ergeht sich in Galgenhumor und prä-juristischer Absicherung
(vgl. Spiegel 48/2002).
" ... immer eine gute Adresse ... "
Auch in Düsseldorf als Möchtegern-Medien-Metropole mangelt es natürlich
nicht an Beispielen. So berichtete die TERZ bereits in der Sommerausgabe letzen
Jahres (7/8.01) von einer besonders "originellen" Massenentlassung
bei der Adcore AB (heute dbc - digital business creators). Auf einer im eigens
dafür angemieteten Dorint-Hotel stattfindenden Vollversammlung wurde die
Belegschaft aufgeteilt und verschiedenen Räumen zugewiesen - wobei sich
der Raum "Beethoven 4" leider als derjenige erwies, in dem die Entlassungspapiere
in Empfang genommen werden durften ...
Ende November ist es nun erneut zu einer Reihe von Entlassungen innerhalb der
lokalen Medienlandschaft gekommen, unter anderem bei der hiesigen Niederlassung
der schwedischen Satama AG sowie der eigenständigen Düsseldorfer Agentur
Clicktivities. Letztgenannte gewährt dabei einen aufschlussreichen Blick
auf die - angesichts der immer noch vorgeführten anti-hierarchischen und
mitbestimmungs-orientierten Posen - archaisch wirkenden Praktiken dieser "neuen"
Ökonomie: Nachdem noch wenige Wochen zuvor den Angestellten der Clicktivities
AG "trotz der allgemein angespannten Marktlage" die Ungefährdetheit
ihrer Arbeitsplätze versichert worden war, wurde plötzlich in einer
firmeninternen Rundmail lapidar von zwei Kündigungen berichtet und gleichzeitig
zu einer erklärenden Vollversammlung am nächsten Tag geladen. Noch
vor dieser kam es zu weiteren Entlassungen.
Erschwerend kommt hinzu, dass eine Mitarbeiterin, die den Kündigungen zum
Opfer fiel, vor einigen Wochen ein Forum ins Leben gerufen hatte, das die soziale
Kommunikation innerhalb der Belegschaft fördern sollte. Einen Betriebsrat
gab es, wie fast immer in dieser Branche, ohnehin nicht. Doch für die sich
ständig von revoltierenden Untergebenen bedroht sehende Chefetage waren
offenbar selbst diese Organisationsbestrebungen schon zuviel. Das Angenehme
mit dem (ökonomisch) Nützlichen verbindend, wurde die Initiatorin
(gemeinsam mit anderen, zum Teil etwas "sperrigen" Lohnabhängigen)
dem freien Arbeitsmarkt zurücküberführt. Dies dann noch als "betriebsintern
bedingte" und außerdem "sozial-verträglich vorgenommene"
Kündigungen zu deklarieren, stellt wohl den Gipfel des Zynismus dar.
"new economy" oder
"business as usual"?
Es bleibt festzustellen, dass selbst wenn einige "Markt-Pioniere"
mit ehrenwerten Absichten begonnen haben, und auch wenn einige Aspekte bei den
jungen Unternehmen mitarbeiterInnen-freundlicher sind als in der klassischen
Industrie, spätestens bei der ersten leichten Krise jegliche Alternativ-Modelle
offensichtlich über Bord geworfen werden und statt dessen nach guter alter
Manier verfahren wird. Der entfesselte, globalisierte Hardcore-Kapitalismus
zeigt halt letztlich allen, wer die dickeren Muckis hat ...
Eine augenscheinliche Parallele existiert übrigens im politischen Bereich
bei der Partei der Grünen. Wenn wir bedenken, zu was sich ein ehemals Steine
schmeißender, später dann immerhin noch Turnschuh tragender, endlich
aber in einem langen Lauf zu sich selbst kommender Fischersbursch auf seinem
"Marsch durch die Institutionen" entwickelt hat - oder was für
ein Verhalten ein ehemaliger RAF-Anwalt in lang ersehnter "Regierungsverantwortung"
plötzlich an den Tag legt -, mutet das einfach nur nicht-neue Gehabe der
New-Economisten schon wieder fast hippiesk an.
Offenbar assimilieren Systeme also selbst jene Teile, die mit dem Anspruch sie
zu verändern oder gar sie zu unterwandern angetreten sind (für alte
"Max & Theo"-LeserInnen sollte dies freilich keine Neuigkeit sein).
Von daher kann es keine tatsächliche - und nicht nur vorübergehende
- Verbesserung innerhalb des bestehenden Systems geben - das System selbst ist
bereits der Fehler und gehört eben nicht modifiziert, sondern radikal ersetzt.
Kein leichtes Ziel, aber ein sich in den Kopf zu setzendes ...
do-IT