Sieben Monate lang protestierte eine Gruppe Roma schon gegen ihre drohende
Abschiebung in das ehemalige Jugoslawien, bis sie sich im November und Dezember
2002 entschlossen, denen einen Besuch abzustatten, die für die Abschiebungen
verantwortlich sind: die Büros der Regierungsparteien Grüne und SPD
in Düsseldorf wurden besetzt.
Bis zu diesen Aktionen erfreuten sich die Roma eines wohlwollenden Mitleides
aus Gutmenschenkreisen - während und nach den Besetzungen mutierten dieselben
Roma entweder zu unberechenbaren und aggressiven Rabauken, oder zu willenlosen
Opfern, die von AntifaschistInnen und PDSlerInnen instrumentalisiert wurden.
Um diese Entwicklung nachvollziehen zu können, ist es nützlich, einige
Fakten Revue passieren zu lassen. Zunächst war und ist die Gruppe der Roma
nicht homogen. Es handelt sich bei ihr um Menschen aus verschiedenen sozialen
Lebenslagen, denen nur eines gemein war: Sie sollen abgeschoben werden und wollen
das nicht. Einige der Roma besitzen noch Duldungen, andere leben bereits illegal
hier. Nach Monaten des Protestes, der immer wieder begleitet wurde von vollzogenen
Abschiebungen, waren im Spätherbst viele Roma physisch und psychisch am
Ende ihrer Kräfte - eine Mischung aus Resignation und Widerstandswille
war vorherrschend.
Die Gruppe der Düsseldorfer UnterstützerInnen ist ebenfalls nicht
homogen. Sie setzt sich genauso aus Menschen, die humanitäre Einzelfallhilfe
leisten wollen zusammen, wie aus Menschen, die in linken Gruppen arbeiten und
denen Solidarität eine Selbstverständlichkeit ist. Gerade die humanitären
UnterstützerInnen aus christlichen/grünen/libertären Kreisen,
die wichtige praktische Unterstützungsarbeit leisteten, gerieten - je länger
das Düsseldorfer Protestcamp andauerte - in eine hilflose Lage. Sie wurden
aufgefressen von der Menge der alltäglichen Arbeit und konnten keinen (politischen)
Ausweg aus der Situation erkennen. Teile der humanitären UnterstützerInnen
rieten zur sogenannten "Einzelfallprüfung" und damit zur Aufgabe
des politischen Protestes, andere resignierten zusehends.
Mit dem Einsetzen der Herbststürme und der Frosttemperaturen verschärfte
sich die Situation für die Roma. Aus ihrer Sicht mußte es zwei Dinge
geben: a) Ein Bleiberecht für Roma b) bis zur Verkündung des Bleiberechtes
eine warme, trockene und sichere Unterkunft für die Roma, die sich am Protestcamp
beteiligten. Für die Erfüllung der ersten Forderung ist die Politik
zuständig, das zweite können auch gesellschaftliche Großorganisationen
(z.B. durch Kirchenasyl) leisten.
Grüne Politik machen, heißt 110 wählen
Aus dieser extremen Situation besetzten die Roma am 27. November 2002 das Landesbüro
der nordrhein-westfälischen Regierungspartei Bündnis 90/Die Grünen.
Sie forderten ein Gespräch mit grünen Politikern und Gastrecht für
die nächste Zeit. Während die grünen Politiker für ein unverbindliches
Gespräch zur Verfügung standen, wurde die zweite Forderung abgelehnt
und die Roma zogen sich unter Drohung der Festnahme und der möglicherweise
daraus resultierenden Abschiebung zurück. Bemerkenswert ist hierbei die
Kaltschnäuzigkeit der grünen PolitikerInnen: Während die Landtagsabgeordnete
Monika Düker* mitfühlend darauf verwies, dass die Roma rausmüssten,
weil es ja sein könne, dass sie sich in der Grünen-Zentrale anzünden
würden und das sei ja gefährlich ..., fanden andere Grüne nur
"dass die hier stören". An diesem Abend wurde schlagartig deutlich,
dass die "Unterstützung" der Grünen für die Roma nur
dann gilt, wenn diese brav bleiben und nicht lästig werden. Festzuhalten
verdient ebenfalls, dass der Geschäftsführende Landesvorstand der
Grünen einstimmig dafür votierte, die Roma-Demo notfalls mit Polizeigewalt
zu räumen.
Während der Besetzung der Grünen-Zentrale wechselte ein Teil der humanitären
Roma-UnterstützerInnen die Seite. Sie erklärten den besetzenden Roma,
dass die Grünen doch ihre Freunde seien, und dass man so doch nicht mit
Freunden umgehen dürfe. In der Regel bekamen sie zur Antwort, dass die
Grünen doch Regierungspartei seien, dass für die Lageberichte des
Auswärtigen Amtes, die die Abschiebungen ermöglichen, der grüne
Außenminister verantwortlich zeichnet, und dass sich die Grünen zumindest
für einen NRW-weiten, sechsmonatigen Abschiebestopp einsetzen könnten.
Die grünen Politiker, die sich noch nicht einmal für die letzte Forderung
engagieren wollten, setzten auf Diskriminierung: Die Meinungen und Forderungen
der Roma wären nicht aus eigenen Überlegungen entstanden, sondern
wären den Roma von den Linken aufgezwungen worden. Ein Teil der UnterstützerInnen
aus dem christlichen/grünen/libertären Spektrum übernahm diese
Sichtweise. So kam es zu der bedauerlichen Situation, dass ein Teil der Roma-UnterstützerInnen
während der Besetzung der Grünen-Zentrale gemeinsame Sache mit den
grünen Politikern und des polizeilichen Staatsschutzes Düsseldorf
machte, und die Roma zum Gehen aufforderte.
Einige der Roma gewannen in der Aktion neues Selbstbewusstsein. Sie erlebten,
wie sie durch eigene Kraft und mit Hilfe der loyalen UnterstützerInnen
wieder Bewegung in die festgefahrene Situation bringen konnten. So wurde die
Protestaktion noch einmal bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus publik,
und der Handlungsdruck auf die Politik erhöht. Das gesteigerte Selbstbewusstsein
der Roma äußerte sich in den folgenden Tagen in der Teilnahme an
der Demo gegen den Abschiebeknast Neuss, und in Form einer lautstarken Demonstration
zum Innenministerium aus Anlass der Selbstverbrennung eines Roma als Protest
gegen die drohende Abschiebung.
Ebenfalls Ausdruck des Widerstandswillen der Roma war die Verweigerung des Vorzeigens
der Papiere anlässlich einer morgendlichen Razzia im Protestcamp. Die Düsseldorfer
Behörden leisteten der Essener Ausländerbehörde Amtshilfe bei
der versuchten Abschiebung von Roma-Familien, doch die Roma verweigerten sich
der Personalienfeststellung, und riefen stattdessen ihre UnterstützerInnen
herbei, von denen innerhalb kürzerer Zeit mehr als 30 erschienen und mit
dafür sorgten, dass die Razzia ergebnislos abgebrochen werden musste. Als
Reaktion auf die Razzia "besuchten" am gleichen Tag rund 30 Roma zusammen
mit einigen UnterstützerInnen die SPD-Zentrale in Düsseldorf. Hier
konnten sie mit der SPD-Politikerin Brigitte Speth (stellvert. Vorsitzende des
Landesvorstandes, MDL), reden, die zusicherte, für einen NRW-Abschiebestopp
wirken zu wollen. Sie gab bekannt, dass NRW-Innenminister Behrens einen solchen
Abschiebestop nach der Innenministerkonferenz (IMK) verfügen wolle. Dafür
gebe sie ihr Wort. "Nordrhein-Westfalen wird bei der Rückführung
von Roma nach Serbien und Montenegro auf Familien mit Kindern unter 16 Jahren
Rücksicht nehmen. [...] Das in der IMK erzielte Beratungsergebnis biete
den Ländern die Möglichkeit, behutsam vorzugehen." (Auszug aus
der Presseerklärung des Innenministeriums NRW) ist das vorläufige
Ergebnis. Somit ist davon auszugehen, dass es in den Wintermonaten keine Abschiebungen,
zumindest aus NRW, nach Ex-Jugoslawien geben wird. Ein dauerhaftes Bleiberecht
für Roma in Deutschland schloss Innenminister Behrens aber definitiv aus.
Der Kampf geht weiter...
Die Roma kämpfen weiter für ein dauerhaftes Bleiberecht und werden
die nächsten Wochen nutzen, um den Widerstand neu zu organisieren. Im Januar
ist ein bundesweiter Kongress zur Situation der Roma geplant. Mehrere Bundestagsabgeordnete
werden ins ehemalige Jugoslawien reisen, um sich ein Bild von der menschenverachtenden
Situation vor Ort zu machen. Auch die Frage der bereits illegalen Camp-AktivistInnen
wird weiterhin auf der politischen Tagesordnung stehen.
O./M.
www.terz.org - 17.12.2002