Leute, nu geht das aber aufwärts dieses Jahr! Schnallt euch ma gut
an, sonst fallt ihr noch vom Sattel ... oder durchs soziale Netz ... Spaß!
... na, was wächst denn da? Na die Wirtschaft! Frankreich meldet 0,4 %,
die Niederlande 0,1%, Italien 0,5% ... und Dusselland? Und, spürt ihr denn
nix (Siemens, Telekom melden achtbare Gewinne)? Na, is ja auch egal, Wirtschaft
wächst auf jeden und auch ohne Euch - denn, und das ist der Knaller, wächst
nämlich ohne Jobs! Jahaha! Wächst nämlich nur, weil Unternehmen
lästige Kosten ergo Jobs radikal kürzen! So wächst Wirtschaft!
Das ist Volkswirtschaft Grundkurs, ganz praktisch für alle! Frage nur:
Wer und wie dann kaufen? Antwort: Schulden machen! Jahaha! Auf Pump kaufen!
Sachen, die man eh nicht braucht. Kann man dann wieder verkaufen. Oder Sachen,
die man nen bisschen mehr braucht. Zum Beispiel diese wunderbare Musik. Kann
man dann ja wieder verschenken. Juhuhu.
ROBERT LAX: WAKE UP. RE-LAX (intermedium rec)
Es gab Künstler, denen literarischer oder künstlerischer Ruhm tatsächlich
nichts bedeutete. Für sie zählte hauptsächlich das, was kunsthistorisch
der kreative Prozess, die Arbeit oder das Werk genannt wird. Jede Zeit scheint
angesichts der auf pure bessere Verwertbarkeit oder Funktionalität beharrenden
Marktvulgarität erneut vor dieser seltsamen Tatsache zu stehen, einer störrischen
Restkreativität, die sich selbst genug ist wie ein Lied, das in den Wind
gesungen wird. Der einstige Journalist und spätere Dichter Robert Lax (1915-2000)
fand sich im New York der Nachkriegsjahre nicht zurecht. Er entdeckte die Welt
des Zirkus, mit dem er durch Westkanada reiste, ab 1964 aber lebte er als Eremit
auf griechischen Inseln. Das Projekt präsentiert eine CD mit Original-Lesungen
von Lax minimal-konkreter Poesie und eine mit Remixen - in diesem Kontext klingt
das Wort seltsam blöde -, besser: zeitgemässen Bearbeitungen dieser
Texte durch elektronische und improvisatorische Projekte. Gleich, ob sich die
Texturen verweben, überkreuzen oder sperren, hier ist kreatives Abenteuer.
CORDELL KLIER: WINTER (Ad Noiseam)
Winter is'. Na sach bloß. Schneidend scharfe Kälte, die ein präzises
Denken werkzeuggleich initiiert, warmer Gefühlshauch vorm Mund, der vereiste
Träume wieder auftauen lässt. Klier, einer der profiliertesten US-Underground-Elektroniker,
generiert den Winter als Metapher für das Absterben von Altem, Unnötigem
und als das Innehalten und Vorbereiten auf das Neue und zu Kommende in einem
10stückigem Panorama aus ambientösen Clicks'n Cut-Drones, die keine
putzige Romantik, sondern klare Unausweichlichkeit sind.
PIANA: SNOWBIRD (Happy)
Hier die verträumtere und melancholischere Winter-Variante: das Debut der
Japanerin Morioka steht als kleines Beispiel für einen alternativen Popbegriff,
der in seiner unheischigen und auf jegliche personale Images verzichtenden Präsentationsweise
weit entfernt vom komplett abnervendem und in jeder Hinsicht strategisch nutzlos
gewordenem Pop-Fetisch des Feuilletons ist. Die Musik, die man sich als eine
Haiku-inspirierte Variante von Virginia Astley's "In gardens where we feel
secure" vorstellen kann, träumt den Frühling voraus.
MY JAZZY CHILD: SADA SOUL (Clapping Music)
Der Pariser Damien Mingus auf den Spuren von This Heat, Robert Wyatt oder den
Residents kreiert eine eklektizistisch-ureigene Musik, in der FlüchtigkeitsFolk,
ätherisch-konkreter Nomadismus, dreister AvantPop und GeräuschJazz
heftig und zart miteinander korrespondieren. Aus dem wilden Spiel der Gegensätze
schält sich alsbald die Kontur des Ganzen heraus: kompromisslose Gegenwartsmusik,
deren schöne Freiheit wegweisend ist.
V.A.: TWO POINT TWO (12k/Line)
Diese Doppel-Label-Werkschau ist Essenz, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
zugleich. Labelgründer Taylor Deupree hat 12k und Line in sieben bzw. vier
Jahren zu einem klar erkennbarem Identifikationspunkt inmitten der Flut elektronischer
Musik und Klangkunst machen können. Während 12k nach wie vor die Möglichkeiten
rhythmusdekonstruierter Elektroakustik überzeugend auslotet, geht es bei
Line um die konzeptuellen Klangwelten radikal-minimaler Digitalelektronik. Vor
allem letzteres braucht Konzentration und Freude.
V.A.: LABOR SONOR / KULE / BERLIN (Charhizma)
Sicher, der Berliner Anorak. Das war noch was, oder? Ein Ort, wo improvisierte
Musik sich in einem verdammt unprätentiösem Ambiente suchen und finden
konnte. Wahrlich ein subkultureller Ort, und als er vorbei war, war es auch
mit den wilden Zeiten in Berlin vorbei. Danach kam nur noch der scheußliche
subkulturindustrielle Alltagsglamour. März 2000 öffnete dann in der
Auguststrasse das KuLe: vieles bis fast alles ist möglich, Idealismus rult,
das Publikum hört konzentriert zu und hat Durst, eine gute Mischung. Abgebildet
hier auf einer Audio- und einer VideoCD...eine kleine gute Plattform mehr.
CURRENT 909: THE PRICE FOR EXISTENCE IS ETERNAL WARFARE (dOc/atmosfear)
Blöder Titel für ein dann überraschend gutes Projekt: Pure, früher
von Minimalelektronik bis Speedcore unterwegs, sagt schon früh an, dass
alte Industrialuntugenden sein Ding sind. Ein Sample aus dem alten Heulerfilm
"Decoder" bildet zudem die Basis für diesen finsteren Graufilm,
der subtil wie eindringlich zugleich seine einnehmende und tiefe Atmosphäre
verbreitet.
VENETIAN SNARES: THE COCOLATE WHEELCHAIR ALBUM (Planet Mu)
Hammerscheibe auf Paradinas Label! Der gute Aaron "Spaßvögelchen"
Funk, sampelt alles was nicht niet- und nagelfest ist, macht irrwitzigen, superfixen
und hochinnovativen Drum'n'KeineAhnungWas draus und eine Platte, die richtig
Spaß macht! Bei aller Hibbeligkeit kein bisschen nervtötend, sondern
äußerst Synapsenundwassonstnochsostimulierend. Frühstücksirrsinn!
BEIGE/CHARLIE FERRARI/JLIAT/PITA (Alku)
So, jetzt mal kurz Zeit für Alku. Denn wenn ihr Euch für Klänge
interessiert, die mindestens so marginalisiert sind wie ihr selbst, solltet
ihr das Alku-Label aus Barcelona im Netz besuchen. Sie veröffentlichen
nur MiniCDs, und wer steht nicht auf dieses Format? Mir liegt hier gerade der
störrische Humor des genialen Kölner Avantfunkers Beige vor, early
works des Wiener Mego-Dons Pita als eine Art Digital-Piercing, die sehr clever
erweiterte Warp-Analog-Ästhetik des Charlie Ferrari und das radikale Festplattenputzen
von Jliat im Stile von Otomo Yoshihide - alles kein Ausschuss, sondern hochintelligente
aktuelle Elektronik, die auf Entdeckung wartet. Interessiert? Check http://personal.ilimit.es/principio
GHISLAIN POIRIER: CONFLITS (intr_version)
Experimentellster HipHop aus Montreal: da stolpert der Beat schon mal aus dem
Plattenspieler und verteilt jede Menge Kopfnüsse an die Standardnicker.
Sympathisch, entspannt und politisch äußerst druff - Titel wie "Résister",
"Inégalités", "Terrorisme allimentaire" oder
"Un siècle de génocide" zeugen deutlich davon - entsteht
ein dichtes Bild von dem, was HipHop heute fehlt.
LARVAE: FASHION VICTIM (Ad Noiseam)
Matthew Jeanes' Projekt hingegen nutzt Illbient und Noise-Elektronica, um seine
Frustration mit der Welt der Mode auf den Punkt zu bringen. Dass Mode, Image
und Oberfläche die Substanz der Dinge auf eine penetrante Weise untergraben
und überflügeln, wie er sagt, nervt nicht nur ihn. Der Sound, den
er dafür findet, ist kompromisslos tough, könnte aber mitunter noch
konkreter sein.
V.A.: THE MUSIC FROM THE FASHION WEEK (george V)
Die oszillierende Falschheit der Modewelt und ihrer subkulturellen Verbündeten
kommt nämlich auf diesem Sampler noch viel schöner zum Vorschein:
die Shows von Diesel, Cerruti, Dolce & Gabbana oder Sonia Rykiel bedienen
sich nämlich kräftig bei der Musik, die euch die "unabhängigen"
Musikblättchen immer noch so gerne als wild und gefährlich unterjubeln,
unter anderem die FeministInnenpopper von "Le Tigre". Da macht euch
mal selbst n' Reim draus.
TROST: TROST (FM 4.5.1/Polytrash)
Das Zeug für künftige UnderOverground-Fashion-Shows hätte Annika
Trost aus Berlin, eine Hälfte des ziemlich guten Radikal-Poptrash-Duos
Cobra-Killer, auch - hoffentlich wird nix draus, und die junge Dame schärft
stattdessen lieber noch mal ordentlich ihre Krallen. Charmantbissiger Chanson'n'Roll,
alles selbstproduziert, mit Catani und Paul PM und auf Jasmin Tabatabais Label.
SUDDEN ENSEMBLE: amll (Angelika Köhlermann)
Das sympathische Label fährt nun auch seinen ganz eigenen weißen
Streifen: ein fem/male-Duo aus der Gegend um New York veröffentlicht ein
trashiges Debut, wie fein...aber dann erinnert der Sound doch eher an Fall in
gut (also wie früher) und Royal Trux ohne Bikerboots. Lo-Fi-Müsliriegel
für zwischendurch.
TRIO ELÉTRICO: ECHO PARCOURS (Modern Soul)
Der kleine Clubhit "Cavewoman" könnte von dem Nürnberger
Trio noch bekannt sein. Beim Debut wird mehr denn je klar, dass die drei Clubvibe-Urgesteine,
darunter Peter Heider von Boozoo Bajou, einst in ein Zaubertrank-Fass voller
Groove gefallen sein müssen. Die Schwingungen sind derart relaxed, fett,
und true, dass man aus dem Shaken gar nicht mehr wirklich herauskommt.
SWAYZAK: FABRIC 11 (fabric)
Ist irgendwie bislang verschütt gegangen: ein amüsanter, interessanter
und sehr bewusster Mix der Techno-Popper Swayzak kickt freigeistige Elektro-Klassik.
GERHARD POLT & BIERMÖSL BLOSN: OBATZT IS (Zyx)
In Bayern gehen die Uhren anders. Manche meinen, die Uhren da unten sind eh
kaputt. Polt ist ohne Frage eine bayrische Pflanze, eine von denen, die auf
dem besten Humus blühn, den Bayern je hatte und noch hat: kompromisslose
Querköpfe, denen der Schalk derart hart im Nacken sitzt, dass man es erst
gar nicht fühlt. Doch du gehst gewiss mit ner Beule nach Hause. Das Grantelnde
an sich gebiert einen Alltagsanarchismus in Spießermaske, der mit leidender
Feiertagsmiene das Absurde aus der gröbsten katholischen Diktatur herauszukitzeln
weiß. Die Biermösl Blosn (=Blase, Clique, Gang) sind drei musikalische
Hochtalente, die Polt in diesem hehren Auftrag unterstützen. Zwischen absurder
Deutschordenstümelei und spezlwirtschaftlicher Kleinkunst entstehen in
dieser 2stündigen Live-DVD Szenen aus der bayerischen Provinz, die man
in der Regeln, auch ohne Untertitel verstehen kann.
NEUSS TOTAL: WOLFGANG NEUSS, DER MANN MIT DER PAUKE (Bear Family)
Der Einstieg ins neue Jahr gelingt noch mal so gut mit einer Erinnerung an einen,
der auch in dunkelsten Zeiten in die Pointe verliebt war und bei allem staatstragendem
anmaßendem Schwachsinn fast nie den Humor verlor. Neuss, charismatischster
und witzigster Satiriker der Nachkriegszeit, war in den 60ern Deutschlands schärfster
und zugleich populärster Kabarettist. Auf der Höhe seines Ruhms wollte
er auf einmal nicht mehr. Das lebhafte und genaue Portrait von Volker Kühn,
das auf 2 CDs fast ausschließlich mit O-Tönen arbeitet, zeichnet
den Weg dorthin nach. Fast nur in Kabarett- und Insiderkreisen weiß man
noch um den anarchischen Polit-Clown, der ein kompletter, oft sauboshafter Querkopf
war. Dem Profi-Kiffer, der 1989 starb, ein korrektes Hör-Mal, mit 50 seitigem
Booklet. Angesichts seines Ausstiegs gab Neuss dem langjährigen Freund
Kühn, der seine Schriften herausbrachte und diverse Filme über ihn
drehte, in den 70ern zu Protokoll, er habe lange und hart dafür arbeiten
müssen, bis er oben war. "Jetzt arbeite ich am Gegenteil: Wie werde
ich unbekannt. Ich bin sicher, ich schaffe auch das." Los du Jahr, wir
schaffen dich schon!
www.terz.org - 25.12.2003