"Perspektiven-Kongreß" nennt sich das Veranstaltungswochenende, das Ende Januar von einer sogenannten "Initiative für natürliche Wirtschaftsordnung" in Düsseldorf durchgeführt werden soll. Unter grüner Beteiligung können dort Interessierte altbekannten Verschwörungstheorien gegen die "Zinsknechtschaft" lauschen.
"Geld entmachten"
Unter diesem Slogan sollen am 30. (!) und 31. 1. Veranstaltungen im Salzmannbau
auf dem ehemaligen Jagenberggelände stattfinden. Organisiert wird dieser
"Kongreß" vom "Bildungswerk Demokratie, soziale Politik
und Öffentlichkeit" (bdö), das sich wohl augenscheinlich ohne
tiefere Kenntnisnahme der Inhalte die Konzeption von den sogenannten "Freiwirtschaftlern"
hat aufdrücken lassen. Auch lokale politische Pominenz haben die Kongreßplaner
für ihr Podium angekündigt: Iris Bellstedt vom Deutschen Paritätischen
Wohlfahrtsverband (DPWV) und Mitglied der Düsseldorfer Grünen sowie
Ladislaw Ceki von der "Koordination 3. Welt-Gruppen" und andere sind
zur Podiumsdiskussion "Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert" in der
Ankündigung aufgeführt.
Woher kommt denn nun die "INWO"?
Die "Initiative für natürliche Wirtschaftsordnung" ist eine
der Gruppierungen, die unter verschiedenen Labeln die "Freiwirtschafts"-Theorien
des selbsternannten "Volkswirtschaftlers" Silvio Gesell verbreiten.
Der 1862 in Belgien geborene Kaufmann schrieb 1916 sein Hauptwerk "Die
natürliche Wirtschaftsordnung", in der er den Zins als das Übel
der Menschheit zu entdecken glaubte. Was bei Gesell von Unbedarften als Kapitalismus-Kritik
mißverstanden wurde, war nichts anderes als eine Verteidigung kapitalistischer
Produktionsverhältnisse gegen den Zirkulationsprozess fiktiven Kapitals,
eine als "unnatürlich" angesehene Geldvermehrung durch Zinspolitik.
Nicht die entfremdete Arbeit als Ware, die Abpressung des Mehrwertes geleisteter
Arbeit durch die Produktionsmittel-Eigner oder der Prozess der Akkumulation
des Kapitals wird hierbei kritisiert: Im Gegenteil - das Übel wird in der
angeblichen Behinderung einer krisenfreien "natürlichen" Ausbeutung
durch "unnatürliche" Zinswirtschaft geortet. Die Nazis griffen
dieses Feindbild mit der Unterscheidung von "raffendem" und schaffendem"
Kapital auf. Gesell, der die Logik der kapitalistischen Ökonomie schlicht
mißverstand, wurde zum Fürsprecher "ehrlicher Arbeit" mit
protestantischem Arbeitsethos gegen den "Zins-Wucher", und einer verqueren
Geldkritik, die Futter für antisemitische Feindbilder war. Solche Parolen
gegen die Ungerechtigkeiten der Geldvermehrung hatten daher auch nichts mit
sozialistischen Vorstellungen zu tun. Die Konsequenz der Gesell-Logik hieß
vielmehr: "Der wahrhaft völkisch-gesinnte Mensch haßt den Klassengeist
und möchte ein schönes Volksleben. Völkisches Empfinden duldet
keine Zinsknechtung."
Ökos für "Zuchtauswahl zur Rassenhygiene"?
"Die Menschen schaffen den Wohlstand, die Zinsen fressen ihn auf"
heißt es in der Ankündigung zu dem Düsseldorfer "Kongreß",
auf dem ökologisch und sozial verbrämt ein Hohelied auf die "ehrliche
Arbeit" und Ausbeutung angestimmt werden soll: "Der Kapitalismus kann
die soziale Marktwirtschaft endgültig ersticken" heißt es bedrohungsvoll
in der Ankündigung in völliger Verdrehung der Tatsache, daß
das Konzept der "sozialen Marktwirtschaft" selbst Ausdruck einer Regulierungsform
kapitalistischer Gesellschaften ist.
Was macht einen solchen Unsinn also für Ökos und andere mitmenschlich
oder gar anarchistisch Bewegte interessant?
Es ist wohl die Verkündung eines sog. "3. Weges" zwischen Kapitalismus
und Sozialismus, die gewürzt wird mit ökologischen und sozialen Leerformeln
und mit einem platten Feindbild vom "großen Geld", das auf tradierte
und antisemitisch gefärbte dualistische Bilder zurückgreifen kann:
Auf der einen Seite die "natürliche Wirtschaftsordnung" mit "ehrlicher"
Ausbeutung und Knechterei und auf der anderen Seite dunkle, raffende Mächte,
die das Geld horten und "unnatürlich" vermehren. Der Guru der
Freiwirtschaftler, Gesell, experimentierte Anfang dieses Jahrhunderts selbst
in der von Lebensreformern und Veganern gegründeten Siedlung "Eden"
nahe Berlin an seinen Freigeld- und Freiwirtschaftstheorien. Die zugleich dort
praktizierten Sonnwendfeiern und andere "germanische", "armanische"
Rituale waren durchsetzt von der völkischen Ideologie des Nationalsozialismus.
Gesell, der betonte, daß "die Juden nicht persönlich" für
den angeblichen Fluch des Zinses verantwortlich zu machen seien, vertrat allerdings
selbst ein biologistisches, sozialdarwinistisches und extrem antifeministisches
Gesellschaftsbild, das durch "Zuchtauswahl zur Rassenhygiene" und
Abschaffung des Geldes sowie "freien Wettbewerb den Tüchtigen begünstigt
und seine stärkere Fortpflanzung zur Folge hat."
Der Traum von einem "natürlichen Leben" ist es, der diese kruden
und teils lächerlichen, teils jedoch zugleich gefährlichen antisemitisch
verklausulierten Verschwörungstheorien für jene Ökos und Anarchos
interessant macht, für die eine tiefergehende Kritik der politischen Ökonomie
wohl schlicht zu anstrengend ist.
who is who im Freiwirtschafts-Gehege?
Die heutige Freiwirtschafts-Theorie ist ökonomisch gesehen nichts anderes
als eine neoliberal gefärbte Staatskritik mit marktradikalem Impetus, die
sich eine "rechtslibertäre" Tönung gibt. Der Neo-Gesellianer
Günther Bartsch, zugleich nationalrevolutionär orientierter Verherrlicher
des NS-Faschisten Otto Strasser, träumt gar von der Züchtung fleißiger
Arbeitsbataillone: "Eine physiokratische Eugenik, begründet auf freie
Liebeswahl und freien Wettbewerb, wird ...die Ursachen der Degeneration beseitigen...
Gesell möchte der natürlichen Auslese freie Bahn schaffen. Nicht auf
der Tierstufe, sondern als Ansporn zu immer besseren und höheren Leistungen,
die den Tüchtigen nach oben bringen und seine stärkere Fortpflanzung
begünstigen."
Faszinierend und erschreckend zugleich ist die Tatsache, daß sich Grüne
und alternativ Bewegte auch nicht von den Verquickungen der Freiwirtschaftler
in das rechtsextreme Netzwerk abschrecken lassen.
Sogar einige selbsternannte Anarchos scheinen sozialdarwinistischen Phantasien
eines "sex of the fittest" wohl derart angetan zu sein, daß
sie derartige Menschenzüchtungsphantasien gleich mit übernehmen.
Der anarchistisch orientierte Karin-Kramer- Verlag veröffentlichte gar
ein Buch des Nationalrevoluntionärs Bartsch - gemeinsam mit dem sich anarchistisch
gebenden Autor Klaus Schmitt - mit dem Titel "Silvio Gesell: 'Marx' der
Anarchisten?"
Neben solch skurrilen Ausformungen haben die Freiwirtschaftler auch organisatorische
Knaller zu bieten: Gemeinsam mit der erwähnten "INWO" kämpfen
auch die sog. "Christen für gerechte Wirtschaftsordnung" oder
der "Freiwirtschaftliche Jugendverband Deutschland e.V.", eine "Sozialwissenschaftliche
Gesellschaft" wie auch ein "Seminar für freiheitliche Ordnung
e.V." in geselliger Eintracht gegen Zins und Zinseszins. Da darf natürlich
auch eine Partei nicht fehlen!
Die Partei dieser sektenähnlichen Gesellen nennt sich "Freisozialen
Union FSU - Demokratische Mitte" und wurde 1950 gegründet. Sie bezieht
rechtsökologische und lebensreformerische Positionen wie z.B. die Forderung
nach einem "Mutterlohn". Das monatliche, seit 1970 erscheinende Organ
der Partei, "Der Dritte Weg" bietet in seinem Bücherangebot wiederkehrend
antisemitisch gefärbte Verschwörungstheorien an wie z.B. "Die
Bankiersverschwörung" des Lebensschützers Roland Bohlinger oder
"Die Insider" von G. Allen, das im rechtsextremen "Diagnosen"-Verlag
erscheint.
Grün-GESELLige NPD?
Referent des angekündigten Düsseldorfer "Perspektiven-Kongresses"
ist zudem der Grünen-Politiker Helmut Creutz, der regelmäßiger
Autor in der FSU-Parteizeitung "Der 3. Weg" ist. Creutz gilt als neuer
Guru der Freiwirtschaftler und sein Hauptwerk "Das Geldsyndrom" ist
im Verlag des rechten Nationalkonservativen Herbert Fleissner erschienen. Die
Reklame des Grünen Creutz für eine "Konkurrenzpartei" ist
dabei nicht so bedenkenswert wie die Tatsache, daß seine Artikel auch
in antisemitisch geprägten Blättern wie z.B. der "Deutschland-Schrift
für neue Ordnung" des Auschwitzleugners Ernst-Günther Kögel
oder den "Diagnosen" von Eckehard Funke-Gritsch erscheinen. Der Gesell-Grüne
Creutz scheint auch Kontakten ins NPD-Lager augenscheinlich nicht abgeneigt
zu sein, wie seine Artikel-Serie in der "Deutschen Arbeitnehmer-Zeitung",
Hausblatt des "Deutschen Arbeitnehmer-Verbandes", vermuten lässt.
Der "Deutsche Arbeitnehmer-Verband" (DAV) steht seit den sechziger
Jahren unter dem Einfluß der NPD. Nachdem diese über den DAV etliche
Neonazis in die Funktion von Beisitzern und gar Richtern bei Arbeits- und Sozialgerichten
unterbrachte, wurde 1993 dem DAV vom NRW-Arbeitsministerium das Vorschlagsrecht
für ehrenamtliche Richter entzogen. Das Landessozialgericht stellte fest,
daß der DAV "Agitation, die auf Fremdenfeindlichkeit und Herabsetzung
von Menschen bestimmter ethnischer Herkunft" zielt, betreibe.
Die neonazistische NPD fischt bekanntlich im proletarischen Lager und initierte
z.B. dieses Jahr in Leipzig die konstituierende Sitzung des "Arbeitskreises
Wirtschaftspolitik" zur rechtspopulistischen Diskussion über "Alternativen
zur Globalisierung". Als Referent trat dort ein gewisser Dipl. Ing. Horst
Mikonauschke, "wirtschaftspolitischer Berater" des DAV, auf. Dieser
Mikonauschke ist - man & frau höre und staune - zugleich der 1. Vorsitzende
der Freiwirtschafts-Partei FSU.
Walser-Reflexe bei den Grünen?
Was in aller Welt haben nun Grüne und Vertreter von 3. Welt-Gruppen bei
einer solchen Ansammlung von Verschwörungstheoretikern gegen "den
Zins" zu suchen? Schon die Frage danach scheint bei einigen Grünen
Walser-ähnliche Reflexe hervorzurufen. Der Kreisverband des Aachener Grünen-Gesellen
Creutz geht zu dieser Frage scheinbar völlig auf Tauchstation und lässt
sich auch nicht von Anzeigen der Gesellianer gegen die Aachener "Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes", die auf jene Verquickungen aufmerksam
machte, zum Nachdenken anregen.
Auf Nachfragen der TERZ bei einer Grünen-Politikerin zur Fragwürdigkeit
der Beteiligung an diesem "Kongreß" wurde darauf verwiesen,
daß dort ja auch "seriöse Leute" zu einem "an sich
wichtigen Thema" diskutieren wollten. Nun hat zwar weder die FSU das Thema
Schuldenproblematik erfunden, noch jemand behauptet, daß sich nicht auch
Grüne damit beschäftigen können und sollten. Den Hinweis auf
die politische Idiotie, sich ausgerechnet mit solch durchgeknallten Gruppierungen
hierzu zusammenzusetzen, möchten einige Grüne jedoch scheinbar nicht
hören. Vor allem gegen das "Reizwort" Antisemitismus und vor
dem Hinweis auf rechtsextreme Verquickungen scheinen einige grüne Gesellen
sich hierbei immunisieren zu wollen: an grün-geselligigen Verschwörungstheoretikern
darf scheinbar nicht gemäkelt werden.
Es ist zwar verständlich, daß die grüne Partei in Sachen "Wirtschaftskompetenz"
öffentlich Prestigegewinn erlangen will: ein Creutz'scher NRW-"Garten
Eden" mit "rostendem Geld", "Zuchtprämien für
Muttertiere" und "Arbeit als einziger Waffe des gesitteten Menschen
in seinem Kampfe ums Dasein" wären aber vielleicht doch etwas zuviel
des Guten... ³
Veranstaltungstip
Am Do., den 28.1. findet eine Veranstaltung der Buchhandlung BiBaBuZe, der Stattzeitung
TERZ und dem Antifa-KOK zum Thema "Freiwirtschaftler" statt. Sie beginnt
um 20.00 Uhr in der Buchhandlung BiBaBuZe, Aachenerstr.1.
Als Referent spricht Volkmar Wölk, Autor des Buches "Natur und Mythos"
(DISS-Verlag).
www.terz.org - 1/1999