bookDie Macht im
Hintergrund
Immer öfter melden sich Militärs offen zu Wort und sind
nicht nur Stichwortgeber für die jeweiligen Verteidigungsminister.
Dabei
greifen sie öffentlich auch mal daneben, wie der nunmehr ehemalige
Kommandeur
der Krisenreaktionskräfte Günzel beweist. Seine Sympathie
für die
antisemitischen Ergüsse des CDU Politikers Hohmann kosteten ihn
den Job. Heute
trägt er seine Ansichten vor rechtsradikalen Gruppierungen vor.
Ein Einzelfall?
Mitnichten! Der Autor Ulrich Sander trägt in seinem Buch eine
Vielzahl von
Fakten zusammen, die belegen, dass extrem rechtes Gedankengut in der
Führung
der Bundeswehr alltäglich ist und nicht nur bei den einfachen
Soldaten
vorkommt. Was ist auch anderes von einer Organisation zu erwarten, die
von
ehemaligen Nazigenerälen aufgebaut wurde? Mit allen Mitteln
versucht das
Militär wieder maßgeblichen Einfluss auf die deutsche
Politik zu nehmen. Im
Klartext bedeutet das Krieg. Zu weit hergeholt? „Neue Einsätze
sind geprägt von
Interventionen mit offensivem Charakter und einer verstärkten
Internationalisierung“, so Oberst Thiele in „Informationen für die
Truppe“.
Sander benutzt öffentlich zugängliche Quellen, die dennoch
keine Zweifel
aufkommen lassen. Die deutschen Militärs wollen wieder Krieg
führen. In
Potsdam, der alten Garnisionsstadt, gibt es faktisch wieder einen
Generalstab,
trotzdem dies Deutschland durch die Alliierten untersagt wurde. Dort
werden die Einsätze der Bundeswehr
geplant. Etliche Think Tanks bereiten den Boden dafür ideologisch
vor.
In kurzen
prägnanten Beiträgen beleuchtet Sander
verschiedene Aspekte der deutschen Militärpolitik, die
öffentlich kaum zu
Sprache kommt. Die Beiträge sind sicherlich nicht tiefgehend
genug, geben aber
einen sehr guten und sehr beängstigenden Einblick in die
militärische Realität.
Wer immer noch die rotgrüne Politik als Friedenspolitik ansieht im
Gegensatz zu
den USA ist ein Narr. Dass keiner hinterher sagt, er/sie habe nichts
gewusst.
Dieses Buch dient der Aufklärung und sollte sich jede/r
rot/grüne Friedensapostel
zu Gemüte führen. Alle anderen aber
auch.
Die
Macht im Hintergrund
Ulrich
Sander
Papyrossa
Verlag
204
Seiten für 14 Euro
bookVon der
Bosheit im Herzen der Menschen
Der Titel geht zurück auf den Nama Häuptling Hendrik
Witbooi, der damit die deutschen Kolonialisten vor 100 Jahren
bezeichnete. 2004
war das „Jubiläum“ der 100- jährigen fast vollständigen
Vernichtung der Namas
und Hereros durch deutsche Heeresgruppen, nach deren Führern noch
heute
Straßennamen benannt werden – auch in Düsseldorf. Bis heute
gibt es nur
einzelne schriftliche Aufzeichnungen von Schwarzen über das
Geschehen, bei dem
schätzungsweise 80.000 Menschen umgebracht wurden. Das
Geschichtsbild bestimmen
weiße, meist europäische Autoren. Eine der wenigen
schriftlichen Aufzeichnungen
der Betroffenen stammt von dem genannten Nama Häuptling. Dessen
Briefe
betreffen die Zeit zwischen 1892 und 1894, denn auch schon damals
wurden er und
sein Stamm von den Deutschen bekämpft. Nach seiner Niederlage
stellte sich
Witbooi in den Dienst der Deutschen, bis er seinen Fehler einsah. Erst
die
Lektüre seiner Briefe macht sein Handeln nachvollziehbar. Sein
Denken und das
anderer Häuptlinge unterschied sich grundsätzlich von dem der
europäischen
Eroberer. Sich in dieses Denken hineinzuversetzen ist
außerordentlich
interessant, offenbart es eine gänzlich andere Herangehensweise an
Probleme.
Die Aufzeichnungen sind das Zentrale des Buches, zudem wird eine
interessanter,
weil auch unbekannten Einblick in das ehemalige
Deutsch-Südwest-Afrika und das
heutige Namibia und die Erinnerung an die Massaker gegeben. Politik,
Kultur,
Drogen, Aids, Kolonial Geschichte damals und heute und warum es bis
heute eine
kleine Guerilla gibt, die sich nach dem Reichskanzler Caprivi nennt,
runden das
Bild des hier weitestgehend unbekannten Landes ab. Von den Autoren
massiv
kritisiert wird die heutige Zurückhaltung der deutschen Regierung,
die sich bis
heute weigert, Verantwortung zu übernehmen, geschweige denn
überhaupt nur eine
Entschuldigung auszusprechen. Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist
die
Darlegung dass der Genozid an den Namas und Hereros den späteren
Holocaust
vorwegnahm. Die gleichen Beteiligten finden sich auch in der Nazi Zeit
an
exponierter Stelle wieder. Die ersten deutschen KZ´s wurden im
damaligen Kolonialland
erprobt. Es gab Befehle zur totalen Vernichtung, medizinische
Experimente, etc.
Dort wurde erprobt, was später zur industriellen Vernichtung von
Millionen
führte. Die zahlreich im Buch vorhandenen Zeichnungen, Fotos und
Dokumente
lassen an Brutalität nichts an Deutlichkeit fehlen. Auch hier
gilt, kein
Vergeben, kein Vergessen. Das umfangreichste Buch zur deutschen
Kolonialgeschichte im heutigen
Namibia.
Meikel F
Von der Bosheit im
Herzen der Menschen
Toubab Pippa Hg.
Der grüne
Zweig
168 Seiten,
großformatiges Taschenbuch für 12,50 Euro
<> >
bookRechtspopulismus
Populismus ist ein ebenso schillerndes Etikett wie ein gern
gebrauchtes Schimpfwort. In den Polit-Debatten wird er genauso von
Rot/Grün
gegen das konservative Lager wie umgekehrt von jenen gegen die
Regierung im
Allgemeinen und den Kanzler im Besonderen erhoben. Rechtspopulismus als
Begriff
hat sich in den europäischen Medien seit dem Aufstieg Jörg
Haiders in
Österreich eingebürgert.
Er erhielt dann
durch die Wahlerfolge rechtspopulistischer
Parteien in den skandinavischen Ländern, durch den kometenhaften
Aufstieg des
Niederländers Pym Fortuyn sowie in Deutschland zunächst durch
die Schill-Partei
und dann durch die rechtspopulistischen Wahlkampfinszenierungen der FDP
(Projekt 18 und Möllemanns Wahlkampf-Flyer) erneut Aufmerksamkeit.
Wenn in der
politikwissenschaftlichen Diskussion über
Rechtspopulismus gesprochen wird, steht dabei meist ein Bezug auf die
Untersuchungen von Frank Decker im Vordergrund. Dessen Untersuchungen
zum Thema
sind 2004 in überarbeiteter Form neu herausgebracht worden. Decker
definiert
den Gegenstand seiner Kritik wie folgt: „Charakteristisch für die
politischen
Inhalte des Populismus ist die prekäre Synthese von Personalismus
und
Gemeinschaftsdenken und seine ambivalente Haltung zum
gesellschaftlichen
Fortschritt. Historisch und auch gegenwärtig besteht ein starker
Hang nach
rechts, der auf eine gegebene ideologische Affinität hindeutet.“
Wenn die
Kritik an einem angeblich überbordenden, die Wirtschaft
lähmenden und den
Standort gefährdenden Wohlfahrtsstaat im Mittelpunkt der
Wahlkampfpropaganda
einer Rechtspartei steht, spricht Decker von „ökonomischem
Populismus“, den er
gegenüber einer „politischen“ sowie einer „kulturellen“ Variante
desselben
Phänomens innerhalb westlicher Demokratien abhebt. Eine solche
Definition
jedoch lässt die Grenzen zwischen Rechtspopulismus und
Rechtsextremismus noch
nicht erkennen. Frank Decker betont daher die besonderen
Organisationsmerkmale,
die inhaltlich oft willkürliche Agitation gegen das Establishment
und den
charismatischen Führungsstil des Rechtspopulismus und
stellt die These auf,
dass es beispielsweise „bei der FPÖ und den skandinavischen
Fortschrittsparteien durchaus fraglich ist, ob sie zu den
rechtsextremen
Vertretern gerechnet werden können.“ Ebenso vertritt Decker die
Ansicht, dass
im Falle des berüchtigten Möllemann-Flyers der
„Rechtspopulismusverdacht … an
der Sache vorbei“ gehen würde. Jene merkwürdig anmutenden
Deutungen des Bonner
Politikwissenschaftlers verdeutlicht das ganze Dilemma dieser
Kreierung
politikwissenschaftlicher Deutungsbegriffe. Indem Decker den
Rechtspopulismus quasi
als eine Light-Variante der Rechten darstellt und ihn vom
Rechtsextremismus
abgrenzt, läuft er Gefahr ihn zu verharmlosen. Denn dann sind nach
einer
solchen Deutung erfolgreiche Rechtsextreme plötzlich nur noch
Rechtspopulisten
– ein Prozess der Verklärung, der auch schon bei der so genannten
Neuen Rechten
erkennbar war.
Ähnlich
unklar wird mit der Deutung des Begriffs in dem
Sammelband aus dem VSA-Verlag verfahren, wo sich bei der Lektüre
der Verdacht
auftut, dass hier doch etwas sorglos mit schneller Feder geschrieben
wurde. Das
ist nicht nur an peinlichen Rechtschreibfehlern wie „Liste Pim Vertuyn“
zu
erkennen, sondern auch an unklaren und sich zum Teil einander
widersprechenden
Interpretationen des angeblich neuen Phänomens. So heißt es:
„Das Lavieren
zwischen wirtschaftspolitischen, aber auch den außerpolitischen
Positionen …
der neuen Rechten im Verlauf der 1990er Jahre ist ein generelles
Kennzeichen
der Entwicklung des modernen rechten Populismus.“ Was soll uns das
sagen? Haben
die „alten“ Rechten nicht genauso oft ihre Positionen gewechselt? Was
macht zum
Beispiel der Kanzler Schröder hierbei anders? Sind die „neuen
Rechten“ nun die
neue „Neue Rechte“? Wer gehört dazu und wer nicht? Soll die
französische „Front
National“ als klassisch rechtsextreme Partei nun plötzlich eine
„neue“ Partei
des Rechtspopulismus sein? Ein derartig unklares Lavieren in der
Beschreibung
des Gegenstandes erweckt Verständnislosigkeit beim Lesen. Dabei
ist der
bekundete Ansatz der AutorInnen im Sammelband, ökonomische
Entwicklungen in den
Kontext von rechter Propaganda und Vorurteilen zu stellen, durchaus
wichtig und
in einzelnen Beiträgen wird hierzu auch einiges Interessantes
dargelegt.
Insgesamt lässt es der Sammelband jedoch an Systematik vermissen.
Nach der
Lektüre der beiden Veröffentlichungen zum
Rechtspopulismus beleibt daher die Frage nach der Notwendigkeit einer
solchen
Begriffkreierung in Abgrenzung zum Begriff der extremen Rechten nach
wie vor
bestehen.
Al C.
Frank
Decker: Der neue Rechtspopulismus
Leske
+ Budrich 2004, 316 S., 17,90 Euro
und
Joachim
Bischoff/Klaus Dörre/Elisabeth Gauthier u.a.:
Moderner Rechtspopulismus. Ursachen, Wirkungen, Gegenstrategien
VSA-Verlag
2004, 149 S., 10,80 Euro
bookVon der CDU
zum Neofaschismus
Angie Merkel und weitere Bundestagsabgeordnete der CDU
starteten im Dezember 2004 eine Anfrage an die Bundesregierung zur
angeblichen
staatlichen Unterstützung des Linksextremismus. Ziel der
Anfeindungen ist dort
neben diversen Antifa-Gruppen und der VVN die antifaschistische
Zeitschrift
„Der rechte Rand“ (DRR). Die CDU sollte mal in der Zeitschrift
nachlesen, wie
es mit der Braunzone zwischen ihrer Partei und der extremen Rechten
aussieht,
bevor sie die Rot/Grünen der Unterstützung des
„Linksextremismus“ bezichtigt.
Zur tiefergehenden Lektüre sei ihr hiermit die Untersuchung von
Thomas Willms
empfohlen, in der dieser anhand der Person Armin Mohlers die
Querverbindungen
zwischen nationalkonservativer und extremer Rechter
aufarbeitet.
Der 2003
verstorbene Armin Mohler kann als Spiritus Rektor
der so genannten Neuen Rechten und zugleich als herausragendes Beispiel
für die
Braunzone zwischen konservativer und extremer Rechter angesehen werden.
Der
gebürtige Schweizer bemühte sich in jungen Jahren um den
Beitritt zur SS, wurde
später Privatsekretär Ernst Jüngers und stieg zum
Geschäftsführer der
Siemens-Stiftung auf. Er bemühte sich um die Nationale
Radikalisierung der CSU
und unterstützte Franz Josef Strauß. Er schrieb für
Zeitungen wie Die Zeit und
zugleich für die Nationalzeitung. Mohler, der sich selbst 1995 in
einem
Interview mit der Leibziger Volkszeitung offenherzig als Faschist
bezeichnete,
machte sich schon 1950 daran, ein Grundlagenwerk in apologetischer
Sicht über
die sog. Konservative Revolution zu verfassen. Ein geistiger
Schüler Mohlers,
Alain de Benoist, griff dessen Bezugspunkte zur propagandistischen
Modernisierung des Faschismus auf und kreierte 1969 mit Mohlers
Hilfe in Frankreich einen vorbildlichen think tank
für die extreme Rechte, die „Groupement de recherche et etudes sur
la
civilisation europeenne“ (G.R.E.C.E) und taufte die Richtung „Nouvelle
Droite“.
Diese Eigenbezeichnung als „Neue Rechte“ gelangte dann quasi als
Re-Import
wieder zurück in die deutschen Gefilde des Neofaschismus.
Anlässlich
der Beerdigung Mohlers offenbarte die neurechte
Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ (JF v. 18.7.03) einmal mehr ihr
Verständnis
von Konservatismus, indem sie bekannte Persönlichkeiten der
extremen Rechten
als aufrechte Konservative darstellt: „Mohlers Begräbnis ist ein
Treffen bekannter
Konservativer. Gekommen sind der Carl-Schmitt-Forscher Günter
Maschke, der
Verleger Herbert Fleissner und Professor Robert Hepp, dann Gabriele
Fernau, die
Witwe des unvergessenen Schriftstellers, der Maler Peter Schermuly,
Baron Franz
Schenck von Stauffenberg und nicht zuletzt Caspar von Schrenck-Notzing,
Gründer
der Zeitschrift Criticón, der Mohler über Jahrzehnte
verbunden war. Auf der
Schleife an Schrenck-Notzings Kranz ist zu lesen: „Leser, Mitarbeiter
und
Herausgeber des ‘alten’ Criticón“.“ Der Autor der Zeitschrift
verschwieg
hierbei, dass Mohler die JF jahrelang inhaltlich unterstützte und
sich
verärgert von ihr abwandte, nachdem dort ein allzu offen
antisemitischer
Artikelbeitrag von der Redaktion in einem Ergänzungstext
kritisiert wurde.
Mit der
Neuerscheinung aus dem PapyRossa-Verlag liegt nun
endlich eine Aufarbeitung über das Wirken Mohlers vor, in der
deutlich wird,
“wie bedenkenlos sich konservative Politiker eines profaschistischen
Ideologen
bedienten und diesem somit ein breites Wirkungsfeld eröffneten.”
(Klappentext)
Al C.
Thomas
Willms: Armin Mohler. Von der CDU zum Neofaschismus
PapyRossa
Verlag, Köln 2004, 120 S., 12,50 Euro
bookwww.theorie.org
Über die überaus innovative Reihe theorie.org des
Schmetterling Verlages wurde in der Terz anhand spezieller
Veröffentlichungen
schon wiederholt berichtet. Neben der Einführung zum
Internationalismus von
Josef Hierlmeier wurde hier besonders Michael Heinrichs Einführung
in die
Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx geradezu
überschwänglich
besprochen. Auf einem derart hohen Niveau bewegen sich jedoch nicht
alle
Einführungstexte dieser Reihe. So stellt die Einführung von
Manuel Kellner in
den Trotzkismus eher einen Werbetext für trotzkistische Gruppen
wie Linksruck
dar als eine kritische Einführung in das Thema. Der Autor betont
gleich zu
Anfang, dass es sich hierbei um eine parteilich von einem Trotzkisten
formulierte Einführung in den Trotzkismus handele, was durchaus
legitim ist.
Dies beinhaltet im konkreten Fall allerdings eine Tendenz zur
Heldenverehrung
der schillernden Persönlichkeit jenes Lew Bronstein, der
später unter dem
Revolutionärspseudonym Trotzki berühmt wurde. Auch bekannte
Jünger der Lehre
Bronsteins wie der 1995 verstorbene Ernest Mandel erhalten in dem
Einführungstext eine Aura des Heiligen, die verklärt
rüberkommt. Sicher, Mandel
war ein aufrechter Kämpfer gegen die Nazis und für den
Internationalismus und
Kommunismus und hierfür ist ihm auch Anerkennung zuzusprechen. Im
Kontext zu
anderen Veröffentlichungen in der Reihe theorie.org haftet einer
solchen
Herangehensweise der bedingungslosen Werbung für die gute
Sache/Partei/Strömung
jedoch der Anschein von etwas Verstaubten an. Trotzdem können man
und frau hier
in komprimierter Form die historischen und politischen Grundzüge
des
Trotzkismus nachlesen.
Geradezu
gegensätzlich dazu in Form, Stil und Heranführung
an das Thema ist die Einführung in die Situationistische
Revolutionstheorie,
deren Autoren sich wie folgt vorstellen: „Biene Baumeister Zwi Negator
kommen
von ganz unterschiedlichen Baustellen und schleppen alle ihre
gewundenen,
verschlungenen politischen Biographien mit sich herum. Sie liefen sich
in ihren
von der Not erzwungenen Prozessen der Selbstveränderung erstmals
1995 über den
Weg. So kam es, dass sie sich daraufhin immer wieder trafen - zwecks
Aneignung
der situationistischen Kritik und Überprüfung auf ihre
Brauchbarkeit für
zukünftige revolutionäre Anläufe. Die Autoren leben in
verschiedenen Städten,
wo sie nach ihren Möglichkeiten und Vorlieben dem Bestehenden
produktiv zu
schaden trachten.“ So skurril wie die Eigendarstellung der Autoren ist
zugleich
der Gegenstand ihrer Einführung: Die Situationistische
Internationale (SI)
entstand 1957 aus der Bewegung der so genannten Lettristen, einer
existenzialistisch beeinflussten Bewegung im Künstler- und
Intellektuellenmilieu mit dem Ziel der sozialen und kulturellen
Revolutionierung des Zeitgeistes. Kopf der Lettristen war ein junger
Rumäne
namens Isidore Isou, der 1945 zum Auftakt seiner „Revolution“ ein
Theaterstück
des Alt-Dadaisten Tzara störte und auf der Bühne sein
lettristisches Manifest
verkündete und der 1947 den „Aufruhr der Jugend“
veröffentlicht. Die von 1957
bis 1971 existente SI entnahm ihren Namen von dem Existenzialisten
Sartre und
dessen Formulierung zum Paradox der Freiheit: „Es gibt Freiheit nur in
Situation, und es gibt Situation nur durch Freiheit.“ Intellektuelle
Köpfe der
SI waren Guy Debord und Raoul Vaneigem. Debords Veröffentlichung
„Gesellschaft
des Spektakels“ gilt hierbei als Schlüsseltext
linksintellektueller wie
künstlerisch orientierter Avantgarde, der auch heute noch in
Diskussionszirkeln
kursiert. Vaneigem formulierte das Anliegen der SI, die „Aufhebung des
bolschewistischen Zentralkomitees (Aufhebung der Massenpartei) und des
Projekts
von Nietzsche (Aufhebung der Intelligentsia)“ voranzutreiben. Was da
formuliert
und fabriziert wurde, waren die Frühformen der kulturellen Revolte
im
Spätkapitalismus mit allen ihren Abgedrehtheiten und Impulsen
für ein anderes
Leben. Genau so abseitig wie die SI gehen die Autoren mit dem
Einführungstext
über die SI um: Parallel zum Buch wird eine Website aufgebaut
(www.largeprise.org) , auf der sich demnächst Texte finden lassen,
auf die im
Buch verwiesen wird und auf der das Projekt der Aufarbeitung und
inhaltlichen
Weiterentwicklung interaktiv als work in progress weiter betrieben
werden soll.
Zudem soll in der Reihe theorie.org ein Extraband mit Texten und
Verweisen
erscheinen, auf den jetzt schon in dem vorliegenden
Einführungstext zitierend
Bezug genommen wird. Eine Form von Leser-Verlags-Bindung, die an die
Starschnitte von Popstars in der Jugendzeitschrift BRAVO erinnert.
Alles ganz
schön abgedreht, das Ganze.. „Die revolutionäre Theorie
muß sich künftig
anstatt auf das Gemeinschaftliche auf die Subjektivität, die
Eigenheiten, das
individuell Erlebte gründen. Der Aufbau einer Gemeinschaft
unnachgiebiger
Individuen wird die Umkehr der Perspektive einleiten.“ (Vaneigem
1967)
Al C.
Biene
Baumeister/Zwi Negator: Situationistische
Internationale. Eine Aneignung, 240 S., 10 Euro
Manuel
Kellner: Trotzkismus. Einführung in seine Grundlagen
– Fragen nach seiner Zukunft, 180 S., 10 Euro
Beide
Neuerscheinungen bei: Schmetterling Verlag, Stuttgart
2004
www.terz.org - 22.12.2004