Das
hat uns gerade noch gefehlt
Die
Patriotismusdebatte
Schröder hat viel zu tun. Als Kanzler von Deutschland muss
er die Nation für die Zukunft fit machen. Und da steht auf der
Tagesordnung die
Sorge um die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen
Unternehmen. Der
Bundeskanzler kann auf die Erfolge seiner Amtsführung verweisen.
Die Arbeitskraft
ist zu teuer, so lautet das Credo der
Unternehmer. Also macht er durch Abstriche in den Sozialversicherungen
die
Lohnarbeit für das Kapital billiger, die Zumutungen für den
arbeitenden und
arbeitslos gemachten Teil der Bevölkerung werden drastisch
verschärft. Den
„Betonköpfen“ aus den Gewerkschaften droht er an, sie zur
Bedeutungslosigkeit
zu verdammen, falls sie sich nicht den Vorgaben von Staat und Kapital
beugen.
Widerstände innerhalb der Bevölkerung bügelt er durch
sein standhaftes Beharren
auf die Notwendigkeit der Reformen nieder – und das lässt ihn
sogar von Seiten
des Volkes – wie es sich für einen konsequenten Staatsmann
gehört – Zuspruch
und Anerkennung erfahren.
Der Kanzler hat
die Probleme der stagnierenden deutschen
Wirtschaft erkannt und ist auf dem besten Wege, sie adäquat zu
lösen.
Nicht nur im
Inland, sondern auch auf der ganzen Welt ist
ein global agierendes Kapital auf die mehr oder weniger
gewalttätige
Unterstützung der Staatsmacht angewiesen. So machte sich Anfang
Dezember der
Kanzler mit hochkarätigen Vertretern der Wirtschaft in seinem
Tross auf die
Reise nach China. Es galt, Handelshemmnisse aus dem Weg zu räumen,
wie das
ärgerliche Waffenembargo, das seit 15 Jahren den ChinesInnen
deutlich machen
soll, wie ordentliche Staatsmänner und –frauen mit ihren
konkurrierenden
KollegInnen umzugehen haben.
Die Begleiter
des Kanzlers von den Firmen Siemens und Airbus
konnten Millionenaufträge abschließen. Und Schröder
prognostiziert, dass das
Handelsvolumen mit China sich bis 2010 auf 100 Milliarden Dollar
erhöht.
Auch
gegenüber der Weltmacht Nr. 1 nimmt sich der Kanzler so
manches heraus. Er verweigert gegen den ausdrücklichen Willen von
Powell die
Entsendung von Truppen in den Irak und verlangt zum Trotz auch noch das
Veto-Recht bei der UN. Selbstbewusst kann der Kanzler seinen
Patriotismus als
Mann der Tat herauströten!
Dagegen sieht
die Galionsfigur der Opposition, Merkel,
reichlich blass aus. Was einen Staatsmann oder eine Staatsfrau
ausmacht, mit
der Aura der Macht seine/ihre Untertanen zu betören, fehlt der
Führungsfigur
der CDU.
Im unbedingten
Bestreben, zunächst die Landtagswahl NRW und
auf lange Sicht die Bundestagswahl zu gewinnen, muss die Opposition die
Bundesregierung bei ihrer erhofften Wählerklientel schlecht
machen. In
Wirklichkeit sei die Regierung nicht patriotisch. Sie lasse „kein
emotionales
Verhältnis zur Nation“ (Laurenz Meyer, Reuters 4.12.04) erkennen.
„Bekennermut
zu unserem nationalen Interesse” verlangt Roland Koch in einem
Interview mit
der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 28.11.2004 und
führt aus, was er
unter „nationalem Interesse“ versteht: „Unser Ehrgeiz darf sich nicht
auf den
Fußballweltmeistertitel beschränken. Wir müssen
genauso Nobelpreise wollen,
Führung in der Forschung und die Marktführerschaft in vielen
Industriebranchen.“
Koch ergänzt: „Die CDU muß als die Partei der Wahrung der
deutschen Interessen
in der Welt gelten.“ Der Regierende Bürgermeister von Hamburg, Ole
von Beust,
erklärt laut Die Welt vom 1. Dezember: „Patriotismus heißt,
daß ich bereit bin,
für den Erfolg der Gesellschaft Einschränkungen hinzunehmen
und für die
Gemeinschaft in schwierigen Zeiten gewisse Opfer zu erbringen“ – und
macht
deutlich, welche Bedeutung Patriotismus für das Fußvolk der
Nation hat.
Wer aber ist nun
der Patriotischste im ganzen Land? Dieser
Frage wollen wir nachgehen, wenn der Begriff als solcher geklärt
ist. Hernach
geben wir die einstimmige Entscheidung der Redaktion bekannt.
Identität
als Deutscher
Die Landeskinder haben sich weder ihre nationale
Zugehörigkeit ausgesucht, noch ist sie der Eigentümlichkeit
ihrer Erbmerkmale
geschuldet. Das Deutschsein ist ein obrigkeitsstaatlicher Akt der
Unterwerfung
der Staatsangehörigen unter die Gesetze des Gemeinwesens. Und
allein darin
besteht die Gemeinsamkeit der Deutschen.
Im gemeinen
Leben zeigt sich, dass diese Gleichschaltung
nicht bedeutet, dass auch die Interessen der BundesbürgerInnen
identisch sind.
Höchst gegensätzlich vielmehr gestalten sich die
Bedürfnisse. Beim täglichen
Einkauf möchte die eine Seite sparsam mit den eigenen finanziellen
Ressourcen
kalkulieren, während die andere Seite möglichst hohe Gewinne
herausschlagen
will. Der Vermieter nutzt den Umstand der
Eigentumslosigkeit der Masse der
Bevölkerung zur Bereicherung. Nicht zuletzt die Einkünfte des
größten Teils der
Bevölkerung, die durch Lohnarbeit erzielt werden, stehen im
Gegensatz zu den
Interessen der Nutznießer der Lohnarbeit. „Opel: Weniger Lohn
für mehr
Wettbewerbsstärke“, heißt es in einer Schlagzeile auf dem
Titelblatt der
Rheinischen Post vom 11. Dezember.
Von
Volk und Vaterland
Es ist schon eine besondere Leistung, wie der Normalbürger
seine Stellung in der Gesellschaft verklärt. Aus der per
Geschäft und Gewalt
durchgesetzten Zwangsgemeinschaft wird eine Schicksalsgemeinschaft, in
der
jeder auf dem Platz wirkt, den er verdient. Und wenn Staat und Kapital
das eine
oder andere Mal einen dicken Strich durch die persönliche
Lebensplanung machen,
dann spricht das nicht gegen die höhere Ordnung. Vielmehr
verlangen die braven
Untertanen von Oben Anerkennung für den erlittenen Schaden und
sind sogar stolz
darauf, was sie schon so alles mitgemacht haben. Sie sind
pflichtbewusste
Volksgenossen eines Kollektivs, das, repräsentiert durch die
Staatsgewalt, sich
durch die Widrigkeiten von internationaler Politik und Geschichte
durchkämpfen
muss. Die damit verbundenen Härten für das einfache Volk
werden zu
Bewährungsproben der Nation und der Stolz auf das eigene Aus- und
Durchhalten
kann dabei nicht ausbleiben.
„Immer einmal
mehr aufstehen als hinfallen – das muss unser
Motto sein auf diesem Weg nach oben.” (Merkel-Rede auf dem Parteitag
der CDU in
Düsseldorf, 6. und 7.12.04)
Gefährlicher
Patriotismus?
Mit dem
Patriotismus haben die Deutschen angeblich so manche
schlechte Erfahrung gemacht. Dabei waren es eher unpatriotische
deutsche
Staatsmänner, die Deutschland und die Nation in Verruf gebracht
haben. Auf die
heldenhaft kämpfenden deutschen Truppen im Ersten und Zweiten
Weltkrieg
jedenfalls will kein aufrechter Patriot etwas kommen lassen. Hingegen
haben
sich Wilhelm II und noch schlimmer der Führer blamiert. Nicht nur,
dass beide
ihre Kriege verloren haben, Letzterer hatte sich sogar an den Standards
international anerkannter Menschen- und Völkerrechte vergangen.
Also, der gute
Patriot setzt sich in der internationalen Konkurrenz
notfalls auch mit Waffengewalt erfolgreich durch, der schlechte Patriot
überschätzt seine Möglichkeiten und kassiert Niederlagen
ein. So etwas heißt
dann „übertriebener Nationalismus“.
Aber nun muss
endlich Schluss sein mit der ständigen
Nörgelei am Vaterland. 60 Jahre nach dem Ende der Nazi-Zeit
dürfen die von
Hitler missbrauchten Tugenden wieder zum Zuge kommen. „Als
Gegenreaktion zum
Faschismus sei dessen Parole ‚Gemeinnutz vor Eigennutz’ in der
Bundesrepublik
zu sehr ins Gegenteil verkehrt worden. Ein Ergebnis sei ein
überschießender
Egoismus, der die Entwicklung des Landes behindere.“ (Ole von Beust,
a.a.O.)
Die bisher
gültige Doktrin, dass Gemeinnutz und Eigennutz
irgendwie zusammengehen, ist aus dem Verkehr gezogen worden. Der
Verzicht, der
dem größten Teil der Bevölkerung abverlangt wird, wird
nicht mehr mit einer in
Aussicht gestellten Entschädigung gerechtfertigt. Die
staatsbürgerliche Pflicht
wird ohne jedes Wenn und Aber eingefordert. Und wer konnte das besser
formulieren als die Partei des Rechtsvorgängers der
Bundesrepublik: „Erste
Pflicht jedes Staatsbürgers muß sein, geistig oder
körperlich zu schaffen. Die
Tätigkeit des einzelnen darf nicht gegen die Interessen der
Allgemeinheit
verstoßen, sondern muß im Rahmen des Gesamten und zum
Nutzen aller erfolgen.”*
Oder kurz und knapp: „Deutschland hat die Kraft sich zu verändern.
Davon bin
ich zutiefst überzeugt. Diese Kraft liegt in den Menschen.“
(Bundespräsident
Köhler, 23.5.04)
Fazit
„Wo also der von oben verordnete Patriotismus nur allzu
verständlich, weil für die Herrschaft nützlich, ist,
bleibt der von unten ein
ebenso dummer wie folgenschwerer Fehler.“
(Gegenstandpunkt
im Radio Lora, 26.3.01)
Wer
ist der Patriotischste?
Nun zu unserer spannenden Frage: Schröder? Merkel? Stoiber?
Nein, wir als
Lokalpatrioten setzen da voll auf unseren
Barden Heinz Georg Kramm, genannt Heino, der in vielen trüben und
einsamen
Stunden unser heimatliches Gemeinschaftsgefühl auf Vordermann
gebracht hat.
Wenn das keine „gemeinnützige Leistung“ ist, die das
Bundesverdienstkreuz
verdient!
Oder vielleicht
doch Andreas Frege, genannt Campino, als
Identifikationsfigur für das Jung- bis Mittelaltervolk?
Patriot Rakete
*
25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920
Vaterlandsliebe,
der Haß gegen Vaterländer
Herr K. hielt es
nicht für nötig, in einem bestimmten Land
zu leben. Er sagte: „Ich kann überall hungern.“
Eines Tages aber
ging er durch eine Stadt, die vom Feind des
Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier
dieses
Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunter zu gehen. Herr K.
ging herunter
und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war;
und zwar nicht nur
gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann
angehörte;
also daß er wünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt
werden. „Wodurch“, fragte
Herr K., „bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden?
Dadurch, daß ich
einem Nationalisten begegnete. Aber darum muß man die Dummheit ja
ausrotten;
weil sie dumm macht, die ihr begegnen.“
(aus:
Bertolt Brecht, „Geschichten von Herrn Keuner“)
Vaterlandsliebe
I
Ziffel: „Es
heißt, man liebt das, für das man Schweiß
vergossen hat. Das wäre eine Erklärung für eine
Erscheinung wie die
Vaterlandsliebe.“
Kalle: „Ich
nicht. Ich lieb nicht einmal alles, wofür ich
meinen Samen vergossen hab.“
(aus:
Bertolt Brecht, „Flüchtlingsgespräche“)
Vaterlandsliebe
II
„Die
Vaterlandsliebe wird schon dadurch beeinträchtigt, dass
man keine richtige Auswahl hat.
Das ist so, als
wenn man die lieben soll, die man heiratet,
und nicht die heiratet, die man liebt. Warum, ich möcht zuerst
eine Auswahl
haben. Sagen wir, man zeigt mir ein Stückel Frankreich und einen
Fetzen gutes
England und ein, zwei Schweizer Berge und was Norwegisches am Meer und
dann
deut ich drauf und sag: das nehm ich als Vaterland; dann würd ichs
auch
schätzen. Aber jetzt ists, wie wenn einer nichts so sehr
schätzt wie den
Fensterstock, aus dem er einmal heruntergefallen ist.“
(aus:
Bertolt Brecht, „Flüchtlingsgespräche“)
www.terz.org - 22.12.2004