Worringer
Platz:
Am Ende mit der Kunst
“Mütter
mit
Kindern, Obdachlose, Migranten - das sind die Stadtbewohner!”
Jahrelang
haben
KünstlerInnen am Worringer Platz Aktionen gemacht und so
AnwohnerInnen,
Junkies, Geschäftsleute, Obdachlose und PassantInnen
zusammengebracht. In die
jetzt umgesetzten Pläne zur Neugestaltung sind ihre Erfahrungen
jedoch nicht
eingeflossen. Entsprechend verärgert haben sie auf Joachim Erwins
aus
Wahlkampf-Gründen vorgenommenen architektonischen Handstreich
reagiert. Die
Terz sprach mit der Künstlerin Anne Mommertz über ihre
Ortserkundungen und zwei
ganz unterschiedliche Arten, ein Stück Stadt zu bearbeiten.
Begonnen
hat
alles vor vier, fünf Jahren. KünstlerInnen, die ihre Ateliers
in der alten
Paket-Post hatten, entdeckten das Terrain vor ihrer Haustür als
Aktionsraum:
den wegen angeblich zu hohen Junkie- und Obdachlosen-Aufkommens als
“sozialer
Brennpunkt” geltenden Worringer Platz. Die KünstlerInnen-Gruppe
“Weltengarten”
etwa spannte Hängematten zwischen den Bäumen auf und pflanzte
Gras. Der Teil
der Geschäftswelt, der sich aufgrund der “Randgruppen-Problematik”
sowieso
schon in erhöhter Alarmbereitschaft befand, wittete neue Unbill
und
verständigte die Polizei. Diese verweigerte allerdings die Arbeit.
“Seien Sie
doch froh, dass hier mal was passiert!”, rieten die BeamtInnen dem
aufgebrachten Eigentümer des ehemaligen Bauhaus-Gebäudes. Es
dauerte fast ein
Jahr, bis er darüber froh sein konnte. Dann dämmerte ihm,
dass die “Kunst am
Platz” vielleicht das Potenzial hätte, dem öden Ort ein
anderes Image zu geben.
Deshalb stellte er seine leer stehende Immobilie für die so
genannte
Botschaftsausstellung zur Verfügung. Im darauf folgenden Sommer
verwandelten
KünstlerInnen den gesamten Worringer Platz zwei Wochen lang in ein
einziges
Freiluft-Atelier. Eine Hütte aus Stroh diente als
“Afrika-Büro”, und eine
Künstlerin funktionierte einen Hydranten zu einer Trinkstelle
für Mensch und
Tier um. Anne Mommertz betrieb damals einen mobilen Tee-Ausschank sowie
einen
Postkarten-Stand und machte mit den PassantInnen Interviews über
ihre
Vorstellungen zum Worringer Platz und seiner Zukunft. “Wenn man da sehr
viel
ist, ändert sich der Platz total”, erzählt sie, “man sieht
immer erst nur
diesen Verkehr, geht weg und denkt ‘der ist ganz grau’, dabei ist er
voller
Bäume. Das Bild ist eher so ein Gefühl”.
Das
Librarium
Nach
den
vierzehn Tagen beschloss die Künstlerin, ihre Ortserkundung
fortzusetzen.
Gemeinsam mit Oliver Gather stellte sie das von der
“hellgrün”-Ausstellung
übrig gebliebene Glashaus auf und richtete darin eine “Bibliothek
der
Lieblingsbücher” ein. Die Leute konnten das
Stadtbücherei-Exemplar eines Buches,
das ihnen besonders ans Herz gewachsen war, mit einem kleinen Kommentar
versehen und in die Regale stellen. 300 Stück fanden sich so in
dem “Librarium”
ein. “Das war ein gutes Thema, weil eine Menge Menschen, auch die
Junkies, viel
gelesen hatten. Mit alten Leuten kam man ebenfalls ins Gespräch.
‘Dostojewski
find ich auch ganz toll’ und so”, erinnert Anne Mommertz sich. Es
bedurfte also
nur eines Anstoßes von außen und der Junkie war nicht mehr
nur der Junkie und
der Obdachlose nicht mehr nur der Obdachlose. “Sobald Kommunikation da
ist,
ändert sich alles”, sagt sie, “ Die Arbeit der Künstler auf
dem Platz hat
bewirkt, dass er anders gesehen wurde. Wir haben uns für den Platz
interessiert
und allen klar gemacht ‘Hier kann man was machen’. Deshalb haben ihn
die Leute
auch für sich in Anspruch genommen. Und wenn sie dabei mal neben
einem Junkie
gestanden haben, ist so eine ‘Leben und leben lassen’-Haltung
entstanden, und
es bahnten sich Kontakte an. Es gibt auch viele Leute auf dem Worringer
Platz,
die es längst aufgegeben haben, sich über alle Junkies
aufzuregen.”
Im
Winter sorgte
die Beleuchtung des Glashauses für eine heimelige Atmosphäre,
und im Sommer
versammelte man sich drumherum. Hinter dem Bau entstand ein Nische, die
als
Treffpunkt diente, weil die Wände den Straßenlärm auf
ein erträgliches Niveau
herunterdämmten. Und auf solche kleinen Entdeckungen baute Anne
Mommertz. “Das
sind Sachen, die man wissen muss, wenn man so einen Platz plant”, meint
sie,
“mehr ist nicht, aber das muss man pflegen”. Sie ist mehr für eine
künstlerische Entwicklung des Worringer Platzes als für eine
bauliche. “Man
kann dort nichts ändern, wenn der Verkehr so bleibt, der Krach und
die
Unzugänglichkeit. Der Platz wird im Bewusstsein der Menschen immer
grau und
laut sein, da könnten die Bäume noch viel größer
werden. Auch die grünen Steine
werden das nicht ändern. Aber wenn man jetzt eine Bestandsaufnahme
macht: ‘Was
ist auf dem Platz, wie kann man das benutzen?’, dann gibt es da viel.
Da sind
viele Leute, die Leute sind sehr offen und unvoreingenommen, weil sie
auf dem
Platz nichts erwarten. Die haben uns bei unseren Aktionen Löcher
in den Bauch
gefragt. Die wollten wissen, was man da macht, das ist ja an der
Kö nicht
unbedingt so.”
Die
Stadt hat keinen Plan
Große
Pläne
hatte Anne Mommertz also nicht, die Stadt dafür nicht zu knapp.
Joachim Erwin
hatte noch während seiner ersten Kandidatur für das
Oberbürgermeister-Amt
öffentlichkeitswirksam angekündigt, sich des Platzes
anzunehmen. Zum Ärger der
AnwohnerInnen hatte der CDUler jedoch keine städtebaulichen,
sondern nur
sicherheitspolitische Vorstellungen: Er
wollte Überwachungskameras zur Verbrechensvorbeugung installieren.
Die Polizei
konnte ihm die Sache gerade noch ausreden.
Während
die
KünstlerInnen sich mit Almosen aus den kleinen Töpfen von
Kultur- und
Planungsamt zufrieden geben mussten und für Anträge über
5.000 Euro stets
ablehnende Bescheide von der Verwaltung erhielten, scheute sich
Düsseldorf
nicht, mal eben eine 6-stellige Summe für ein Verkehrsgutachten
rauszuhauen.
Gehört hat man davon dann nicht mehr so viel, lediglich wenn es
galt, akuten
Handlungsbedarf abzuleugnen, hieß es aus dem Rathaus stets:
“Erstmal die
Ergebnisse der Studie abwarten”. Ansonsten haben das Planungsamt und
seine
Initiative “Platz da” das Engagement der KünstlerInnen jedoch
durchaus gerne
gesehen und sich auch gerne mal mit deren Federn geschmückt. Im
letzten Jahr
brütete die Behörde die Idee aus, KünstlerInnen und
ArchitektInnen in einem
Workshop zusammenzubringen und sie die Achse vom Worringer Platz bis
zum Rhein
planen zu lassen. “Die Meinung über Planung gingen extrem
auseinander. In
unserer Gruppe haben wir uns nur die Köpfe eingeschlagen”, sagt
Anne Mommertz,
“Die interessierten sich für eine konkrete Benutzung
überhaupt nicht. Die
hatten Visionen wie ‘soll aussehen wie’, und das hatte mit
Düsseldorf gar
nichts zu tun”. Die Berufskrankheit Gigantomanie gebar unter anderem
Ungeheuer
wie eine riesige Fußgängerbrücke. Eine konkrete Planung
stand eigentlich gar
nicht in Aussicht, aber plötzlich bekam das Planungsamt einen
Rappel und
forderte die Arbeitsgruppen auf, binnen zwei Wochen Entwürfe zur
Neugestaltung
des Worringer Platzes zu machen - Erwin hatte die Wahlkampf-Zeit
eingeläutet.
Anne Mommertz hat sich dieser Blitz-Aktion verweigert. “Das war so
unverschämt,
die ganze Vorarbeit, die es gab, einfach wegzuwischen. Die Leute hatten
gezeichnet, skizziert, was sie am Platz gerne hätten. Das wurde in
den
Unterlagen zwar mit erwähnt, aber es hatte keiner Zeit, sich damit
wirklich zu
beschäftigen. Es ist an dem Beispiel für mich ganz klar
geworden, warum die
Leute sich mit der Stadt nicht identifizieren”, schimpft sie.
Licht
- mehr nicht
Das
Rennen
machte schließlich ein “Alles so schön bunt hier”-Entwurf,
der grüne Steine
vorsah, und auch dem durchgeknallten Düsseldorfer “Masterplan
Licht” mit einem
grün illuminierten Kunst-Objekt angemessen Tribut zollte. Eine
einzige große
Inszenierung, für Anne Mommertz “eine Ordnung des Platzes auf
einen Blick”,
vorzugsweise den aus dem Fenster eines vorbeifahrenden Autos. Als
konkrete
Nutzer schwebte den PlanerInnen in den Augen der Künstlerin nur
eine bereits
ausgestorbene Spezies vor: “Die Bürger sollen mit Hut, Stock und
Ring da
sitzen, aber kein Bürger hat Zeit, auf dem Platz zu sitzen oder
möchte das
tun”. Vorhanden sind dagegen andere Gruppen mit akutem Platz-Bedarf.
“Mütter
mit Kindern, Obdachlose, Migranten, Junkies, Arbeitslose - das sind die
eigentlichen Stadtbewohner, mehr gibt es nicht”, so Anne Mommertz. Und
für die
dürften auf dem neuen Worringer Platz härtere Zeiten
anbrechen. Die Stadt
setzte sich aus Reminiszenz an alte Zeiten dafür ein, das Glashaus
wieder
aufzustellen und rief zu einem Treffen auf, wo ein Träger-Verein
dafür
gegründet werden sollte. “Die Leute haben sich getroffen, und dann
wurde es
ganz schnell wie früher. Hauptsache, der Platz bleibt sauber. Es
wollte sich
auch fast wieder eine Initiative gegen den Junkies da einnisten ... Das
ganze
System ist irgendwie schon wieder zusammengebrochen”, ärgert sich
die Künstlerin.
Sie ging trotzdem noch zu einer zweiten Zusammenkunft in Sachen
“Glashaus” mit
der Architektin und AnwohnerInnen. Dort riet sie ihnen eindringlich,
das
ehemalige Librarium wieder am alten Ort aufzustellen, weil das der
belebteste
Teil sei und das Glashaus anderswo verkomme. Aber es war nichts zu
machen. Aus
Gründen des “Gleichgewichts” müsse es auf die andere Seite,
meinte die
Architektin.
Anne
Mommertz
verabschiedete sich schlussendlich aber nicht im Groll vom Worringer
Platz.
Inzwischen hat sie mit dem Kapitel abgeschlossen und schon ein neues
Betätigungsfeld gefunden: Oberbilk. Sie ist schon in die
Geschichte dieses
Stadteils eingetaucht, der mit der Stahl-Produktion entstand, immer
wieder
schwere Krisen zu durchstehen hatte und dessen Bevölkerung sich
immer wieder
anders zusammensetzte. Sie hat schon nach möglichen
Kooperationspartnern
Ausschau gehalten und schreckt dabei nicht einmal vor
Schützen-Vereinen zurück:
Das ist der Rahmen der Möglichkeiten, in dem die Leute sich
einbringen. Das
interessiert mich”.
Jan
.
www.terz.org - 29.12.2004