Dr. Martin Kessler von der Rheinische Post klärt auf:
Bescheidenheit ist eine Zierde
Am 19. Januar diesen Jahres glänzte der Wissenschafts- und Wirtschaftsredakteur Dr. Martin Kessler in der Rheinischen Post mit bahnbrechenden Erkenntnissen aus der Wissenschaft der Wirtschaft.
Bestandsaufnahme
Das Sparen, so erzählt uns Kessler, sei die wichtigste Voraussetzung für
wirtschaftlich erfolgreiches Handeln. Das Sparen gehöre "zu den wichtigsten
wirtschaftlichen Tätigkeiten überhaupt. Ohne Sparen keine Investitionen,
kein Zins, kein Wachstum, keine Geldwirtschaft, keine Industrie, ja überhaupt
keine wirtschaftliche Entwicklung." Wer über seine Verhältnisse
lebe, werde schwer dafür bestraft - siehe Berlin, die armen Länder
und "die niedergehenden Regionen".
Nun beginnt Kessler einen Ritt durch die Geschichte der Menschheit. Von den
Jägern und Sammlern über den steinzeitlichen Bauern bis hin zur Industriegesellschaft
weist er die Bedeutung des Sparens nach. Kessler bedient sich schlauer Ökonomen
aus dem 19. Jahrhundert wie Ricardo und Marx, um sein Bild vom Sparen deutlich
zu zeichnen. Dabei soll Ricardo "zu Beginn des 19. Jahrhunderts" erkannt
haben, "dass nur die Ersparnisse aller wirtschaftlich Aktiven den Bestand
an Maschinen, Wirtschaftsgebäuden und Verkehrswegen erhöhen konnte.
Und das machte kontinuierliches Wirtschaftswachstum erst möglich. ... Kurz:
eine Volkswirtschaft, die wenig spart, wächst nur wenig."
Natürlich weiß Herr Kessler auch über Abwege zu berichten: "...
der englische Jahrhundertökonom John Maynard Keynes und seine Jünger".
Die sollen auf das Sparen gepfiffen und für Sozialausgaben einfach den
Staatshaushalt und die Ökonomie belastet haben.
Jetzt, so setzt Kessler voraus, wissen wir, wohin das geführt hat, nämlich
zur "Krise des Sozialstaats". Und dann lässt der Kessler die
Katze aus dem Sack. Mit seinem ganzen Gerede wollte er nur seinem Arbeitsminister
Riester die Stange halten, der "das private Sparen in die gesetzliche Rentenversicherung"
einführte. Und einleuchtend formuliert der Herr Doktor zum Schluss sein
Fazit: "Wenn Menschen in der Zukunft besser leben wollen, müssen sie
in der Gegenwart auf einen Teil ihrer Konsummöglichkeiten verzichten."
Die Ideologie vom Sparen und die praktischen Konsequenzen
Der Herr Doktor ist ein trickreicher Mensch. Er setzt bei seinem ganzen Geschreibse
auf den Alltagsverstand des gemeinen Bürgers. Dieser versteht unter Sparen
die Rücklage eines zu erübrigenden Betrages entweder für Notzeiten
oder für eine größere Anschaffung. Jeder hat schließlich
mal die Erfahrung machen dürfen, dass man für den Neukauf einer Waschmaschine
einen Kredit von der Bank aufnehmen musste, der dann in den Folgemonaten so
manche Lücken im Portemonnaie entstehen ließ. Schuldenmachen kommt
dem Normalbürger teuer zu stehen.
Dass es in der "Wirtschaft" genau anders zugeht, verschweigt Herr
Kessler geflissentlich. Dort nämlich lassen sich die Unternehmer nicht
durch fehlendes Geld vom Profitemachen abhalten. Auch wenn die hergestellten
Produkte noch nicht verkauft sind, sind sie immer flüssig durch Bankkredite,
Wechsel, Erhöhung des Aktienbestandes etc. In Erwartung eines zukünftigen
erfolgreichen Geschäftes produzieren sie mit fremdem Geld weiter. Die zu
zahlenden Zinsen gehören zur Gewinnkalkulation.
Natürlich wird in der Wirtschaft auch mächtig gespart - und zwar an
den Kosten. Und da ist der Betroffene zunächst der "Kostenfaktor Arbeit".
Durch Intensivierung der Arbeit, Verlängerung der Arbeitszeit und - wie
die modernen Ökonomen heutzutage sagen - durch "Jobcutting" versucht
man, der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus zu sein und deftige Gewinne
einzufahren.
Das kapitalistische "Sparmodell" ist nicht übertragbar auf den
Arbeitnehmer. Der muss mit dem hinkommen, was er am Monatsende in der Lohntüte
vorfindet. Und da sieht es oft ziemlich mager aus, wenn die Steuern und die
Zwangsversicherungsbeiträge abgezogen sind.
Zusätzlich hat der Arbeitsminister nun angekündigt, dass das Rentenniveau
von 70% auf 67% zurückgeschraubt wird zwecks Verbilligung des "Kostenfaktors
Arbeit", denn der Unternehmer trifft bei der Regierung immer auf offene
Ohren, wenn er die schrecklich hohen "Lohnnebenkosten" beklagt. Der
vom Minister provozierten Verarmung der ausgedienten Arbeitskräfte begegnet
derselbige mit dem wohlgemeinten Vorschlag, der Arbeitsmann möge halt zusätzlich
ein paar Groschen für's Alter zurücklegen.
Der Staat hat eben kein Interesse, die zukünftigen verelendenden Alten
mehr als nötig zu alimentieren, deshalb verdonnert er sie zur Selbstversorgung
und gibt der Versicherungsbranche eine Steilvorlage zum Geschäftemachen.
Übrigens, wer sagt, dass die erwarteten 5%-Verzinsung auch eintreten. Ganz
schön zynisch!
Schlusswort aus der Wissenschaft
"In der Volkswirtschaftslehre erkennen die modernen Wachstumstheoretiker
mit ihren hochkomplizierten Modellen die Bedeutung des Sparens wieder. Eine
Renaissance fundamentaler Erkenntnisse setzt wieder ein."
(Dr. Martin Kessler)
www.terz.org - 29.1.2002