In deiner Polemik schreibst du, wir befänden uns in einer Situation,
wo eine Mehrheit der linken Kriegsbefürworter eine gemeinsame Diskussion
gar nicht mehr wolle, sondern versuche, durch Denunziation der Kriegsgegner
als Antisemiten eine solche Debatte zu verhindern. Gibt es da eigentlich für
eine gemeinsame Diskussion noch eine Grundlage?
Eine gemeinsame Diskussion wird dadurch wirklich fast unmöglich gemacht.
In einem Artikel in der Dezember-konkret war etwa von der "Einigkeit von
Hamas bis Attac" die Rede. Mit solchen Äußerungen wird das Tischtuch
zerschnitten. Indem man den Antisemitismus-Vorwurf so inflationär und unscharf
verwendet, will man sich einen moralischen Feldvorteil in einer Diskussion verschaffen,
die doch eigentlich vor allem auf Sachargumenten gründen müsste.
Erstaunlich, das von dir zu hören. In den 90er Jahren hast du ja auch
eher zu einem inflationärem Gebrauch des Antisemitismus-Vorwurfs geneigt.
Befindest du dich heute in der Situation des Zauberlehrlings, der Geister rief,
die außer Kontrolle geraten sind?
Für mich war 1989/90 vollkommen klar, dass man sich gegen die Wiedervereinigung
stellen muss. "Deutschland denken heißt Auschwitz denken" -
das Grass-Diktum hat mich elektrisiert. Damals habe ich mich oft gefragt, warum
das anderen nicht ebenso gegangen ist. Dabei bin ich darauf gestoßen,
dass gewisse Teile der Linken - und da nehme ich mich nicht aus - sich bis dahin
zu wenig mit dem Nationalsozialismus, mit der Besonderheit des deutschen Antisemitismus
und der Singularität des Holocaust beschäftigt hatten und von einer
kalten Indifferenz gegenüber Juden bestimmt waren. Dies zu diesem Zeitpunkt
in aller Schärfe zu diskutieren, fand ich richtig. Deshalb habe ich zwar
die Intervention von Gremliza und konkret im Golfkrieg 1991 in der Zuspitzung
pro Krieg abgelehnt. Gleichzeitig fand ich richtig, dass sie an der Frage des
Antisemitismus eine Polemik begonnen haben, denn dazu bestand Anlass: Positionen,
wie sie heute Möllemann vertritt, waren damals in der Linken gang und gäbe,
ja man hat sogar - siehe Hafenstraße - Israel das Existenzrecht generell
abgesprochen.
Deine Kritik gegen linken Antisemitismus hast du gerade selbst als bittere
Medizin bezeichnet, die den Patienten heilen sollte. Nach zehn Jahren antideutscher
Diskurshoheit in der deutschen Linken sieht es ganz so aus, als sei die Dosis
zu hoch gewesen und der Patient tot. Oder wie erklärst du dir die zum Teil
aberwitzige Debatte in Teilen der deutschen Linken über Vor- und Nachteile
des bevorstehenden Krieges?
In der Situation der Wiedervereinigung, in der Situation der Pogrome in Hoyerswerda
und Rostock, in der Situation, als Deutschland Jugoslawien zerschlagen hat,
war es absolut notwendig, hoch zu dosieren. Aber heute muss die Polemik zurückgefahren
werden. Notwendig ist eine sachorientierte, streng an den Fakten orientierte
Debatte, vor allem was den Nahen Osten angeht.
Die einen bezeichnen Sharon als Wiedergänger Hitlers, die anderen bezeichnen
Arafat als Wiedergänger Hitlers - das bringt uns doch nicht weiter, das
ist doch in beiden Fällen Geschichtsrevisionismus. Ein Fortschritt wäre
es dagegen, wenn Leute aus den verschiedenen Spektren bestimmte Schlüsselereignisse
ganz konkret untersuchen. Etwa die Verhandlungen in Camp David im Sommer 2000.
Was hat Barak angeboten, was hat Arafat angeboten, und woran ist ein Kompromiss
letzten Endes gescheitert. Solche konkreten Untersuchungen bringen mehr als
die ideologischen Gemetzel.
Was ist aus deiner Sicht der Unterschied zu der Diskussion während
des Golfkriegs 1991, als du ja auch eine andere Position bezogen hattest als
Gremliza, gleichwohl zu den Wortführern der Antideutschen zähltest?
1991 wurden irakische Raketen, modernisiert von deutschen Firmen, bestückbar
mit Giftgas aus deutscher Produktion, auf Israel abgeschossen. Wenn man in der
damaligen Situation gesagt hat, unsere Solidarität als Antifaschisten verpflichtet
uns, den US-Angriffen auf das Land, von dem diese Bedrohung für Israel
ausgeht, zuzustimmen, war das zwar nicht richtig, aber verständlich. Das
ist ein Unterschied zu heute. Die damalige Position, die man nicht in der Endkonsequenz
- also der Kriegsbefürwortung - teilen muss, und ich habe sie nicht geteilt,
hat vom Ansatz her zumindest einen Realitätsbezug und ist im Ansatz sympathisch.
Es gab diese Raketen, es gab dieses Giftgas, es gab die deutsche Verantwortung
für die Hochrüstung des Irak.
Heute, wo es diese Raketen nicht mehr gibt, wo es dieses Giftgas nicht mehr
gibt, wo es in den letzten Jahren eine deutsche Zulieferung für irakische
Massenvernichtungswaffen nicht mehr gab, in einer völlig anderen Situation
also wieder dieselbe Schiene zu fahren wie damals, deutet auf völligen
Realitätsverlust hin. (...)
Du kritisiert die "Einschüchterungsprosa", die viele Debattenbeiträge
ausmacht, und wetterst gegen das Fehlen jeglicher konkreter Untersuchungsarbeit.
Wäre an diesem Punkt nicht ein wenig Selbstkritik angesagt, wenn ich da
z.B. an deinen berühmt-berüchtigten "Fuck-the-IRA"-Kommentar
von 1996 denke?
Zu Nordirland habe ich mich nur einmal in diesem jW-Kommentar geäußert,
der mir dann auch in der interim eine Titelseite eingebracht hat. Das war damals
aus der Hüfte geschossen. Sicherlich würde ich das heute so nicht
mehr schreiben.
Von der nordirischen Feinheit allerdings abgesehen, war der Ansatz richtig,
gegen den Vormarsch des neuen Deutschland in Osteuropa und auf dem Balkan auch
mit bürgerlichen Kräften zusammenzuarbeiten. In der konkreten Situation
damals musste man durch konkrete Analyse zu der Auffassung kommen, dass der
Hauptfeind zumindest in Europa Deutschland heißt. Leider haben Etliche
die damalige Analyse nicht im Licht der weiteren Entwicklung überprüft.
Meine Hypothese - Achtung: Hypothese, nicht These, das heißt vorläufig
und klärungsbedürftig: Der deutsche Vormarsch, der 1989 mit dem Mauerfall
einsetzt, ist ungefähr 1995 ins Stocken gekommen. Ein deutliches Zeichen
war der kürzliche NATO-Gipfel in Prag, wo die Europäer sich damit
abfinden mussten, dass ihre viel gerühmte schnelle Eingreiftruppe zwar
installiert wird - aber unter US-Befehl. Ein anderes Beispiel: Das deutsche
Kapital hat Osteuropa hegemonial durchdrungen, trotzdem haben in der Irak-Krise
die osteuropäischen Regierungen nicht die Position von Schröder gestützt,
sondern die von Bush. (...)
Wie bewertest du vor diesem Hintergrund die Haltung der Schröder-Fischer-Regierung
zum Irakkrieg?
Anders als auf dem Balkan ist Deutschland in diesem Fall nicht die führende
aggressive Kraft. Der Krieg wird von den USA geführt werden. Die Schröder-Regierung
hatte kein Interesse daran und das deutsche Kapital eigentlich auch nicht. Denn
in diesem Krieg werden die deutschen Absatzmärkte bombardiert werden, und
das irakische Öl ist für Deutschland eigentlich uninteressant, weil
wir unser Öl von Putin kriegen. Dass man jetzt trotzdem mitmacht - und
die treibende Kraft bei diesem Umfallen ist eindeutig der Außenminister
-, interpretiere ich nicht als Kotau oder als Ausdruck von Vasallenmentalität,
wie es Teile der Friedensbewegung tun. Ich sehe es vielmehr als Resultat eines
übergeordneten deutschen Kapitalinteresses, das die deutschen Regionalinteressen
im Nahen Osten überlagert: die deutsch-amerikanische Kapitalsymbiose.
Die vollständige Fassung ist unter www.akweb.de
verfügbar
www.terz.org - 28.1.2003