Seit Monaten dauert der Kampf der Roma für ein dauerhaftes Bleiberecht
an. Bedroht werden sie dabei nicht nur von den Regierungsparteien SPD und Grüne,
sondern auch von der Internationalen Organisation für Migration (IOM),
die als zwischenstaatliche Institution u.a. deren "Rückführung"
arrangiert. Dass die IOM bislang kaum im Licht der Öffentlichkeit stand,
mag wundern, spielt sie doch international eine führende Rolle im Bereich
der Migrationskontrolle und Flüchtlingsbekämpfung.
Die Aufgabe der IOM ist es, weltweit Migration zu beobachten, zu begrenzen und
zu steuern. Mit Sitz in Genf wurde sie 1951 als Instrument des Kalten Krieges
gegründet, damals noch unter dem Namen Provisional Intergovernmental Committee
for the Movement of Migrants from Europe (PICMME). Ihre Aufgaben sah sie im
Gegensatz zum humanitären Anspruch des UNHCR erklärtermaßen
im politisch-ökonomischen Bereich und wurde schon bald in logistischer,
operationaler wie in konzeptioneller Hinsicht zur international führenden
zwischenstaatlichen Institution der Migrationspolitik. Nach zweifacher Umbenennung
erhielt die Organisation nach 1989 ihren heutigen Namen und umfasst mittlerweile
91 Mitgliegsstaaten und über 100 Büros, davon jeweils eins in Bonn
und Berlin. Damit verfügt sie über ein umfassendes Kontroll- und Arbeitsnetz
in allen migrationsrelevanten Regionen der Erde. Die IOM rühmt sich damit,
in die Geschicke von 11 Millionen Menschen eingegriffen zu haben, wobei sie
allein im Jahr 2000 die "Rückführung" von 430.000 Menschen
betrieb, davon 164.000 aus Europa und 75.000 - der größte Anteil
- aus Deutschland.
Erklärte Ziele der IOM sind die "Kontrolle von internationalen Bewegungen"
und dementsprechend "der Aufbau moderner Migrations-Managementstrukturen,
einschließlich des Grenz-Managementsystems". Zu diesem Zweck organisiert
sie auch die Ausbildung von Grenztruppen und koordiniert den Bau von Flüchtlingslagern
und Grenzanlagen. Zu befürchten ist also, dass mit Hilfe der IOM eine Entwicklung
noch weiter verschärft wird, bei der in den letzten zehn Jahren an den
Grenzen der EU mehrere tausend Flüchtlinge starben - davon 3.026 namentlich
sowie mit Ort und Zeitpunkt des Todes erfasst.
Dass die IOM unmittelbar in das Deportationssystem verstrickt ist, geht aus
den eigenen Verlautbarungen allerdings nicht hervor. Vielmehr wirbt sie auf
ihrer Homepage und u.a. auf Plakaten in Ausländerämtern für das
Programm der "freiwilligen" Rückkehr von Flüchtlingen. Wer
mitmacht, bekommt ein kostenloses One-Way-Ticket plus ein kleines Taschengeld
spendiert. Wer dagegen die Mitwirkung an der "freiwilligen" Rückkehr
verweigert, kann gemäß Asylbewerberleistungsgesetz die Sozialbezüge
gestrichen bekommen oder gleich in Abschiebehaft genommen werden. "Rückführungen"
betreibt die IOM hauptsächlich in Länder, in die wegen der dortigen
Zustände eine reguläre Abschiebung schwierig sein könnte. Sie
schickt Menschen u.a. nach Timor, Nordirak, Kosovo, Angola und Afghanistan zurück.
Zu diesem Zweck arbeitet die IOM mit der Bundesregierung zusammen und ist auch
in den neuen so genannten Ausreisezentren bzw. Flüchtlingslagern präsent.
Außerdem sieht sie sich der präventiven Eindämmung von Migration
verpflichtet, schwerpunktmäßig in Osteuropa, Zentralasien, im Kaukasus
und auf dem Balkan. Zunehmend ist die IOM auch integraler Bestandteil von internationaler
Kriegspolitik, wobei ihr - wie etwa im Kosovo - eine Schlüsselrolle im
Netz zwischen UNO, Nato-Truppen, diversen Regierungen und NGOs zukommt. So wurde
bei der Umwandlung der UCK in ein hilfspolizeiliches Kosovo Corps dessen Rekrutierung
der IOM übertragen.
Außerdem übernahm die IOM die Auszahlung der Entschädigungsgelder
für nicht-jüdische Zwangsarbeiter. Damit hat sie "wohl ihren
Anteil daran, dass die Zahl der Antragsteller viel kleiner ist als die der Berechtigten",
so Franck Düvell in dem Buch Die Globalisierung des Migrationsregimes.
In einer Presseerklärung wandte sich der Roma National Congress (RNC) dagegen,
dass sie "zu Nazi-Opfern zweiter Klasse degradiert würden" und
konstatierte, dass "die Praxis der Wiedergutmachung' mit einer zweiten
Verfolgung zu vergleichen ist". Dies um so mehr, da die vermeintliche Wiedergutmachung
und die derzeit drohenden Deportationen der Roma zwei Seiten der gleichen (IOM-)Medaille
sind. So gibt der RNC zu verstehen, dass v.a. die IOM - als "Feind der
Roma" - deren Abschiebung arrangiere, mit dem Ziel Europa "romafrei"
zu machen. Dagegen lasse man sich aber "nicht zum Spielball einer Organisation
machen, die die Deportationspolitik zahlreicher europäischer Staaten in
die Angelegenheit einer profitorientierten NGO' umwandle". Eine treffende
Bemerkung, tritt doch die IOM mitunter nicht nur selbst als eine NGO auf, sondern
agiert auch zusammen mit Wohlfahrtsverbänden wie dem Roten Kreuz oder der
Arbeiterwohlfahrt (AWO), die beide in das Abschiebesystem verstrickt sind.
"Vielleicht wäre es richtig, die IOM genauso energisch zu attackieren
wie die G7, den IWF und das GATT", heißt im Vorwort von Düvells
aufschlussreichem Buch. Kritik jedenfalls übt neben dem RNC nicht nur Amnesty
International, sondern auch das internationale noborder network. Seit vergangenem
Herbst organisiert das antirassistische Netzwerk (www.noborder.org) eine Kampagne
gegen die IOM, in deren Rahmen etwa bei einer Kundgebung in Berlin der Balkon
des dortigen Büros erklommen und ein Transparent entrollt wurde. Das muss
nicht die letzte Protestaktion gegen die IOM gewesen sein.
G.
www.terz.org - 28.1.2003