Na Super! Da kommt schon mal ne geile und absolut hörenswerte
Elektronik-Scheibe aus diesem Dorf, und ich verpeil es glatt, die Bezugsadresse
richtig weiterzugeben: die Do-CD-Live-Scheibe von XNZ und stupID ist natürlich
über deren Site www.wickedlinks.de zu bekommen, wo sich die an abseits
vom Mainstream passierender Musik und Grafik Interessierten unbedingt mal einklinken
sollten! Jetzt aber fix der wilde Ritt durch die Februarscheiben, denn diesen
Monat gibt's soviel Gutes zu berichten, das ist schon ungewöhnlich!
JAN JELINEK AVEC THE EXPOSURES: LA NOUVELLE PAUVRETÉ (scape)
Fangen wir passenderweise mit der neuen Armut an: wenigstens ist's nicht Armut
im Geiste, die diese wundervolle Platte zelebriert. Während weltweit die
lang erarbeiteten Errungenschaften aller Sozialstaatsmodelle munter mit dem
"Der Sachzwang"-Walzer abgebaut werden, wenn sich der Kapitalismus
die Brotkrumen für seine Leibeigenen einfach nicht mehr leisten kann, schwelgt
Jelinek in einer geerdeten Opulenz, die keinen Anlass verspürt, Seele für
einen verkaufskompatiblen, da nostalgischen Begriff von Luxus oder Glamour zu
verkaufen oder angepasste oberflächliche Derivate der letzteren zu konstruieren.
74,5% Soul-Kompression lang aufs Brot gestrichen (für hungrige Tage), 74,5%
Sex und Funk within the true but still a transformed meaning of these words.
V.A.: ILATION (sonig)
Gleich noch eine best of da month (muss ja immer mehrere geben): sonischer Honig
aus Köln, so fein, fett und ferrückt, dass des ja kaum noch aushältst!
18 unglaubliche Traxx des freiesten elektronischen Freistils, für die ihr
langsam mal eure alte langweilige Plattensammlung verkaufen oder auch örtlichen
sozialen Einrichtungen schenken könntet. Hiermit lässt sich dann neu
anfangen. In echt. 0.00002% nee, ich geh jetzt schlafen, 100.079% wwwwwwwwwwwwwwwwwaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhh!!!
(plus ungezählte Bonuspünktchen für Linernotes + Artwork)
THE SOFT PINK TRUTH: DO YOU PARTY? (Soundslike)
Was für eine ... äh ... ungemein intime Frage! Auf diese Musik aber:
sofort! Ungemein stilistische Brandbreite von Drew Daniel, eine Hälfte
der Experimentalelektroniker Matmos, der zwischen Gender Studies und Promo Funk
ein störrisches und leicht hinterhältiges Album mit einigen täuschenden
Wärmefallen gebastelt hat. 74% Electrofunk für androgyne Polit-Unterhändler,
87% Im Darkroom mit der Taschenlampe, 93% Please DO that in Public!!!
DORINE_MURAILLE: MANI (FatCat)
Tja, Leute, Verisse kann ich heuer nicht bieten bei soviel geballter Klasse:
dieser 25jährige Franzose aus Cherbourg wirft die schönste und im
wahrsten Sinne schrägste Songplatte der Zeit unter Euch! Hebt sie bloß
auf, denn dieser wahnsinnsschöne Mix aus Chansons und Folkvibes, liebevoll
digital zusammengefaltet (und eben nicht brutal verhäckselt) erinnert natürlich
an Fennesz, kreiert aber logisch einen ganz eigenartigen Stil, der den Schaum
der Tage konsequent mit dem Ärmel abwischt und völlig neue Bilder
daraus malt.
TONNE: SOUNDTOY (Bip_Hop)
Zusammen mit drei anderen weitgereisten Grenzgängern, nämlich Hakan
Lidbo, Scanner und Si-Cut.DB, präsentiert Tonne aka Paul Farrington nicht
nur eines der entspannt-anregendsten Elektronikalben der Zeit, sondern liefert
auf der CD gleich auch noch die kompletten Samples + simples Sequencerprogramm
+ süße Sound-Icons, mit denen wirklich jedes Kleinkind per Drag&Drop
darin elektronische Musik machen kann. 1000%iger Einstieg in die Selbstproduktion!
SCANNER + TONNE: SOUND POLAROIDS (Bip_Hop)
Und weil das so gut ist, solltet ihr bei dieser Zusammenarbeit auch noch mal
die Ohren spitzen, wenn besagtes Team seine Soundscapes für eine Ausstellung
in der Londoner ICA in sechs hochoriginellen Städte-Mixen exploriert. Die
vor der jeweiligen Performance in z.B. Mailand, New York oder Tokyo gesammelten
Klangsnapshots wurden dann von den Besuchern noch mal verändert. 98% wahnsinnsfaszinierende
ambientöse Interaktionskunst mit der Nase im Dreck des Alltags, 88% ungewöhnlich
konkrete Environmentalklangkunst, 78% völlig unhierarchische Städte-Images,
die genug Raum für den eigenen Film lassen.
ANGEL: NR.1 > NR. 10 (Bip_Hop)
Noch ein vermeintliches Dream-Team: Panasonics Ilpo Väisänen und Schneider
TM werfen in ihrer eiskalten Sauna die selbstgebauten analogen Maschinen an,
und so klingt das Ganze auch. Engel stell ich mir anders vor. Bisweilen klingt
das Ganze wie ein bodenständiges Klischee der Experimentalmusik, sehr bluesig
fast, insofern OK. Und je älter die Platte wird, desto mehr gewinnt sie
an Klasse.
YOSHIHIRO HANNO: 9 modules.+ (Progressive Form)
Sehr groß, was der Produzent aus Osaka hier in seinen 9 Tracks macht:
minimal House-Funk zwischen abstrakt und konkret in bisweilen kompromisslosen
Sequentialisierungen, die nur in äußerst leichten Ahnungen von und
Erinnerungen an House Wärmezuleiter zulassen. Diese bewegende Dialektik
aus schroffer Statik und einer möglichen Weichheit aus Harmonien erinnert
bisweilen an SND, ansonsten gibt sie das Ohr frei und schweift auf dem Punkt.
VESSEL: DREAMING IN PAIRS (Expanding Records)
Schließlich noch ein elektronischer Romantiker: Gavin Toomey, sonst ein
digitaler Special FX-Arbeiter für Mainstreamfilme, auf seinem Audiodebut
mit überzeugenden atmosphärischen Scapes, deren traumwandlerische
Melodien stets durch sehr bewusste Beats geweckt werden und sicher in den Alltag
treten.
HIM: REMIX SERIES #1 - JAPAN (FatCat)
Die drei Japaner Nobukazu Takemura, Susuma Yokota und Ultra Living erweitern
die Musik des Vierspur-Dubbers und Querbeet-Rythmikers Doug Scharin. 3 Stücke
auf insgesamt 29 Minuten lassen dieser versteckt funkigen Musik dabei vor allem
das, was sie am nötigsten braucht: ZEIT!
TWILIGHT CIRCUS DUB SOUND SYSTEM: THE ESSENTIAL COLLECTION (M Records/www.twilightcircus.com)
Die braucht auch diese Musik: Ryan Moore, der schon äußerst lange
mit Geduld und unermüdlicher Entdeckerfreude die Tiefen des Dub auslotet,
hier endlich mit einer Art "Best Of" seines unglaublich guten Neodubs.
Der Ex-Drummer der Legendary Pink Dots und Basser des Skinny Puppy-Sideprojects
Tear Garden geht dabei mit allen Vorzügen des Analogen und den sehr bodenständigen
wie psychedelischen Vibes vor. Seine Homebase Holland könnte dabei hilfreich
sein. 99,8% machma das Sofa frei, 0,2% nö kein Bock.
MAJESTICONS: BEAUTY PARTY (Big Dada/Ninja Tune)
Meisterstreich auf dem durchgeknallten HipHop-Label der Ninjas: Mastermind und
Slam-As Mike Ladd schafft es mit seiner Cyborg-Gruppe, hinterlistig die Ikonisierung
des Pop gleichzeitig anzunehmen wie zu dekonstruieren. Reflektiert und integriert
zur selben Zeit - das schaffen bekanntlich nicht viele - gibt es kristallklar
geschliffene funky jokes zum Zustand der afroamerikanischen Community zwischen
Real-Street-Gedöns-Fubu-Zombies und schnöseligen Black-Yuppie-Immobilienzockern.
100% Awareness-Comedy!
V.A.: STEREO DELUXE ONE (Stereo Deluxe)
Grenzübergang zu den geschmackvoll-erlesenen Toffifees der Nürnberger
Groove'n'Lounge-Zuckerbäcker ... das 1995 gegründete Label leistet
sich erst jetzt die erste Werkschau. Fast alle Pralinen waren bislang nur auf
12"es erhältlich. Kann sich hören lassen, und bei soviel superber
Schoko-Creme läuft einem auch das Wasser im Munde zusammen, aber eine Schachtel
Pralinen auf Ex macht auch mal gerne Bauchweh. Empfohlen für die blauen
Stunden.
GROOVE ARMADA: LOVEBOX (Jive Electro)
Britisches Wunderdanceduo mit der Goldesel-Lizenz zum Honigschleimscheißen,
dessen Spuren auf jedem Dancefloor bislang immer noch gewonnen haben. 150% spiel
auf einer Party gute geschmackvolle Sachen, und jeder verzieht die Stirn, 350%
spiel 0,5 Sekunden von dieser Scheibe, und der Floor füllt sich schlagartig
und rastet aus. 500% und ist das dann scheiße oder ok? Zeitgemäße
Partyplatte mit Richie Havens + Hendrix-Vibes.
TIGA: DJ KICKS (!K7)
Tiga kannet, kann man nicht meckern. Der junge Glambo aus Montreal ist nicht
nur aware, sondern auch fuzzy. Soll heißen: sein DJ-Wissen stört
nicht die hellwachen Beat'n'Groove-Koitusse, sondern lässt ihn als stilsicheren
Disco-Dramaturgen auflaufen, der Le Tigre mit Soft Cell vermischt und am Ende
gar noch den Almond selbst gibt. Slicke Diva, manchmal mit zu cleaner Zickigkeit.
THE MOUNTAIN GOATS: TALLAHASSEE (4AD)
Beste Bandplatte des Monats! John Darnielles geniales Projekt (Infos und 380
Songtexte auf www.themountaingoats.net!) featured seit jeher seltsame Reisen
in seltsame Geografien und die alltägliche Paranoia seines permanent auf
der Schwelle zur Scheidung befindlichen "Alpha"-Pärchens, das
trotz der zärtlichen Grausamkeiten ihres Erfinders jedes Mal wieder die
Kurve kriegt. Die gewohnt aggressiv-sensible Schrammeligkeit ist hier einer
sorgfältigen New Yorker Studioproduktion gewichen, und diese superben Songs
strahlen vor Klasse.
LAIKA: LOST IN SPACE (Too Pure)
Beste Bandplatte des Monats! Hypnotisch, lässig, treibend, selbstbewusst
- eine der coolsten Combos des Planeten mit einer Do-CD-Best-Of von 1993-2002,
der man beim ersten und jeweils nächstem Hör verfällt. Völliges
Hammerteil, totale Entdeckungen bei größtcoolstem Flow möglich.
Bin noch ganz hin und weg ...
PRAM: DARK ISLAND (Domino)
Beste Bandplatte des Monats! Man sagt Exotica Pop, aber gemeint sind die telematisch-sonischen
Visionen dieser einzigartigen Band aus Birmingham, deren britischer Chanson-Charme
von oberflächlicher Hitze in die tiefsten Schatten lockt. Dort warten dann
neue noch dunklere Träume von einem anderen Leben. 43% Whisky mit Honig,
8% Katzenkraut, 51% Suspense-Fiesta.
SPOOKEY RUBEN: BREAKFAST (Hi-Hat)
Der gute Spookey klingt wie die gesammelten intelligenten 80er: Costello, XTC,
Tommy Dolby, Joe Jackson. Uptempo-Powerpop, der so perfekt wie irgendwie klinisch
schmeckt ... wenn das Beach-Boys-Zuckerfass aufs Tablett fällt, ist aber
Essig mit Essen. Manchmal reißt sich das Ganze zusammen und powert gut
ab ("Female Friends"), aber insgesamt schmeckst du doch nur: Vergangenheit
...
ECHOBOY: GIRAFFE (Mute)
Den hier hattich schon ma 1/2verrissen, aber da warer noch ga nich da. Getz
isser wirklich da, und is auch nich bessa. Klingt imma noch wie Nju Oada und
büschn Dihtreut. Ach Richie, wärste doch zu Oh: Asis! gegangen, denn
die gehn ja eh zu jedem Arzt, du aber bleibst hier. Ich mags 1fach nicht, wenn
Leute überschätzt werden, in Wirklichkeit aber nur Mittelmaß
abliefern. Ego-Shooter ohne Klasse, und wenn ich die Lyrix lese, weiß
ich, warum ich ihn nicht mag.
CIRCLE: ALOTUS (Klangbad)
Doktor, ein Kontrastmittel! Könnse haben: Prog-Rock aus der finnischen
Kleinstadt Pori nahe des Bottnischen Meerbusens, produziert von "Faust"-Mastermind
H.J. Irmler. 34% Ehrlich wahr - das gibt's!, 61% Repetition & Hypnotik,
9% So neu wie "Neu!", 25% Dunkler Winter, 12% Schamanenalarm.
HOGGBOY: or8? (Setana)
Highliger Bimbam! Wenn sie wenigstens die langweiligsten Großmäuler
unter der Sonne wären ... so aber hört ihr nur vier übliche Inselaffen-Vollspacken,
die meinen, RocknRoll sein zu müssen. Kitzelt ihnen die Ärsche auf
... Unterirdisch!
TEENAGE FANCLUB: 4766 SECONDS (Creation)
So richtig genial waren die ja auch nie ... und ihr Label auch hoffnungslos
überschätzt (da kaufte selbst die Queen Aktien und kackte fleißig
mit ab) ... zum Thema: 100% Best Of in 21 Tracks, nach Verdampfung blieb per
Laboranalyse aber nur 96,3% gepflegte Indie-Langeweile übrig. Was ist nur
geschehen?
OMRI ZIEGELE: BILLIGER BAUER (Intakt)
So Leute, getz ma ehrlich. Dieser Brit-Indie-Schmu war nur Trick, um Euch nach
dieser fantastischen FreeJazzKapelle gieren zu lassen. Ziegeles neunköpfige
Jazzband versammelt länger schon die jüngere Schweizer Jazzgeneration
um sich, auf dass Improvisation mit klarem Kalkül wie intensiv-wildem Ausbruch
zugleich entstehe. So geschehen in dieser vierteiligen Interpretation der Gedichte
von Robert Creely: ein Hörvergnügen erster Güte!
CHUMBAWAMBA: JACOB'S LADDER (not in my name) (Mutt)
Schon vom Dezember, aber aus gegebenem Anlass ... verpackt in süßem
Folk-Downbeat-Pop und mit Pete Seeger-Cover: die seltsame Renaissance des Protest-Songs.
War is terrorism with a bigger budget. Sollen wir den Stecker ziehen oder sollen
wir uns endlich wieder zusammenreißen?
www.terz.org - 28.1.2003