Der Tarif-Abschluss für den öffentlichen Dienst lag deutlich unter
den Vereinbarungen für die Chemie- und Metall-Branche. Bund, Länder
und Städte als Arbeitgeber hatten in ihren Haushaltsplanungen oft höhere
Lohn-Steigerungen einkalkuliert. Trotzdem stimmten sie nach Bekanntwerden des
Ergebnisses lauthals Klagelieder an und nutzten es als Vorwand zur Begründung
weiteren Arbeitsplatz-Abbaus.
Wenn in dem Land mit einer der niedrigsten Streik-Quoten Europas mal einen halben
Tag lang ein bisschen weniger sozialer Friede herrscht, prophezeien einige gleich
den Weltuntergang. Die Rheinische Post sah in Ver.di-Chef Frank Bsirske den
bösen Mann, dessen starker Arm die Busräder stillstehen ließ,
so dass die armen kleinen SchülerInnen draußen bleiben mussten und
stundenlang dem Regen ausgesetzt waren. Die Tarif-Einigung kommentierte das
Blatt dann ähnlich apokalyptisch: "Städte ächzen unter Abschluss"
lautete die Schlagzeile.
Es brauchte nicht viel, sie ächzen zu lassen. Ver.di erreichte für
das erste Jahr der Laufzeit eine Steigerung der Bezüge von 2,4 %, für
die beiden darauffolgenden eine von jeweils 1 %. Davon gilt es noch, Zugeständnisse
wie den Wegfall eines freien Tages und die Halbierung der automatischen Lohn-Erhöhungen
nach zwei Jahren abzurechnen. Für das erste Jahr bleibt nach Berechnungen
des arbeitgeber-nahen Kölner Instituts für deutsche Wirtschaft ein
Plus von 1,6 %. Eine Krankenschwester hat dann gerade mal 60 Euro brutto mehr
auf dem Lohnzettel stehen, was einen Reallohn-Verlust bedeutet, wenn man die
Preissteigerungsraten berücksichtigt.
Trotzdem ging das große Jammern los. Ver.di müsse jetzt die Verantwortung
für den Arbeitsplatz-Abbau übernehmen, hieß es. "Möglicherweise
hat Bsirske mit seiner Ouvertüre auch das Requiem für Ver.di angestimmt",
"analysierte" die Rheinische Post. Allein im Düsseldorfer Rathaus
sollen 200 Stellen wegfallen. Neu-Einstellungen wird es nicht mehr geben. Zusätzlich
ist geplant, Ämter zusammenzulegen und durch digitale Rationalisierung
Personal einzusparen. Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin
erwägt, es dem Berliner SPD-Bürgermeister gleichzutun und aus dem
kommunalen Arbeitgeberverband auszutreten. Er "habe großes Verständnis
für den Kollegen Wowereit in Berlin", sagte er gegenüber der
Presse und die Personalrätin der Stadt, Ulrike Löhr, pflichtete ihm
bei.
Bei der gemeinsam mit Duisburg betriebenen Deutschen Oper am Rhein übt
die Stadt schon mal, wie das geht. Das Haus übernimmt den Flächentarifvertrag
nicht und arbeitet ein eigenes Sparkonzept aus, das Entlassungen und weniger
Aufführungen vorsieht. Diese Pläne existieren schon sehr lange und
haben mit der aktuellen Tarif-Einigung nichts zu tun.
Gleiches gilt für die Stadtwerke. Das Unternehmen rechnete mit "Schlimmerem"
- einer Lohnerhöhung von 3 %, was sein seit Jahren laufendes Rationalisierungsprogramm
aber kaum tangiert. Bis 2006 will der kommunale Betrieb 17 % der insgesamt 2.900
Arbeitsplätze vernichten. Die Rheinbahn ging ebenfalls von 3 % aus und
streicht trotzdem munter Stellen. Nur die Stadt kalkulierte in ihren Haushaltsplanungen
mit einer 1-prozentigen Erhöhung - der vom Arena-Bau arg belastete Etat
wäre sonst geplatzt.
Dass Ver.di nicht das Problem ist, wissen Erwin & Co. ganz genau. Es ist
die rot-grüne Steuerreform, die den Kommunen durch den Einbruch bei den
Gewerbesteuer-Einnahmen massive Einbrüche beschert hat. Den Bund hätten
sie auch bei den Tarif-Verhandlungen als ihren eigentlichen Gegner erkennen
müssen. Der nämlich ist der eigentliche Profiteur der Tarif-Auseinandersetzung.
Die üppigeren Gehaltszahlungen belasten ihn nicht weiter, da er nach der
Privatisierung von Bahn und Post kaum noch als Arbeitgeber in Erscheinung tritt.
Die höheren Löhne der bei den Ländern und Kommunen angestellten
spülen ihm jedoch zusätzliche Einkommenssteuer-Einnahmen von 308 Millionen
Euro in die Kassen. Unterm Strich bleibt ihm dann ein Plus von 97 Millionen
Euro.
Jan
www.terz.org - 28.1.2003