J.S.: Was kannst Du mir über Deine Aktivitäten als Ansprechpartner
der Düsseldorfer Arbeitsloseninitiative sagen?
Lohse: Wir sind jetzt zwanzig Jahre aktiv. Wir haben angefangen damals, um das
Thema Arbeitslosigkeit anders rüber zu bringen. Und wir haben gesagt, wir
machen vor allem Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen. Da waren wir immer
so zehn, fünfzehn Leute. Wir haben auch versucht, Unterstützung über
die Gewerkschaften zu bekommen und haben an deren Aktionen teilgenommen. Die
haben auch immer was in der Richtung gemacht, Mitte der achtziger Jahre. Seit
1998 machen wir Aktionstage vor dem Arbeitsamt. Wir sind z.B. zur Geschäftsleitung
der Gerresheimer "Glashütte" gegangen, die verkauft wurde. Die
Belegschaft sollte erhalten bleiben. Wir waren bei der Rheinbahn und beim VRR,
um für die Arbeitslosen Fahrpreisermässigungen zu bekommen. Wir sind
zweimal nach Bonn gefahren, bevor die SPD an die Regierung kam, um ihnen zu
sagen, wie wir uns eine Politik vorstellen. Das waren so 40 Leute. Als die denn
gemerkt haben, wohin die Politik geht, haben die sich zurückgezogen, und
gesagt: "Man kann doch nichts machen". Das war so ein Bruch. Aber
wir machen immer noch weiter.
J.S.: Und das ist ein jährlicher Betrag?
Lohse: Ja. Die Hälfte geht für die Miete drauf.
J.S.: Welche konkrete Hilfe kannst Du ratsuchenden Arbeitslosen geben?
Lohse: Wir haben eine lange Erfahrung in der Beratung und machen auch Kurse
in der Weiterbildung mit. Darin sind wir eigentlich fit. Es kommen ja immer
neue Gesetze, immer schneller.
J.S.: Was kannst Du über die Stimmung der Arbeitslosen sagen, die hier
in das Büro kommen?
Lohse: Die Stimmung wird immer beschissener, weil keiner weiß, was auf
ihn zukommt. So schlecht war's noch nie. Die neuen Gesetze überrollen sich
gegenseitig. Es ist noch nicht eines davon durch, kommt schon der nächste
Hammer. Und keiner kann sich mehr ausrechnen, woran er selbst ist.
J.S.: Also herrschen Ratlosigkeit und Verwirrung?
Lohse: Auf jeden Fall ist das so.
J.S.: Wie siehst Du die neue Arbeits- und Sozialgesetzgebung der Bundesregierung?
Sie behauptet, dass die Rürup-Pläne, die Hartz-Gesetze, die Agenda
2010 sozial ausgewogen. seien. Arbeitsplätze würden geschaffen, sagt
der Bundesminister Wolfgang Clement.
Lohse: Der ist sowieso der Beste. Der hat hier in NRW keine Arbeitsplätze
geschaffen und das wird der auch anderswo nicht tun. Mit den neuen Gesetzen,
wo die kleinen Leute das ganze Geld für den Konsum brauchen, denen wird
noch mehr genommen. Das haut wirklich rein. Den Großen, denen Steuererleichterungen
gewährt wird, die geben das nicht für den Konsum aus. Da kommt das
Geld wieder nach Luxemburg und sonst wohin. Diese Politik bringt keinen zusätzlichen
Arbeitsplatz.
J.S.: Schröder hat sein "politisches Schicksal" mit dem Gelingen
der Rürup-Pläne, der Hartz-Gesetze und der Umsetzung der Agenda 2010
verknüpft. Wie siehst Du das?
Lohse: Der müsste schon längst weg sein, wenn er das ernst nehmen
würde. Das war richtig toll bei der letzten Abstimmung im Bundestag. Da
haben die ja so schön gerechnet, als hätten sie eine eigene Mehrheit.
Obwohl sie die nie hatten. Sie erzählen den Leuten einfach, sie hätten
eine. Die halten uns wirklich für blöd.
J.S.: Der SPD laufen derzeit die Mitglieder weg, die Wahlergebnisse für
die Partei sind alles andere als gut. Doch Gerhard Schröder hält an
seiner Politik fest. Wie bewertest Du das?
Lohse: Das ist für viele das Grausame. Die sagen: ,,Was sollen wir denn
wählen?" Die meisten wählen keine SPD mehr, und mit der CDU wird
es noch schlimmer. Die können ja auf den Schweinereien, die Schröder
gemacht hat, aufbauen. Und dann wird es noch übler. Man denke an das "Herzog-Papier"
und den ganzen anderen Ouatsch. Aber was sollst Du wählen? Das ist die
Frage. Es wählt doch heute keiner links. Dabei können wir froh sein,
dass wir keine Leute an der Spitze rechter Partei sitzen haben, die besonders
anziehend wirken.
J.S.: Glaubst Du, dass es bei den angekündigten Maßnahmen und
deren Umsetzung bleibt, oder ist damit zu rechnen, dass das Ende der Fahnenstange
noch nicht erreicht ist?
Lohse: Das ist noch lange nicht erreicht. Nach den Reformen ist vor den Reformen.
Die ziehen uns wirklich aus.
J.S.: Dem Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt gehen die Pläne noch
nicht weit genug. Er verlangt weitere Einschnitte.
Lohse: Ganz klar. Der möchte alle Sozialleistungen abschaffen. Wenn es
nach denen ginge, wäre es so, dass nur die Wohlfahrtsverbände mit
Suppenküchen und dergleichen auftreten sollten, wie in Amerika. Das wünschen
die sich.
J.S.: Der DGB-Chef Michael Sommer meint, dass die Gewerkschaften bereit seien,
"Reformen zuzustimmen", wenn sie "sozial ausgewogen" wären.
Was sagst Du dazu?
Lohse: Das Dumme ist ja, dass wir solche Gewerkschaftsführer haben. Die
schimpfen ab und zu mal, dass das alles ungerecht ist, aber wenn der Schröder
denen auf die Füße tritt, dann stimmen die ihm zu. Und das ist unser
Elend.
J.S.: Aber sind nicht die Gewerkschaften die Organisationen der Arbeitenden,
die deren Interessen vertreten müssten?
Lohse: Ganz genau. Es gibt ja weiter unten schon Aktionen, Initiativen gegen
diese Gesetze und diese Politik. Aber wie gesagt: Die Gewerkschaftsspitze, das
ist unser Elend.
J.S.: Wohin wird sich nach Deiner Meinung dieses Land entwickeln, wenn die
derzeitige Politik so fortgeführt wird? Was bedeutet das für die Arbeitslosen,
für die von Sozialhilfe Abhängigen, für die Rentner und für
die noch Beschäftigten?
Lohse: Alle werden das zu spüren bekommen. Machen wir uns nichts vor, es
wird nicht besser. Es gibt praktisch nur die einzige Hoffnung, dass wir alle
gemeinsam den Widerstand gegen diese Politik gebündelt bekommen. Das wirklich
etwas dagegen läuft. Es sind ja jetzt alle betroffen.
J.S.: Welche Aktivitäten betreibt die Düsseldorfer Arbeitsloseninitiative,
auch was die drohende Gesetzgebung betrifft?
Lohse: Über die Aktionstage hinaus machen wir im Anti-Hartz-Bündnis
und im Düsseldorfer Sozialforum mit. Darüber hinaus sind wir hier
ja auch Anlaufstelle für allen möglichen Widerstand. Wir sind ja nun
auch nicht so viele, aber die da sind, die machen doch etwas dafür, dass
die Politik sich mal in eine andere Bahn bewegt.
J.S.: Gut, ich danke Dir für das Gespräch.
INTERVIEW: JÜRGEN STEIN
www.terz.org - 27.1.2004