Zweiter
Arbeitsmarkt & Sekundär-Tugenden
1-Euro-Jobs in
Düsseldorf
Seit
Januar beziehen rund 50.000 DüsseldorferInnen
Arbeitslosengeld II. Stadt, Wohlfahrtsverbände und Träger wie
die
Zukunftswerkstatt arbeiten mit Hochdruck daran, 1-Euro-Jobs für
sie aufzutun.
In
Düsseldorf sollen 2.700 1-Euro-Jobs entstehen. Die
meisten davon richten die Wohlfahrtsverbände wie AWO, Caritas oder
Diakonie
ein. Die Stadt hat im Gartenamt 169 und im Umweltamt 24 Stellen
geschaffen. Die
Rheinbahn bietet 100 Diskount-Arbeitsplätze als
Fahrdienst-BetreuerIn an. Mit
der Organisationsaufgabe hat das Rathaus die
Zukunftswerkstatt Düsseldorf
(ZWD) betraut. Sie hat zwei Varianten von Arbeit im Angebot: Den
1-Euro-Job, wo
es zum Arbeitslosengeld II noch ein kleines Zubrot gibt, und die
„sozialabgaben-pflichtige Arbeitsgelegenheit“. Diese entspricht fast -
aber
eben auch nur fast - einer regulären Beschäftigung. Sie
braucht deshalb das
Kriterium „zusätzlich zu den sonstigen Tätigkeiten im
Betrieb“ nicht
trennscharf zu erfüllen und dient so zum staatlich
subventionierten Aufbau
eines Billiglohn-Sektors. Um solche „Arbeitsgelegenheiten“ handelt es
sich bei
dem - schon vor Hartz IV angelaufenen - Rheinbahn-Programm, das die
Arbeitsplätze von anderen Angestellten wohl eher nicht
gefährdet. Die ZWD
bekommt von der „Agentur für Arbeit“ für jeden
Fahrdienst-Betreuer 1.400 Euro.
Davon behält sie 300 Euro für Betreuung, Schulung und
Weitervermittlungsbemühungen ein und übernimmt den
Arbeitgeber-Versicherungsanteil
sowie den Berufsgenossenschaftsbeitrag in Höhe von 180 Euro. 900
Euro brutto
zahlt sie dem einzelnen Hilfsschaffner. Dem bleiben dann 715 Euro
netto. Für
einen Familienvater mit zwei Kindern reicht das nicht zum Leben, wie
auch
Claudia Diederichs von der Zukunftswerkstatt weiß. „Das geht den
Menschen da so
wie jedem anderen Geringverdiener. Sie haben natürlich Anspruch
auf weitere
staatliche Hilfe. Also können sie Wohngeld beantragen, sie haben
Anspruch auf
Kindergeld. Und wie bei jedem anderen, dessen Einkommen nicht
bedarfsdeckend
nach den Regelungen des Sozialhilfe-Gesetzes ist, können sie dann
ergänzende
Leistungen beantragen“, sagte sie dem Wirtschaftsmagazin „Profile“.
Das machen die
betreffenden Neu-Rheinbahner dann auch. Das
Sozialamt überweist ihnen deshalb die zur Summe von 1.723 Euro,
dem staatlich
festgelegten Existenz-Minimum für einen 4-Personenhaushalt,
fehlenden 1.008
Euro. So kostet der Billigjob über 2.400 Euro. Würde der
Fahrdienst-Betreuer
seine Hände in den Schoß legen, käme das den Staat 685
Euro billiger. „Arbeit
ist zu teuer in Deutschland“ - hier stimmt der Unternehmer-Spruch
wirklich
einmal.
Die
Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist,
bleibt auf die Maloche fixiert, koste es, was es wolle. Claudia
Diederichs
rechtfertigt den Mehraufwand mit dem gesellschaftspolitisch
gewünschten Effekt,
Menschen aus der Passivität der Arbeitslosigkeit geholt zu haben.
Aktivität um
jeden Preis scheint ihr Motto zu sein - der Weg ist das Ziel, die
Arbeit an
sich. Denn wenn auch nichts dabei herausspringt, so hat die
vordergründig
nutzlose Tätigkeit doch einen erzieherischen Wert. Bei den
1-Euro-Jobs geht es
für die Arbeitslosen zunächst einmal darum,
Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit,
ordentliches Auftreten oder Disziplin wieder zu erlernen, sagte
Landesarbeitsamt-Sprecher
Werner Marquis der „Rheinischen Post“.
Für die ZWD
geht es dabei vor allem darum, für diese
schwarze Pädagogik möglichst viel Geld von der „Bundesagentur
für Arbeit“
abzuziehen, mutmaßten die „Profile“-Journalisten.
Tatsächlich kommt allein bei
den genannten 293 BilligarbeiterInnen für sie monatlich ein Betrag
von fast
90.000 Euro heraus. Gaby Gottwald von der Hamburger
Beschäfigungsinitiative
Abakus hält einen Beitrag von 300 Euro pro Arbeitslosem dagegen
für nicht
ausreichend. Er genügt nicht, um eigene Betriebstätten zur
wirklichen
Weiterqualifizierung zu unterhalten, die Tätigkeiten müssen
sich deshalb auf
Vermittlungsdienste beschränken. „Die Aufgabe des
Trägers besteht nur noch
darin, die Leute an irgendjemanden zu vermakeln, der sich dann etwas
einfallen
lässt für die Leute. Das ist das Geschäft“, meinte sie
in einem Interview der
Gewerkschaftszeitung „ver.di publik“. Abakus zog daraus die Konsequenz,
die
Arbeit einzustellen.
Bei den
Vermittlungen gibt Claudia Diederichs eine
Erfolgsquote von 70% an. Nicht nur der PDS-Ratsherr Frank Laubenburg
hat
Zweifel an dieser Zahl. Er weist auf die von der Zukunftswerkstatt im
letzten
Jahr für die „gemeinnützige zusätzliche Arbeit“
angegebene Vermittlungsrate
hin, die lediglich 10% betrug. Noch dazu hat die ZWD dem Viertel der
TeilnehmerInnen,
welches die gemeinnützigen Scheißjobs vorzeitig quittierte,
rigoros die
Leistungen gekürzt.
Bei AWO &
Co. dürften die BilligarbeiterInnen keine
bessere Perspektive haben. Die Wohlfahrtsverbände könnten die
Zahl der
Arbeitslosen sogar noch vergrößern, weil sie mit den
1-Euro-Jobs alte
Arbeitsplätze vernichtet. Sogar Profis des Zweiten Arbeitsmarktes
wie Horst
Scherschel von der Duisburger Beschäftigungsgesellschaft sieht
diese Gefahr:
„Es gibt einige Grenzbereiche, wie Pflege oder Gartenbau. Dort
könnte
Verdrängung stattfinden“. Die Stadt nutzt das neue Angebot auch
nicht immer als
Ergängung. So setzt sie die 715-Euro-Kräfte allein als
Urlaubsvertretungen für
Schulhausmeister ein.
Für den
ersten Arbeitsmarkt lernen sie auf den Schulhöfen
kaum etwas. Selbst Claudia Diederichs hat deshalb ernste Zweifel,
„ob die
sechs Monate reichen“, um Arbeitslose zu qualifizieren. Sie hofft, dass
„der
Arbeitsmarkt anspringt“. „Wir können nur Übergänge
organisieren und Menschen
fördern“, so Diederichs. Die Betroffenen haben anscheinend
ebenfalls ernste
Zweifel an den 1-Euro-Jobs. „Die
Akzeptanz bei den meisten jüngeren Arbeitslosen ist gering“,
räumt Werner
Marquis
ein.
Jan
www.terz.org - 26.01.2005