Agenturschluss in Düsseldorf
War da was?
Großspurig wurde sie angekündigt: die Kampagne
„Agenturschluss“ um am 3. Januar die Arbeitsagenturen zu
schließen. Aber außer
in Berlin gab es keine großartigen Störungen des Betriebes.
Geschätzt wurden
8.000 AktivistInnen. Aber was sind 8.000 gegen 80 Millionen?
Unbehagen gab es im Vorfeld dennoch. Nicht nur die
AktivistInnen waren unsicher, auch die Gegenseite. Deswegen denunzierte
man die
Hartz IV GegnerInnen im Vorfeld. In bester „Bild“-Manier las man in der
Rheinischen Post auf Seite 1: „Mit Ex-Terroristen gegen Hartz IV“. Wenn
einem
so gar nichts mehr einfällt, verfällt man halt wieder auf
alte Feindbilder.
Während sich also „Ex-Terroristen“ angesprochen fühlten (denn
etliche von ihnen
fallen unter Hartz IV), blieben die allermeisten anderen Betroffenen zu
Hause.
So war es auch in Düsseldorf.
Vielleicht 50, vielleicht 100 organisierte Personen waren im
Verlauf des Vormittags vor der Arbeitsagentur anzutreffen. Schon um
7.30 Uhr
zur Öffnungszeit der Arbeitsamtsagentur verteilten die
AnarchosyndikalistInnen
der FAU (Freie ArbeiterInnen Union) Düsseldorf ihre Zeitschrift
„Zieht euch
warm an“. Das Zeitungsverteilen erregte die Aufmerksamkeit der
ankommenden
Büttel von der Düsseldorfer Polizei. Sie nahmen die
Personalien der Verteilenden
auf. Kurz nach 9.00 Uhr war dann auch der Antifa-Kok da und verteilte
vor und
im Gebäude Flugblätter, hing Transparente auf und lieferte
sich verbal ein
Rededuell mit dem Leiter der Arbeitsagentur Peter Jäger. Als dem
die Argumente
ausgingen, verwies er die DiskutantInnen des Hauses,
während einige Büttel
versuchten, die inzwischen aufgehängten Transparente zu entfernen.
Die anderen
konnten jedoch weiterhin im Hause ihre Polonaise aufführen und
Flugblätter
verteilen. Die Reaktion auf die Flugblätter tendierte von
freundlicher
Zustimmung bis Desinteresse. Am stärksten reagierten noch die
Angestellten der
Agentur: Sie schlossen sich schnell in ihre Büros ein oder wollten
auf keinen
Fall ein Flugblatt annehmen. Offensichtlich aufgehetzt von
Arbeitsagenturleitung
und der Gewerkschaft Verdi.
Verdi hatte schon im Vorfeld mitgeteilt, dass sie die
Proteste nicht unterstützt und ihre Mitglieder aufgefordert, daran
nicht
teilzunehmen. Wer braucht eigentlich so eine Gewerkschaft? Immer
schön nach
oben buckeln und nach unten treten. Immerhin ließen sich einige
BasisgewerkschaftlerInnen
davon nicht beeindrucken.
Draußen waren dann auch noch PDSlerInnen und das
Düsseldorfer Sozialforum anwesend, an deren Zelt man sich bei
einer Tasse
Kaffee aufwärmen konnte. Und man konnte sich von Ferne das
Spektakel
anschauen, welches schräg gegenüber los ging. Neidisch musste
man sehen, wie
Massen von Leuten eben nicht zu den Protesten, sondern zu den
Lockangeboten
von MediaMarkt pilgerten. So sieht eben die traurige Realität des
sozialen
Protest aus. Das Gute ist: Es kann nur besser
werden!
Hartz-Widerstand
„Agenturschluss“
- Es geht weiter!
Am Samstag, den 15. Januar, 14 Tage nach dem Inkrafttreten
der „Hartz“- Gesetzgebung, trafen sich im Wuppertaler Autonomen Zentrum
etwa 50
VertreterInnen der an der bundesweiten Kampagne „Agenturschluss“
beteiligten
Gruppen. Sie berieten über ein weiteres Vorgehen.
Die Anwesenden diskutierten über die Protestaktionen, die am
3. Januar in über 80 Städten durchgeführt wurden.
Aufgrund der vorbildlichen
Aktivitäten von „Labournet“, Indymedia und FAU-AktivistInnen
liegen derzeit
konkrete Berichte aus 56 Städten vor, die auf den entsprechenden
Internet-Seiten nachgelesen werden können.
Hier ergibt sich ein buntes Bild des Protests vom 3. Januar.
Insgesamt gab es auf dem Treffen in Wuppertal sehr unterschiedliche
Einschätzungen über die überwiegend in und vor den
„Arbeits-Agenturen“
stattgefundenen Aktionen: Waren sie nun ein Erfolg oder waren sie es
nicht?
Übereinstimmung bestand unter den Versammelten, dass die
„Protestszene“ mehr
oder weniger unter sich geblieben sei.
Überwiegend hätten sich die Erwerbslosen kaum dafür
interessiert, was mensch ihnen mitzuteilen hatte. In der Regel
definierten sie
sich nicht als arbeitslos. Es gebe eher individuelle Reaktionen auf
diesen
Zustand. Jedoch habe es, und das erkläre bei vielen dieses
Verhalten, Angst vor
den SachbearbeiterInnen und vor der Polizei gegeben. Auch seien die
Auswirkungen der nun durch Gesetze vorgenommen Angriffe von Kapital und
Staat
noch nicht in Gänze zum Tragen gekommen. Dafür sei es wohl
noch zu früh.
Zu Recht wurde das Verhalten von DGB und ver.di kritisiert,
die sich auf die Seite der SPD/Grünen-Regierung gestellt hatten.
Ver.di hatte
sogar ganz offen gegen die Kampagne „Agenturschluss“ gehetzt.
Sogenannte
„linke“ ver.di–Leute „versuchten uns als Mitglieder zu gewinnen, um uns
als ihr
‚linkes’ Mäntelchen zu missbrauchen“, hieß es. Insgesamt
wurden die Chancen für
ein Bündnis mit den Gewerkschaften als realistisch
eingeschätzt – und zwar im
negativen Sinne.
Auch was eine mögliche Unterstützung der Aktionen durch
vermeintliche oder tatsächliche „Sympathisanten unter den
Beschäftigten“
angehe, so müsse dies als „unrealistisch“ angesehen werden, da sie
doch fast
ausnahmslos ihrem „Arbeitgeber“ gegenüber „verpflichtet“ seien.
Trotz dieser
doch eher pessimistischen, aber realistischen Sichtweise der Dinge,
bestehe
doch „Hoffnung, dass sich Widerstand gegen diese Form des Zwangs
entwickeln“
werde. Auch dass sich die Erkenntnis bei vielen Betroffenen, aber
darüber
hinaus auch anderen Menschen durchsetze, dass „die Arbeits-Agentur ein
Unterdrückungsinstrument
der herrschenden Klasse“ ist. Immerhin habe sich gezeigt, dass die
bundesweite
dezentrale Mobilisierung funktioniere. Dem stand mensch
ursprünglich skeptisch
gegenüber.
Wichtig sei es nun, auf die Dinge zu reagieren, die in den
nächsten Wochen und Monaten deutlich werden würden, wenn sich
die Auswirkungen
der „Hartz“-Gesetzgebung zeigen werden. Dann müsse konsequent der
Weg
fortgesetzt werden, der eingeschlagen wurde.
Insgesamt wurde geschätzt, dass an der
„Agenturschluss“–Aktion
an 3. Januar etwa 8.000 Leute im ganzen Bundesgebiet teilnahmen.
Genauere
Zahlen liegen erst vor, wenn die Berichte aus allen Städten zur
Verfügung
stehen. Festzuhalten ist, dass die „Agenturschluss“-Initiative, im
Unterschied
zu den schlagkräftig organisierten politischen Parteien,
Verbänden und
„Gewerkschaften“, nicht über bezahlte Funktionäre
verfügt. Dennoch hat sie es
geschafft, weit über ihren organisierten kleinen Kreis hinaus,
einige tausend
Menschen anzusprechen, mit dem Ergebnis, dass diese sich an den
Aktionen
beteiligten. Diese Tatsache wurde bei dem Wuppertaler Treffen, bei
aller
Selbstkritik, die das Treffen auch beherrschte, zu wenig beachtet.
Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Initiative in
dieser Republik keinen bedeutenden Bündnispartner vorzuweisen hat.
Wer auf
lokale Selbstorganisation baut, wenn auch nur formal, wie im
vorliegenden Fall,
und somit bürgerliche Repräsentationspolitik ablehnt, der
stößt bei den
„Gewerkschaften“ und bei den staatsfixierten linken Parteien
natürlich auf
Ablehnung. Eine Skurrilität allererster Kajüte stellt eine
wohl kaum zu
überbietende Presseerklärung des PDS-Kreisverbandes
Düsseldorf dar.
Ausgerechnet die Untergliederung einer Partei, die mit zwei
Landesverbänden an
zwei Landesregierungen (Berlin und Brandenburg) beteiligt ist, und die
alles
dafür getan hat, Hartz IV dort zum Alltag werden zu lassen,
unterstützte
„Agenturschluss“. Im Gegensatz zur neuen sozialdemokratischen Partei
„Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit“ (WASG), die sich
schon
jetzt, ohne in einem Parlament zu sein, als das offenbart, was sie in
Wirklichkeit ist: eine Mogelpackung mit Gewähr. Aber das war ja
auch irgendwie
nicht anders zu erwarten. Jedenfalls ging ein deutliches Zeichen von
Wuppertal
aus, nämlich, dass es mit der Initiative „Agenturschluss“ erst
einmal
weitergeht, auch wenn es am 3. Januar 2005 eigentlich nur eine
Agenturstörung
war.
Jürgen Stein
www.terz.org - 26.01.2005