bookDas
Projekt Utopia
In
der Zeit des so genannten utopischen oder
Früh-Sozialismus des 19. Jahrhunderts entstanden neben abstakten
Ideen über ein
anderes Leben ohne Ausbeutung und Herrschaftsverhältnisse zugleich
Versuche zur
praktischen Umsetzung sozialistischer Lebensvorstellungen. Einer ihrer
Vordenker war Charles Fourier, der ab 1808 das Ideal einer die
Arbeitsteilung
überwindenden Gesellschaft entwarf. Der vom einfachen Handwerker
zum
Unternehmer aufgestiegene französische Ofenfabrikant Jean-Babtiste
Andre Godien
war inspiriert von den Frühsozialisten Fourier und Robert Owen und
er kannte
aus eigener bitterer Lebenserfahrung die Qualen des proletarischen
Daseins.
Daher versuchte er die Ideen einer sozialisierten Lebens- und
Arbeitswelt unter
kollektiven Bedingungen in seiner Fabrik in die Tat umzusetzen und
organisierte
seinen Betrieb unter genossenschaftlichen Prinzipien des so genannten
Familistere, des genossenschaftlichen sozialen Wohnens. Diese Wohn- und
Fabrikgenossenschaft überdauerte von 1880 bis zum Jahre 1968, in
welchem –
Ironie der Geschichte – die Genossenschaft privatisiert wurde. In den
Achtzigern nach einem Besitzerwechsel kam die Ofenfabrik wieder
wirtschaftlich
auf den grünen Zweig und die Stadt Guise kaufte ein Viertel der
Wohnungen als
Teil des Sanierungsprojekts “Projekt Utopia” in Anlehnung an die Ideen
ihres
Gründers. Nun war der Gründer Godien weder Jesus noch Marx
und hatte neben
ehrlichen sozialen auch verklärte Vorstellungen vom guten Leben
für „seine
Arbeiter”. Auch der Rüstungsfabrikant Alfred Krupp verband seine
paternalistische Fürsorge für „seine Arbeiter” mit nicht ganz
uneigennützigen
Belehrungen: „Das Politisieren in der Kneipe ist nebenbei sehr theuer,
dafür
kann man im hause besseres haben. Nach gethaner Arbeit verbleibt im
Kreise der
Eurigen, der Eltern, bei der Frau und den Kindern. Da sucht eure
Erholung,
sinnt über den Haushalt und die Erziehung. Das und eure Arbeit sei
zunächst und
vor Allem Eure Politik. Dabei werdet ihr frohe Stunden haben.” Doch
Godien war
kein Krupp, sondern im Gegensatz zu jenem von sozialistischem
Gedankengut
beeinflusst. Dem Autor und Stadtsoziologen Rudolf Sternberger gelingt
in dem
hier vorgestellten Büchlein die Gradwanderung zwischen
historischer
Nacherzählung und konkreter Ausformung eines überaus
faszinierenden innovativen
Projektes und ein kritischer Rückblick auf die Grenzen und
begrenzten
Reichweiten des Genossenschaftsmodells für das Projekt
Sozialismus. Sicher
können in einer solch kleinen Abhandlung nicht alle Facetten des
Genossenschaftsmodells beleuchtet werden. Aber dem Autor ist es
vorzüglich
gelungen, das Modell Familistere Godien dem Vergessen zu
entreißen und darüber
Anregungen für zukünftige Modelle zu liefern. Ein fesselnder
Rückblick auf
sozialistische Experimente – mehr davon!
Al
C.
Rolf
Stumberger: Das Projekt Utopia. Geschichte und
Gegenwart des Genossenschaftsmodells “Familistere Godin”
VSA
Verlag 2004, 122 S., 12,80 Euro
bookKOMMUNISMUS
Warum
kompliziert, wenn’s auch einfach geht? So auch mit dem
Kommunismus. Bert Brecht nannte ihn einmal „das Einfache, das so
schwierig zu
machen ist.” Nein, sagt nun Bini Adamczak: „Den Kommunismus machen: das
kann ja
wohl nicht so schwer sein.” Denn wenn die Menschen mal nachdenken, dann
können
sie auch anders:
Na,
das war ja nichts, denken die Menschen. Erst hat uns der
Kapitalismus ganz unglücklich gemacht und dann ist er auch noch
ständig schief
gegangen. Außerdem, sagt ein Mensch laut, haben wir den
Kapitalismus jetzt
wahrlich lange genug gehabt – 200-500 Jahre nämlich – und das
reicht wirklich.
Es ist Zeit für was Neues. Und Abwechslung muss sein. TERZ-Tipp:
anschaffen
& anwenden!
bini
adamczak: KOMMUNISMUS. kleine geschichte, wie endlich
alles anders wird
Unrast
Verlag 2004,
79
S., 8 Euro
<>
bookNeue Sichtweisen auf den Widerstand
gegen die
NS-Diktatur>
Die
Historikerin Angelika Ebbinghaus und der Historiker Karl
Heinz Roth – beide zugleich Herausgeber der Zeitschrift
„Sozial.Geschichte“ –
haben Ende letzen Jahres ein Buch über bisher unbekannte sowie
fehlgedeutete
Facetten des Widerstandes gegen das NS-Regime herausgebracht. In der
SoZ -
Sozialistische Zeitung, November 2004, erläuterte Karl Heinz Roth
in einem
Interview seine Erkenntnisse, die folgend auszugsweise wiedergegeben
werden.
Euer
neues Buch behandelt die breite Palette des politischen
und »unpolitischen« Widerstand gegen den
Nationalsozialismus. Und ihr betont,
dass es sich dabei um neue Forschungserkenntnisse und neue
Sichtweisen auf
diesen Widerstand handelt. Was ist dabei neu?
Wir
haben uns in unseren Beiträgen auf drei Aspekte
konzentriert: Das eine ist der Widerstand von unten, das zweite eine
Neubewertung der sogenannten Roten Kapelle und das dritte eine sehr
breite
Sichtweise auf den bürgerlichen Widerstand. Ludwig Eiber fasst in
seinem
Beitrag, dies zum ersten Aspekt, Forschungsergebnisse zusammen, die im
Wesentlichen erst in den 90er Jahren entstanden sind. Sie sind für
uns
besonders spannend gewesen, weil wir uns selbst ja vor dreißig
Jahren in
unserem Werk „Die andere Arbeiterbewegung“ mit diesem Widerstand
auseinandergesetzt haben und sehr viele offene Fragen hatten. Diese
Fragen sind
durch die neueren Forschungen zu einem erheblichen Teil sehr
konstruktiv
beantwortet worden. Schon in den 70er Jahren war uns zwar klar, dass
der
Arbeiterwiderstand nach der Zerstörung der politischen
Arbeiterorganisationen
der Linken 1937/ 38 nicht verschwunden ist, sondern sich diffus
ausgebreitet
und diffus überlebt hat. Nicht klar dagegen war, dass er sich auch
sehr stark,
was eigentlich selbstverständlich ist, in die Armee, d.h. die
Wehrmacht
verlagert hat. Der Widerstand der einfachen Soldaten, von
Hunderttausenden
Deserteuren, bekommt so eine ganz neue Qualität. Er war zu einem
erheblichen
Teil informell strukturiert, aber er hatte gegen Ende des Krieges auch
organisatorische Momente entwickelt, bspw. im Umfeld des
Nationalkomitees
Freies Deutschland (NKFD). Das war uns bisher nicht so klar. Hinzu
kommt die
Diffusion in andere Spektren, in den Jugendwiderstand, den
Frauenwiderstand,
den Widerstand von verfolgten und untergetauchten Juden, um nur einige
Beispiele zu nennen. Neu war für uns auch die relativ starke
Rekonstruktion des
kommunistischen Widerstands seit 1942/43. Da haben wir richtig
dazugelernt. Es
gab parallel zum informellen Überleben der proletarischen Milieus
in kleinen
informellen, zumeist verwandschaftlichen
Gruppen auch neue, sehr
interessante Organisationsprozesse, in denen sich sozusagen das
letzte
Aufgebot des kommunistischen Widerstands reorganisiert hat, das sich
zudem ganz
explizit von der Moskauer Exilleitung distanziert und, wenn auch mit
sympathisierender Nähe zum Programm des NKFD, eigene
Gestaltungsansprüche
deutlich artikuliert hat. Diese neuen Aspekte sind nicht nur spannend,
sie
eröffnen auch ein neues Terrain. Bei der Roten Kapelle, um den
zweiten
Schwerpunkt zu nennen, hat uns fasziniert, dass die Legende, es habe
sich um
eine Geheimorganisation des sowjetischen Militärdienstes
gehandelt, völlig
zerstört wurde. Sie war etwas ganz anderes — eine
Widerstandsgruppe aus allen
sozialen Schichten, ein breites Spektrum von unten bis in das
Bildungsbürgertum
hinein mit einer ziemlich realistischen und klaren Programmatik. Die
Gruppe war
nicht nur faszinierend, sondern auch ungeheuer produktiv und hat
vieles, was
das NKFD später propagiert hat, vorweggenommen. Sie hat auch nach
allen Seiten
agiert, vor allem auch nach Seiten der US-amerikanischen Botschaft bis
zu deren
Schließung 1941. Und genau diese Kontakte zur Roosevelt-
Administration wurden
später, im Kalten Krieg, fast völlig unterdrückt. Das
ist eine wirklich neue
Sichtweise. Über den dritten Schwerpunkt haben Angelika und ich
selbst
gearbeitet. In einer linken Tradition stehend, war es die zentrale
Frage, ob es
wirklich so etwas wie einen demokratisch-bürgerlichen Widerstand
auch gegen die
NS-Diktatur gegeben? Hat es hinter dem NS-Mythos überhaupt eine
andere
historische Realität gegeben? Das Ergebnis ist sehr differenziert.
Es hat
diesen bürgerlichen demokratischen Widerstand gegeben, aber er war
sehr klein –
ein minimales Spektrum, das eine große Wirkung entfaltet hat. Das
war vor allem
der Kreisauer Kreis. Dieser Kreis muss auch aus linker Perspektive
neu
diskutiert werden. Helmuth von Moltke war eine Lichtgestalt des
deutschen
Widerstands. Er hat sich mit Spinoza und mit radikaldemokratischen
Entwicklungen auseinandergesetzt, er hat sich mit der US-
amerikanischen
Emanzipationstradition der »Federalists«
beschäftigt. Der Kreisauer Kreis
ging aus von einer vollständigen Zerstörung der NS-Diktatur
durch eine
militärische Niederlage und wollte dann einen Neuanfang starten,
der jenseits
des Nationalstaats in einer europäischen föderalistischen
Perspektive lag. Da
sind viele interessante Aspekte, die man nicht heroisieren sollte. Aber
insgesamt war dies ein spannendes pluralistisch-demokratisches
Spektrum.
Es
ist noch immer schwer möglich, den Widerstand gegen den
Nationalsozialismus quantitativ einzuschätzen. Deutlicher wird
zwar nun, dass
er umfangreicher war als früher eingeschätzt. Doch es bleibt
die Tatsache, dass
er ohne nennenswerten Erfolg war. Welches Licht wirft dies auf den
Widerstand
und den Nationalsozialismus als Ganzen?
(Es)
…wird klar, dass der Widerstand eine erhebliche Breite
hatte. Selbst während der Kriegszeit haben immerhin 10% der
Bevölkerung, und
zwar von unten nach oben abnehmend, so etwas wie ein Milieu des
Widerstands
gebildet. Es sind immerhin fast 1 Million Menschen kurz- oder
langfristig in
die Fänge der Gestapo geraten, Hundertausende sind desertiert.
6000 - 8000
Menschen sind nicht nur desertiert, sondern auch zu den Alliierten oder
in die
Partisanenbewegung der Resistance übergelaufen. Es hat 30.000
Todesurteile
gegen Deserteure gegeben. Der Widerstand war breit, aber gleichzeitig
sehr
zersplittert, sehr fragmentiert. Und er weist einige bisher kaum
gedeutete
Phänomene auf – wie bspw. seine am europäischen Maßstab
gemessene enorme
Gewaltlosigkeit. Wer also über den europäischen Widerstand
gegen den Faschismus
reflektiert, kommt einfach nicht mehr am deutschen Widerstand vorbei.
Karl
Heinz Roth/Angelika Ebbinghaus (Hrsg.): Rote Kapellen –
Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den
Widerstand gegen
die NS-Diktatur 1938-1945,VSA-Verlag 2004, 293 S. und Fotos, 19,80 Euro
bookGeheimdienst – Politik und Medien
Das vorliegende Buch ist eine erweiterte Neuauflage des 1998
erschienenen Buches „Undercover” von dem Geheimdienstkenner Erich
Schmidt-Eenboom. Es hat auch nach diesen vielen Jahren nichts von der
Brisanz
verloren. Wer immer noch glaubt die Presse sei unabhängig, wird
sich bei der
Lektüre wundern. Gerade in den ersten Jahrzehnten der
Bundesrepublik waren
viele namhafte Journalisten freiwillige und unfreiwillige Zuträger
für die
Geheimdienste. Journalisten sind schon lange gerngenommene
InformantInnen der
Geheimdienste. Zur Zusammenarbeit muss in Deutschland offensichtlich
kein
Journalist gezwungen werden. Eine Liste von Ende der 80er Jahre spricht
von 230
Journalisten im Dienste des BND, darunter Teile der Elite der deutschen
Journaille. Eine Zusammenarbeit wird häufig als ehrenvoll
angesehen. Da
kokettiert einUnd das alles
für 3 Euro, bspw. im Linken Zentrum oder bei
BiBaBuZe.