filmMathilde
- eine große Liebe
Jeunets digitale Wunschmaschine baut diesmal die Liebe und
den Krieg zusammen. Obwohl er sich bei der Darstellung von
Grausamkeiten nicht
zurückhält, erscheint die Welt von Mathilde kaum weniger
fabelhaft als einst
die von Amélie. Auf der Suche nach ihrer Sandkasten-Liebe
Manech, der sich im
Ersten Weltkrieg selbst verstümmelte, durchquert die wiederum von
Audrey Tautou
gespielte Hauptfigur zuckerbäckerne Kulissen sowie pittoreske
Dekors und
begegnet ebenso pittoresken Menschen. Zusätzlich
versüßt wird das Ganze noch
durch eine anheimelnd-regressive Märchentanten-Erzählstimme
aus dem Off.
Das Nebeneinander von Nostalgie und Schrecken bereitet dem
Regisseur keine Probleme, da sein Film sowieso nur aus nicht zueinander
in
Beziehung tretenden Einzelteilen besteht. Objekte wie Taschenuhren,
Zeppeline
und zu tödlichen Waffen umgebaute Brillen entfalten ein
Eigenleben, während das
Menschliche, Allzumenschliche der Protagonisten in seiner
Hyperrealität wie
ein Special Effect daherkommt, weshalb diese wie tote Dinge wirken.
Gern setzt
Jeunet dabei auch auf Synergie-Effekte - einer Figur hat er eine
Holz-Hand als
Prothese angebaut.
Bei dieser kleinteiligen Bastelarbeit kommen Fragen des
Zusammenhangs gar nicht erst auf. Mit seinen liebenswürdigen
Macken,
höchstpersönlichen Geschichten und markanten
Gesichtszügen ist jeder eine
Insel. Bezeichnenderweise lebt Manech als Wärter auf einem
Leuchtturm. Kaum
einmal lässt der Filmemacher ihn wirklich in Kontakt mit Mathilde
treten.
Selbst bei der feierlichen Wiedervereinigung stürzt Mathilde sich
nicht auf
ihre große Liebe; sie verharrt stattdessen in verzückter
Beobachtung des
Jungen.
Auch den Krieg zerlegt Jeunet in einzelne Komponenten. Die
größte Einheit stellt der Schützengraben dar. Die Ebene
darunter bilden
Momentaufnahmen: ein infolge der Kampf-Handlungen derangiert am Kreuz
hängender
Jesus, aus dem Schlamm aufragende Hände, ein noch seine toten
Soldaten
malträtierender General. Mit den einer bloßen
Ohne-mich-Haltung entspringenden
Selbstverstümmelungen bleiben sogar die Verstöße gegen
die militärische Ordnung
im engen Rahmen des Individualismus. Den Regisseur scheint in seiner
Sozial-Phobie am Krieg vor allem zu stören, dass er eine
Massenveranstaltung
ist. Folgerichtig richtet sich sein Tunnelblick ganz auf Mathilde und
ihre
Mission und lässt bis zu ihrem ganz persönlichem
Weltkriegs-Happy End, dem
Auffinden Manech’, nicht von ihr ab. Die Millionen Leichen, die
Mathildes Weg
pflastern, will Jean-Pierre Jeunet nicht sehen.
Regie:
Jean-Pierre Jeunet; mit Audrey Tautou, Gaspar Ulliel,
Dominique Pinon; Frankreich/USA 2004 (Warner); 134 Minuten; ab 27.
Januar im
Kino
www.terz.org - 26.01.2005