Das Wunder des Tsunami
Über das rein humaniäre Agieren der Bundesrepublik
Keine Frage, die Tsunami-Welle war eine der größten
Katastrophen der Geschichte. Anfangs war Deutschland bereit eine ganze
Million
Euro Hilfe zu leisten. Dann waren es auf einmal 500 Millionen.
Deutschland
hatte entdeckt, dass man die Katastrophe nutzen kann. Als erstes wurde
die
Bundeswehr in Marsch gesetzt und die humanitäre Intervention
konnte beginnen.
Als die künftige US-Außenministerin Condoleezza Rice die
Flutwellen-Katastrophe in Südost Asien als „wundervolle
Gelegenheit“ für die
Vereinigten Staaten bezeichnete, mittels Hilfsanstrengungen ihre
großherzige
Seite zu zeigen, erntete sie viel Kritik. Dabei sprach sie nur die
eigentliche
Wahrheit über das humanitäre Gebaren aus.
Das Gleiche gilt aber auch für Deutschland. Mit 500
Millionen Euro Hilfe hat man sich kurzzeitig an die Spitze der
Geberländer
gesetzt. Unklar ist, wofür dieses Geld überhaupt ausgegeben
werden soll und wo
es herkommen soll. Aber es hört sich gut an. Vehement weist die
Bundesregierung
einen Zusammenhang mit dem gewünschten Ständigen Sitz im
Sicherheitsrat von
sich. Das nimmt ihr allerdings niemand so recht ab. Neben Deutschland
fordert auch
Japan ein größeres Gewicht in der UNO und versucht sich
durch große Summen
hervorzutun. Wohl kaum ein Zufall.
Ganz zufällig ist es wohl auch, dass die Bundeswehr sich in
den beiden Bürgerkriegsgebieten Sri Lanka und im
nordwestindonesischen Aceh
engagiert. Schon länger hat Deutschland das südostasiatische
Gebiet als
deutschen Interessenraum entdeckt. Militärstrategen meinen, das
ökonomische und
politische Instrumente nicht ausreichen, im asiatisch-pazifischen
Gebiet
„wirklichen europäischen Einfluss“ zu erlangen. Die
Europäische Union wurde
erst kürzlich dazu aufgefordert, ,,militärische
Kapazitäten zur Förderung
(ihrer) fernöstlichen Interessen“ bereit zu stellen. Seit
Jahrzehnten stellt
die Bundesregierung der Regierung in Jakarta umstrittene
Rüstungsgüter zur
Verfügung, die vom indonesischen Militär auch in
innenpolitischen Konflikten
eingesetzt wird. Nun erhalten Berliner Außenpolitiker die
Möglichkeit, im
Rahmen der Hilfsmaßnahmen in Aceh selbst Einfluss auf lokale
Behörden und
sezessionistische Kräfte zu nehmen. Wie es im Auswärtigen Amt
heißt, plane man,
in Südostasien politische „Bereinigungen“ durchzuführen. Aceh
ist politisch,
ökonomisch und geostrategisch von hoher Bedeutung. Das Gebiet
liegt, wie es in
einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) heißt,
„am nördlichen
Zugang der Straße von Malakka, einer strategischen Verbindung
zwischen Europa,
der Golfregion und Ostasien“. Darüber hinaus verfügt sie
über umfangreiche
Erdöl- und Erdgasvorkommen, von deren Exploitation die
indonesische Industrie
in hohem Maße abhängig ist. Derzeit dominiert der US-Konzern
Exxon Mobile.
Deutschland und die EU konkurrieren in Südost Asien mit den
USA, während sich Japan und China die Rolle als regionale
Führungsmacht
streitig machen. Aufmerksam betrachtet die deutsche Presse
,militärischen
Bewegungen anderer Staaten in Asien, ,,die zuweilen an Invasionen
erinnern“.
Alle anderen hätten politische Ambitionen, nur Deutschland ist
wunderbar frei
von diesen Ansinnen.
Die Realität ist eine etwas andere. Deutschland fordert von
den betroffenen Ländern die Aufgabe wichtiger
Souveränitätsrechte. Die dortigen
Regierungen müssten die Kontrolle über den Wiederaufbau der
verwüsteten Gebiete
den Geberstaaten überlassen. Indonesien betrachtete von Anfang an
die sich selbst
einladenden ausländischen Truppen, incl. der Bundeswehr, mit
Argwohn. Die
Bundeswehr hat schon angekündigt länger in Aceh bleiben zu
wollen, als es
Indonesien erlauben will.
Für Befremden sorgte auch die Entsendung eines deutschen
Bundeswehr-Bootes, dass das größte Schiff der deutschen
Armee ist und nicht wie
angekündigt ein Lazarettschiff, sondern eigentlich ein
Versorgungsschiff ist.
Nicht nur die indonesische Regierung kritisierte das Angebot, sondern
auch der
Koordinator der Weltgesundheitsorganisation WHO in der Krisenregion
Aceh sah
das Schiff als vollkommen überflüssig an. Was das
Einsatzführungskommando als
nicht von Belang bezeichnete.
Von Anfang an versuchten die deutschen Regierungen die
Ausweitung der militärischen Auslandsexpansionen humanitär zu
verkleistern.
Egal ob im Nordirak, in Kambodscha, Somalia oder zunächst auch in
Bosnien:
Etikettiert war die Mission der deutschen Bundeswehr stets mit dem
Attribut
„humanitär“. Das Bundesverfassungsgericht setzte noch eins drauf,
indem es den
Einsatz eines Minenräumverbandes der Bundesmarine im Frühjahr
1991 im
Persischen Golf, also einen Kriegseinsatz in einem bewaffneten
Konflikt, als
„humanitär“ bezeichnete. Zunehmend werden aber auch
Nichtregierungsorganisatoren (NGO) durch die Bundeswehr eingebunden. Die Außenpolitik hat schon lange den
Nutzen
des Humanitären erkannt. Schon 1997 erläuterte dies Uwe
Schramm, Referatsleiter
im Auswärtigen Amt: „Humanitäre Hilfe ist innenpolitisch
wichtig zur Absicherung
der Außenpolitik”... „Humanitäre Hilfe ist Politik,
humanitäre Hilfsmaßnahmen
können nicht neutral sein.“ Unter diesen Bedingungen wird es
für die
Hilfsorgarnisationen immer schwieriger, von Konfliktparteien als
neutral
angesehen zu werden. Die zunehmenden Angriffe, auch tödliche,
gegen sie zeugen
davon.
Vehement wendeten sich 2004 NGOs gegen die Bundeswehrpräsenz
im afghanischen Kunduz, der mit dem Schutz ausländischer
HelferInnen begründet
wurde. Medico International sah darin eine Militarisierung
humanitärer Hilfe,
wie sie schon im Irak-Krieg seitens der kriegsführenden Parteien
betrieben
wurde. Bekanntlich interessierte der Einwand den Kriegsminister Struck
nicht.
Die Flutkatastrophe nutzt Deutschland zur praktischen
Erprobung „zivil-militärischer Zusammenarbeit“. Gleichzeitig
entsendet das
Bundesinnenministerium die paramilitärischen Einheiten des THW,
deren Tätigkeit
die Arbeit der privaten Hilfsorganisationen überlagert und sie von
den
staatlichen Stabsstellen abhängig macht. Die gegenwärtigen
Aktivitäten der
deutschen Außenpolitik folgen großangelegten Manövern
vom November 2004, bei
denen die Einbindung ziviler Einrichtungen in den Umbau der Bundeswehr
zu einem
Instrument der „präventiven Kriegsführung“ geprobt worden
ist. Als
Koordinationsstelle ist das neu eingerichtete „Bundesamt für
Bevölkerungsschutz
und Katastrophenhilfe“ tätig. Zu den Hauptaufgabenbereichen
der sogenannten
„Zivilen Verteidigung“ gehört die „Unterstützung der
Streitkräfte“ durch
„Maßnahmen im zivilen Bereich, die der Unterstützung der
Operationsfreiheit und
der Operationsfähigkeit dienen“.
Eine „totale Einbindung“ der Hilfsorganisationen in den
Militärapparat halten die Strategen der „zivil-militärische
Zusammenarbeit“ für
taktisch unklug und möglicherweise kontraproduktiv: Die zivilen
Hilfskräfte
sollen formal unabhängig vom Militär agieren, sind aber durch
eine
entsprechende „Sinn- und Zielvermittlung ... in einer strategischen
Abstimmung
zu einem ergänzenden, kohärenten Handeln auf der operativen
Ebene zu bewegen.“
Neben Bundeswehr, THW und NGOs sind auch Vertreter deutscher
Firmen unterwegs, die sich im Rahmen einer langfristigen deutschen
,,Wiederaufbauhilfe“ um lukrative Geschäftsaufträge im
südostasiatischen
Infrastrukturbereich bemühen. Der Deutsche Industrie- und
Handelskammertag
(DIHK) empfiehlt ,,Unternehmen, die sich über Spenden hinaus
engagieren
wollen“, gemeinsam mit den deutschen Außenhandelskammern in den
betroffenen
Ländern Südostasiens zu operieren. Damit eine stattliche
Summe der zumindestens
versprochenen 500 Millionen auch wieder zurückfließen in
deutsche Kassen.
Umsonst wird schließlich nichts gegeben.
Da ist es auch nur konsequent, die Abschiebungen nicht
auszusetzen. So sollten am 13. Januar die Abschiebeflüge
insbesondere nach Sri
Lanka wieder aufgenommen werden. Da erscheint die
Betroffenheitsrhetorik
bundesdeutscher Politik als purer Zynismus.
Beim gegenwärtigen Wettlauf der westlichen Industriestaaten
arbeitet Berlin sowohl gegen potentielle EU-Konkurrenten als auch gegen
das
massive militärische Auftreten der USA an. Die deutsche Seite
weigert sich,
ihre ungedeckten Hilfszusagen im Rahmen einer EU-Zivilinitiative zu
realisieren, besteht auf ihrem nationalen Alleingang und setzt
unverändert
militärische und paramilitärische Verbände ein, die das
humanitäre
Hilfsgeschehen überlagern. ,Bitte lassen Sie uns in Ruhe“,
erklärte der
thailändische Premierminister Thaksin Shinawatra kürzlich im
Hinblick auf die
Einflussversuche der westlichen Industriestaaten. Seine Regierung
versucht die
katastrophalen Flutschäden mit eigenen Finanzmitteln zu beheben,
um die
Souveränität des Landes gegenüber dem Westen zu wahren.
Weitere infos unter http://www.german-foreign-policy.com
www.terz.org - 26.01.2005