Vom unbestreitbaren Nutzen einer Jahrhundertkatastrophe
Sieben Thesen
Die USA überlegen sich, wie sie
in Zukunft den Iranern
Freedom & Democracy vorbuchstabieren. Die Europäer lassen
einen Satelliten
mit Fotoapparat auf den Saturn-Mond Titan plumpsen und feiern ihren
international konkurrenzlosen Superjumbo. In Deutschland freuen sich
Macher und
Betroffene über den durchschlagenden Erfolg des
Verarmungsprogramms „Hartz IV“,
und die Ermordung des Modeheinis Moshammer lässt die Diskussion
über die
lückenlose Erfassung der Bundesbürger per DNA-Test wieder
aufflammen.
Mitte Januar scheint die
Jahrhundertkatastrophe abgehakt.
Die Schlagzeilen der Journaille werden wieder vom alltäglichen
Gerangel
zwischen Regierung und Opposition und der Konkurrenz der politisch und
ökonomisch führenden Nationen der Welt beherrscht. Die
Katastrophe wird nun
sachgerecht abgewickelt.
„Unsere gemeinsame Antwort muss die
der einen Welt sein.
Politische Lager sind jetzt nicht wichtig, religiöse und
ideologische
Unterschiede auch nicht. Es geht um Solidarität aus gemeinsamer
Verantwortung.“
Kaum zu glauben, aber so sprach der Kanzler zu Neujahr. Hat der
berechnende
Umgang der Staaten miteinander nun keinen Platz mehr? Werfen die
reichen Länder ihre Mittel in
einen Topf, um den Flutopfern die bestmögliche Hilfe zukommen zu
lassen? War
ihnen bislang das Elend der Menschen, wozu sie selbst einiges
beigetragen
haben, verborgen geblieben?
Weit gefehlt! Die angekündigte
Hilfe ist gleichzeitig eine
Drohung, die lautet: Wir kümmern uns jetzt verstärkt um euch!
Und die Staaten
machen das, was sie immer gemacht haben – sie konkurrieren, wer der
uneigennützigste Spender sei, und entdecken bei den anderen
Nationen überall
versteckten Eigennutz. Jeder versucht, aus der Katastrophe seinen
strategischen
Nutzen zu ziehen. Politisch wie ökonomisch sollen zunächst
die alten
Verhältnisse restauriert werden, damit auf deren Grundlage ein
neues
Benutzungsverhältnis unter veränderten internationalen
Kräfteverhältnissen
zustande kommen kann.
- „Die UN
dankten Deutschland für seine schnelle und großzügige
Hilfe. Die USA hingegen
wollen den Einsatz in der Flutregion schnellstmöglich beenden“,
schreibt die
Rheinische Post am 17. Januar. Der aufmerksame Leser weiß nun
Bescheid: Auf die
Amis kann man sich in der Not nicht verlassen. Unser Staat hingegen
darf sich
mit dem Lob der vereinigten Völkerwelt schmücken.
- Der
Beifall ist zwar der Lohn des Künstlers, aber Staaten
begnügen sich bekanntlich
nicht damit. Ihre Bedürfnisse sind in der Regel von etwas
handfesterer Natur.
Das Sorgenkind, das einheimische Kapital, darf bei einer nationalen
Großtat
nicht leer ausgehen. So können deutsche Unternehmer hoffen, dass
mit der
Einrichtung eines Frühwarnsystems ein Teil der Flutopferhilfe (45
Millionen
Euro) in ihre Taschen fließt.
- Für die
USA bietet sich die Gelegenheit, im weltweiten Antiterrorkampf den
betroffenen
Staaten die unabweisbare Großherzigkeit der Weltmacht Nr. 1 zu
beweisen: „Wir
zeigen, dass die USA keine anti-moslemische Nation sind und
demonstrieren
amerikanische Großzügigkeit und amerikanische Werte in
Aktion“, so äußerte sich
der scheidende amerikanische Außenminister laut ARD-Tagesschau
vom 7.1. Das
bevölkerungsreichste islamische Land der Welt, Indonesien, wird
diese Botschaft
verstehen.
- Bislang
haben sich Indonesien und Malaysia gegen US-Militärbasen
beiderseits der
„Street of Malacca“ erfolgreich gewehrt. Die strategisch wichtigste
Seeverbindung zwischen den Golfstaaten und Europa auf der einen Seite
und den
Ländern Ostasiens auf der anderen Seite erfreut sich jetzt der
Anwesenheit von
Soldaten aus aller Herren Ländern. Eine Katastrophe eignet sich
eben
hervorragend dafür, die nationale Souveränität ein wenig
auszuhebeln.
- Indien
und Myanmar verweigern die Annahme der großzügigen Hilfe der
reichen Länder.
Das bekommt zwar den Betroffenen nicht gut, aber als Staaten wissen
beide
Länder genau, was sie sich ins Land holen, wenn sie die Hilfe
zulassen.
Insbesondere lehnt Indien jegliche ausländische
Militärpräsenz ab. Als
regionale Großmacht kontrolliert Indien selbst weite Bereiche des
Indischen
Ozeans mittels hochmoderner Seestreitkräfte und
Überwachungssysteme. Diese
Stellung wollen sich die Inder nicht nehmen lassen, riskieren dadurch
aber
Unverständnis und internationale Isolierung.
- Noch ein
Wort zur Spendenleidenschaft der Deutschen. Bis Mitte Januar sind schon
370
Millionen Euro eingegangen, 20 Millionen mehr als zum Elbe-Hochwasser
vor
zweieinhalb Jahren. In seiner Neujahrsansprache bemerkte der Kanzler:
„Dies ist
nicht die Stunde, um über Hartz IV zu reden.“ Denn angesichts der
Not muss
jeder Bürger in unserem Wohlfahrtsstaat begreifen: Es gibt
Menschen, denen es
noch schlechter geht. Menschen, die nicht spenden können, sondern
auf selbige
angewiesen sind. Das lässt die eigene Not doch in einem ganz
anderen Licht
erscheinen! So gesehen haben tatsächlich die gespendeten fünf
Euro des
Sozialhilfeempfängers moralisch einen ganz anderen Stellenwert als
die 7,5
Millionen eines Michael Schumacher.
- In
einigen Monaten spricht niemand mehr über die
Jahrhundertkatastrophe. Der Ferienflieger
LTU kündigt bereits an, ab 7. Februar wieder nach Phuket zu
fliegen. Bis dahin
wird die dortige Infrastruktur wieder geordnet funktionieren.
Einheimische und
ausländische Hotelbesitzer machen ihren Reibach, dienstbare
einheimische
Geister dürfen für einen Hungerlohn die Drecksarbeiten
für die Touristen
erledigen, und der Rest der Bevölkerung, der nicht für
irgendeine
Gewinnproduktion einsetzbar ist, vegetiert in seinem Elend wie gehabt.
Schlussbemerkung
Selbstverständlich ist jeder Euro und Dollar besser bei den
Flutopfern aufgehoben als in den Staatshaushalten der imperialistischen
Länder.
Und der Geldsegen wird auch viele vor dem drohenden Tod bewahren.
Dennoch
lassen wir uns angesichts der Katastrophe nicht den Mund verbieten und
benennen
den Inhalt der hehren Motive der staatlichen Hilfsaktionen.
Tsunami
in Südostasien – Die große Flut und wofür sie sich
benutzen lässt
•
Wie aus
einem Seebeben eine „unvorstellbare Katastrophe“ wird
•
Wie
Bürger einer Wissensgesellschaft sich in Demut vor der
„Supermacht Natur“
verbeugen
•
Wie aus
einer Klassengesellschaft ein Spendenweltmeister wird
•
Wie
Schröder und Fischer aus der Hilfe für deutsche Touristen ein
Interventionsprogramm machen
•
Wie
Deutschland mit 500 Mio. die US-Irakkrieger humanitär blamieren
will
•
Wie die
Irakkrieger mit großem Careprogramm den Antiterrorkrieg
vorantreiben
•
Wie eine
Naturkatastrophe zum praktischen Testfall für die
dual-use-Funktion von
Militärgerät aller Art wird
Diskussionsveranstaltung von Gruppe
kritischer
Studenten/Neusser Monat:
Bürgerzentrum Alte Feuerwache, Offener Treff, Melchiorstr.
3, 50670 Köln, www.altefeuerwachekoeln.de
Donnerstag, 10. Februar 2005, 20 Uhr
www.terz.org - 26.01.2005