Sand ins 1-Euro Job-Getriebe
Nachdem die Montagsdemos abgeflaut
sind und der Agenturschluss
überstanden ist, gehen wir zum langweiligen Alltagsgeschäft
über? Nein, jetzt
erst wird es spannend, jetzt wird Hartz IV tatsächlich umgesetzt.
Nachdem es
überraschend wenig Ablehnungsbescheide für ALG II gab, wird
jetzt entschieden
über Wohnungsgrößen, Widerspruchsbescheide,
1-Euro-Jobs ...
Die Proteste des letzten Jahres waren zumeist noch getragen
von der Illusion über einen Sozialstaat, der den ArbeiterInnen
verspricht, sie
als Bürger zu behandeln und sie gegen Arbeitslosigkeit und
sozialen Abstieg zu
versichern. Nach dieser Illusion macht sich nun die Ernüchterung
breit,
spätestens nach 12 Monaten (bzw 18 bei über 52 jährigen)
auf ein staatliches
Existenzgeld von 345 Euro eingestellt zu werden. Die
Klassenverhältnisse
definieren eindeutig: ArbeiterInnen sind gezwungen, ihre
eigene Arbeitskraft
zu verkaufen. Es hat nichts damit zu tun, ob du weiblich oder
männlich bist,
schwarz oder weiß, ob du 30 oder 3 Jahre sozialversichert
gearbeitet hast. Der
Staat verzichtet jedoch nicht auf seine Hauptspaltungslinie: in der
Kombination
von Hartz IV und Asylbewerberleistungsgesetz wird weiterhin die
nationalistische Karte gespielt.
Warum sollten wir gegen die 1 Euro
Jobs vorgehen?
Sie können doch einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt
darstellen, sagen uns die Sozialarbeiter karitativer Träger, die
nebenbei für
Verwaltungs- und Qualifizierungskosten 300 Euro pro
Langzeitarbeitslosen und
Monat einsacken. Sie sichern doch, wie seinerzeit ASS (Arbeit statt
Sozialhilfe) und ABM
(Arbeitsbeschaffungsmaßnahme), unsere
Finanzierung,
sagen ehemalig linke und soziale Vereine, die schon keinen Begriff mehr
von
ihrer eigenen Abhängigkeit und Integrationskraft haben.
Sie sind doch gar
keine Gefahr, ich kenne genug Vereine, die mir eine Tätigkeit
bescheinigen, und
dann lässt das Amt mich in Ruhe, sagen nicht wenige AktivistInnen
aus der
Szene.
Die Argumente geben recht deutlich wieder, auf
welchem
Niveau Gesellschaftsanalyse, -kritik und Vorstellungen von politischem
Handeln
angekommen sind. Die Angriffe in den Betrieben und der Umbau des
Sozialstaats
sind im Kontext zu sehen. Nach über 30 Jahren Stillstand wird
versucht, die
Angst vor Arbeitslosigkeit in die Kernbelegschaften und den Zwang zu
jeder
(noch so unsicheren) Arbeit in die ganze Klasse zu treiben. Ziel ist
es, die
Löhne zu drücken, und formell nicht beschäftigte
ArbeiterInnen sollen wieder
ihr Funktion als industrielle Reservearmee einnehmen. Dabei
funktionierte der
soziale Friede in der BRD genau umgekehrt: relativ hohe Löhne
sollten die
Kernbelegschaften ruhig stellen, und die meisten Freaks, Asis,
Polits ...
wurden über ausreichend soziale Nischen von den Fabriken
ferngehalten. Nun
scheint es, dass die proletarischen Rückzugsräume immer enger
werden. Die 1
Euro Jobs sollen den Schrecken der Arbeit für Geld durch den
Schrecken von
sinnloser Arbeit fast ohne Geld ergänzen. Es wird nicht einmal
mehr so getan,
als ob es „uns“ bald besser gehen sollte. Druck, Zwang und Angst statt
das
Versprechen auf den sozialen Aufstieg deuten auf eine tiefe Krise der
kapitalistischen Produktionsweise hin.
Haushaltsbefragungen gehen davon aus, dass ca. ein Viertel
der ArbeiterInnen ohne formelle Arbeitsverhältnisse gar nicht
arbeiten wollen;
aber es gibt genug, die sich erst mal - von Angst und herrschender
Propaganda,
aber auch von Aussicht auf stressfreien Dazuverdienst getrieben -
auf die 1
Euro Jobs stürzen. Um die Akzeptanz zu erhöhen, werden
vermutlich erst die „besseren“, „lockeren“
Jobs an die
„bereitwilligeren“ KandidatInnen verteilt.
Doch eigentlich wissen wir noch viel zu wenig über die
tatsächlichen Arbeitsrealitäten und Erfahrungen. Genau hier
kann
Gesellschaftskritik wieder handlungsfähig werden. In Berlin gelang
es
beispielsweise einer kleinen Gruppe von 12 Leuten, bei einem
Träger
reinzuplatzen. In dessen Sweatshop-ähnlicher Werkstatt trafen sie
auf 30 – 40
ArbeiterInnen - meist Frauen mit migrantischem Hintergrund – die
ausschließlich über ABM und 1-Euro-Jobs beschäftigt
waren. Im Gespräch mit
einigen Frauen stellte sich heraus, dass eine Gruppe von 6 Frauen
gemeinsam
diesen Job angetreten haben, um sich besser durchzuschlagen.
Anders als die „Arbeitslosen“, die versuchen sich unbemerkt
durchzuschlagen, gibt es die Möglichkeit, in 1 Euro Jobs mit
anderen
JobberInnen, FSJ’lerInnen, PraktikantInnen, Zivildienstleistenden,
Festangestellten ... zusammenzukommen. Diese gemeinsamen Erfahrungen
interessieren uns: Leute – wie die Berlinerinnen – die gemeinsam in den
Job
gehen, können sich besser wehren und Rabatz machen. Spannend wird
es, wenn
ArbeiterInnen mit (Tarif-)Vertrag feststellen, dass ihnen der ganze
Stress nur
ein paar Euro mehr einbringt, als ALG II plus Mieterstattung
plus
Mehraufwandsentschädigung (1-Euro Lohn). Im Betrieb haben alle
die, die
gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, die Möglichkeit,
sich
zusammenzuschließen und diese zu verweigern. Da sollten wir dran
bleiben!
Schickt uns eure Erfahrungen an: auf.ruhr@gmx.de
Erfahrungen aus Aktionen in den ’80ern gegen (und in)
Zwangsarbeit aus Köln und Witten sind in der aktuellen Wildcat #
72
dokumentiert. Guckt unter: www.wildcat-www.de
www.terz.org - 26.01.2005