Ein TV-Gerät, in die Wand eingelassen. Beschriftung: "Fernsehen aus
dem Senegal".
Aha, so ist also Afrika ...
Im NRW-Forum im Ehrenhof ist zur Zeit die Ausstellung "Flash
Afrique" zu sehen, die Fotografie aus westafrikanischen Metropolen zeigt.
Die Ausstellung zeigt tatsächlich Fotografie, aber auch viel mehr: Die
Arroganz, mit der in westeuropäischen Metropolen mit der Lebenswirklichkeit
und dem Selbstverständnis von Menschen in Westafrika umgegangen wird.
Die Ausstellung beginnt mit Studioportraits von Philip Kwame Apagya aus Ghana.
Die Personen werden vor gemalten Hintergrundkulissen fotografiert, die "Wunschumgebungen"
zeigen: Komplette Wohnzimmereinrichtungen mit Fernseher, Videorecorder, Büchern,
lecker gefüllte Kühlschränke, traumhafte Häuser. Die Bilder
geben Auskunft über die Wünsche der Abgebildeten, je nach sozialer
Lage mehr oder weniger utopisch.
Schlichte Werke sind die Studioportraits der "Gesellschaftsfotografen"
Seydou Keita und Malick Sidibé aus Mali. In den 50er Jahren schuf Seydou
Keita eine große Reihe von Portraits, auf denen Personen, Kleidung und
Hintergründe sorgfältig arrangiert sind. Von Malick Sidibé
wird eine Serie hinreißender Portraits von tanzenden Jugendlichen aus
den 60er Jahren gezeigt, die kurz nach der Unabhängigkeit des Landes von
der Kolonialmacht Frankreich entstanden ist, wie der Kommentar erklärt.
Auf der Suche nach dem Alltag auf den "Straßen von Dakar" ist
Bouna Medouyne Seye, geb. 1956 in Senegal. Die Fotografien zeigen Szenen, auf
denen oftmals Menschen in großer Armut zu sehen sind. Es scheint aber
das Leben, nicht das Überleben im Vordergrund zu stehen. Allerdings sind
bei dieser sensiblen Dokumentarfotografie die Begleittexte (wie leider auch
sonst) eine Katastrophe: "Diese 'Verrückten' sind einerseits Indikatoren
einer urbanen Verwahrlosung und andererseits Ausweis einer gesellschaftlichen
Liberalität, die ihnen die Präsenz im öffentlichen Raum gestattet."
Es ist eine dekadente Unverschämtheit, die Armut einer "großen
Zahl" von Menschen damit zu relativieren, dass es immerhin geduldet wird,
wenn sie z.B. auf dem nackten Asphalt schlafen. Der Kommentar findet es bemerkenswert
liberal, dass dort auf der Strasse gewohnt werden "darf", d.h. er
impliziert, dass er es für den Normalfall hält, wenn dies verboten
ist und verfolgt wird! Hier scheinen jemandem "Ordnungs"politik und
die Dreck-weg-Tage zu Kopf gestiegen zu sein...
Wie sonst ist zu erklären, dass die Wohnungslosen der Metropole Abidjan,
Côte d'Ivoire, die auf den Fotos von Dorris Haron Kasco dargestellt werden,
im Begleittext bezeichnet werden als Menschen, die "die Grenzen des Existenziellen
touchieren"? Ist das einfach abgehobener Kunst-Jargon oder schon eine dreiste
Beschönigung?
Neben Fotos werden auch einige Filme präsentiert, z.B. "Zone Rap",
eine Dokumentation von Bouna Medouyne Seye über die wichtigsten Hip-Hop-Gruppen
in Dakar, die zeigt, "wie der harte Sound die gesellschaftlichen Verhältnisse
zum Tanzen bringt". Damit wir auf keinen Fall erfahren, wie das funktioniert,
sind hier ausnahmsweise keine Kopfhörer angebracht, und die Lautstärke
ist unverstellbar niedrig. Ebenso merkwürdig sind weitere "Zugaben"
zu der Ausstellung: An einer "Hörbar" kann man einer Auswahl
von 15 Titeln "Musik aus Afrika" lauschen, ohne Angaben zu Künstlern,
Titeln, Herkunft oder Entstehungszeit. Auch der ohne Begleittext in eine Wand
eingelassene Fernseher mit der Beschriftung "Fernsehen aus dem Senegal"
veralbert die Seriösität und Professionalität der ausgestellten
Fotografien, ohne den Bezug zu erklären.
Laut einem der vielen Begleittexte soll es bei der Ausstellung darum gehen,
ein zeitgemäßes Bild der Kunst von (West)afrika zu vermitteln, mit
klischeehaften Vorstellungen von Masken, Ritualen und Folklore aufzuräumen.
"Ich möchte, dass man davon abgeht, dass Afrika immer nur von denen
besprochen wird, die von Afrika gar keine Ahnung haben. Es gibt nicht nur ein
Afrika, es hat viele Gesichter, eine kulturelle Diversität, die so ausgeprägt
ist, dass wir selber Verständigungsprobleme haben." (Dorris Haron
Kasco)
Dieser Satz von einem der Fotografen faßt paradoxerweise die Probleme
dieser Ausstellung zusammen: Die aus verschiedenen Jahrzehnten präsentierten
Fotografien sind ebenso wie die von den Fotografen z.T. selbst angefertigten
Videos sehenswert und aufschlußreich. Vielfache Präsentationsmängel
zeigen, wie Unsensibilität gegenüber den Produktionsbedingungen den
Anspruch zunichte machten, ein anderes, klischeefreieres Bild der westafrikanischen
Kunst zu zeigen. So sollte man Vorwissen (oder Willen zur nachträglichen
Recherche) mitbringen, ansonsten muss man sich damit abfinden, die Bilder nicht
erschöpfend lesen zu können.
Wir hätten natürlich neben dem relativ hohen Eintrittspreis mehr Geld
investieren können in einen Katalog oder einen Handcomputer namens "Persönlicher
Digitaler Museums Assistent" PDMA. Ob dieser Multimedia-Schnickschnack
mir die vermisste Sensibilität offenbart hätte? Ich glaube kaum.
Ein Zitat von Malick Sidibé kann als Kommentar zu Präsentation und
Rezeption dieser Ausstellung gelesen werden: "Meiner Ansicht nach müssen
die Europäer zur Realität in den Bildern zurückfinden..."
Oder ist das zu viel verlangt von einer Ausstellung, die räumlich nahtlos
übergeht in die Werbeshow "Innovation & Vision - Die Zukunft mit
Kunststoff" für deren Realitätsbezug der Verband der kunststofferzeugenden
Industrie mit Bayer, BASF, BMW usw. zuständig ist und damit zeigt, was
von einem privaten Museum für Kultur und Wirtschaft zu erwarten ist?
VRONI
"Flash Afrique - Fotografie aus westafrikanischen Metropolen"
noch bis zum 7.April im NRW-Forum im Ehrenhof
Eintritt: 5,50 Euro, Ermäßigt 3,50 Euro
Homepage: www.nrw-forum.de
Begleitende thematische Veranstaltungen wie z.B. in der Kunsthalle Wien (www.kunsthallewien.at),
wo die Ausstellung zuvor gezeigt wurde,
gibt es nicht.
www.terz.org - 26.2.2002