MUSIC MADE MY DAY
by HONKER
1. DOWNBEAT-TONTAUBENSCHIESSEN
THE HERBALISER - SOMETHING WICKED THIS WAY COMES (Ninja Tune)
Die waren auch mal spannender. Oder sind wir alle nur älter geworden? Jake
und Ollie, die mir vor Jahren mal vorjammerten, einfach keine guten MCs im Vereinigten
Königreich finden zu können, haben nun wohl endlich ne Latte Bro's
gefunden, aber so richtig begeistern will das nun auch nicht: ein gutes Beispiel,
wie man ständig dieselben Idiome verbrät, und trotzdem noch dreist-stetig
von next-level-shit faseln kann. N'Shaft-Bläsersatz in der Ecke gefunden,
Philly-Streicher am Flohmarkt zum krassen Kurs, deshalb gleich doppelt so viel,
und der abgelatschte Funk-Slapbass vom Boden der Tonne - anyway, die Boys sind
immer noch besser als der Rest der müden Posse, die da hinten in der Acid-Penntüte
rumgähnt. Gebt ihnen eine Chance, aber erwartet Wunderkerzen und keine
Feuerwerke.
FREDERIC GALLIANO & THE AFRICAN DIVAS
(F-Communications)
Apropos Acid-Jazz-Penntüten ... Galliano macht auf Afro-Versteh-Onkel und
sammelte auf seiner dreijährigen Missionsreise - so will es die Sage -
diverse Diven ein: Ju-Ju, Mista, would you please super kouko my popo? Ergo
legt er Bassdrums wie Teppiche unter ihre Stimmen und filtert nen bisschen an
ihnen rum. Nett, wenn man's braucht, aber wir bevorzugen doch lieber den real
african shit, der WIRKLICH raucht.
EARL ZINGER - PUT YOUR PHAZERS ON STUN THROW YOUR HEALTH FOOD SKYWARD (!K7)
Und hier kommt der Meister dann nochmal, und zwar unter Pseudo und in full length,
wie sich das gehört. Die affenzitzenbekloppte Promo-Superstarbio treten
wir mal lieber gleich in die Tonne und hauen den alten Schwinger in die Maschine,
wo er das macht, was er am besten kann: geil rumnerven mit einem edelstdreckig
zusammengeklaubten Beat-Stilmix, der keinen zisseligen Schwachsinn auslässt.
Dub-Ragga-Acid-Funk-Soul-Blues-Action zwischen cool und nervös, der schon
sehr bald wirklich witzig wird. Ja wirklich witzig wird, ihr Poppnieten! Und
jetzt geht nach Hause!
TOSCA - DIFFERENT TASTES OF HONEY (G-Stone/Groove Attack)
Wie, immer noch hier? Na gut, also Tosca. Mal wieder ein dicker Remix-Nachschlag,
sahnefette 75 Minuten in 15 Tracks vom immergleichen Track: Honig in allen Spielarten.
Beim Ersthören schlief ich fast ein, wie sich das für guten Designer-Downbeat
gehört, beim Wiederhören war ich fürbass erstaunt und gespannt
ob der Stilbreite. Tipp: Faze Action mit Brazil, dazwischen Dub, und das nicht
zu knapp.
AESOP ROCK - DAYLIGHT EP (Def Jux/Zomba)
Aber das ist dann doch etwas aufregender: Aesop schmeißt aus seiner Manhattaner
Tonne dieses Scheibchen raus, auf dass wir ihm endlich aus der Sonne gehen.
Kein Problem, denn wenn wir das Ding mit nach Hause nehmen, hören wir abgefeimtesten
Indie-HipHop, an dem El-P und Blockhead derbe mit rumgefummelt haben: Wake,
Work, Sleep, meine Lieben - und vergesst dabei bloß nicht, zu leben!
DEFINITIVE JUX PRESENTS II (Def Jux/Zomba)
Noch mehr definitives Rumgejuxe: mit dem zweiten Sampler macht ihr nix verkehrt,
wenn ihr an einem der derzeit stinkendsten Indie-HipHop-Labels herumschnüffeln
wollt: darker Apocalypso bis slicke Comedy-Rülpser von Altbekannten wie
El-P und Cannibal Ox, Aesop Rock & Mr. Lif über Rob Sonic, der Indie-Hop-"Supergroup"
The Weathermen zu RJD2 und Atoms Family. Sick'n Thick!
FLAG FLOWN HIGH - THE BEST OF BOBBY DIGITAL PRODUCTIONS (Maximum Pressure/Zomba)
Aber Hallo: ein Meister des zeitgemäßen Dancehall gibt sich retrospektiv
die Ehre, und mit ihm Garnett Silk, Shabba Ranks, Capelton, Sizzla, Ninjaman
& einige mehr. Keinen Bock auf 45er suchen steht für: diesen 18-Tracker,
dessen Songs nie über 4 Minuten gehen, besorgen, und sich über Soulfulness
und Tiefe freuen können. Bobby krempelte trotz seines Namens nie den Dancehall
vom Kopf auf die Füße um, seine Riddims sind immer vintage-based,
aber mit modernster Technik aufpoliert. Und im Gegensatz zu so vielen anderen
Produkt(ion)en vertrieb er dabei nie den Geist aus der Maschine.
V.A. - ANOTHER LATE NIGHT BY ZERO 7 (Treacle/Azuli/Zomba)
Das britische Nu-Folk-Downbeat-Duo Zero 7 - ein schwer Clockwork-Orange-kompatibler
Name, eh? - wirft seine Lieblingstracks in den Eintopf und rührt um, um
auf originelle Weise auf sich aufmerksam zu machen. Ja toll, es gibt euch, und
was noch? Das wirft Blasen, schäumt auf, und manchmal steigt wirklich was
Fettes nach oben, wie Herberts Remix von Gainsbourgs "Bonnie & Clyde".
Ansonsten könn wa das aba auch, wenn nich bessa.
REQ - SKETCHBOOK (Warp/Zomba)
Versteh einer WARP: auf der einen Seite ambitionierte Elektronik mit Kinder-&-Mystik-Mätzchen,
auf der anderen Seite die eher gepflegt-experimentellen Downbeats. Sei's drum:
Req releaste früher auf Skint das dort übliche Beatgeknatter, hier
aber über eine Stunde spannungsvollen Ambient-Zen-Hop, der zu richtiger
Zeit an jenem Ort genossen werden will.
2. DURCHGEKNALLTER KABELSALAT
SOUL DESIGNER - WALKING ON A LITTLE CLOUD
(F-Com)
Das hätte schlimmer kommen können. Bei Garnier/Morrands Label freut
man sich ja schon, wenn es heuer mal keine Design-Boutiquen-Mucke oder Badezimmerloungebeschallung
gibt. Der Titel dieses Werks wie auch die Tracktitel ließen auch Allerschlimmstes
ahnen, doch bei wiederholtem Hören stellte sich ein okayes Wohlgefühl
ein, das Tiefe wie Leichtigkeit zugleich hochpumpen konnte. Das passte dann,
aber Mensch Meier, dass Detroit-Opi Mad Mike diesen Designer-Soul so derart
hochlobt, gibt uns doch zu denken. Motor-City-Mikey in rosa Plüschschlappen
im hellblauen Badezimmerchen? Komm runter, Mann!
TELEFON TEL AVIV - FAHRENHEIT FAIR ENOUGH (Hefty)
Über Artist- wie Albumname bin ich mäßig begeistert, aber die
Musik des US-Duos holt's dann doch noch raus. Und wie: rasante wie melancholisch-futuristische
Mischung aus Akustik, Elektronik und sagenhaft weitsichtig eingesetzter Studiotechnik.
Sehnsuchtsvolle Melodien, Zwirbelbeats und glänzende Texturen ergeben ein
unerwartetes Highlight - bloß nicht verpassen!
VLADISLAV DELAY - NAIMA (Staubgold)
Einigen ist der Finne ja mittlerweile zu egozentrisch geworden, was ich nicht
nachvollziehen kann, denn wenn seine Musik so ist wie er, dann muss er doch
ein wundervoller Mensch sein? Vielleicht irre ich mich ja, aber "Naima",
die Live-Performance seiner Mille-Plateaux-Studioproduktion "Anima"
auf der Klangpark-Performance 2001 in Linz ist so, wie Ambient sein sollte -
und zwar so, dass man genau diesen Begriff dafür benutzen darf, soll, muss.
Großes Teil, sehr sensibel, spannend und ungewöhnlich - und das in
einem Stück.
OZY - TOKEI (Force Inc)
Sehet, ein Isländer! Wo man ansonsten langsam mal weglaufen könnte,
breitet man in diesem House seine Arme weit aus. Warme Synth-Flächen und
herrliche weiche Bassdrumklopfer streicheln zärtlich und herausfordernd
die Motorik: die Verführung durch das noch träumende Fragment lässt
den Zwischenbereich, der sich mit dezentem Selbstbewusstsein vor das Nichts
schiebt, vor wissender Freude angenehm erzittern. Mal knochentrocken, mal angefüllt
durch Rauschen und digitalen Wind. Metaphern zwischen künstlicher Natur
und natürlich digitaler Kultur sind das Mittel, um die funktionale Schönheit
dieser Wärme generierenden Musik zu beschreiben, die helfen kann, lange
Wege durch deutsche Realitäten nicht nur zu ertragen, sondern geradezu
zu ersehnen (siehe auch: Benjamin Wild, doch dazu demnächst). Und jeder
Filter wird zum Freund.
MOKIRA - PLEE (Mille Plateaux)
Abgedämpfte Texturen, die digitale Echos von Dub ohne natürliche Referenz
erahnen lassen. Sanfte Schläge von Zufallswellen, die das Stück auf
den Weg schaukeln, bis es wieder anders bei sich selbst ankommt. Datenrestmüll
wird zerschmolzen und als geometrische Ahnungsskulptur ins Unwissen geschickt.
Daraus wir konkret lernen können, was es heißt, noch nichts zu wissen,
aber schon zu ahnen, es bald zu tun. Und dann loszulegen, weil Zukunft nur ein
Wort ist, das implodiert, damit das Herz hier und jetzt endlich mal explodiert.
3. BEST OF THE PEST
V.A. - MONTREAL SMOKED MEAT (Force Inc)
Ergebnis der Eröffnung eines Außenbüros von Force Inc/Mille
Plateaux in Montreal: wenn man schon mal im anderen Kontinent eine neue kleine
Nebenheimat gefunden hat, die multipel cooler als eine in den USA ist, kann
man ja auch mal so nebenbei mit einer Compilation die über die Jahre wunderbar
gewachsene Elektronikszene der Stadt abfeaturen - und wie! Aufgrund der energetischen
wie polystilistischen Durchschlagskraft aus stilvoller Knacks-Eleganz, wonderpretty
minimal Opulenz und smarter weintrinkender Mathematik nurmehr bedingungslos
anzuempfehlen. Bop till you drop, but don't you ever say you did not know.
STEVE KLINK - PLACES TO COME FROM, PLACES TO GO (Minor Music)
Das Trio um den in Köln lebenden Mid-Westerner Klink interpretiert nach
"Feels like Home - 14 Songs by Randy Newman" 15 Songs von Joni Mitchell
in instrumentalem Jazz. Nun, ich mag Jazz, ich mag Joni Mitchell, was also sollte
ich gegen diese Platte haben? Vor allem, weil hier eben keine bloßen Melodie-Coverversionen
runtergedudelt werden, sondern kompakt improvisiert wird. Einzig allein die
Titelauswahl ist nicht so gelungen, aber das ist bekanntlich Geschmackssache.
V.A. - THE FUNKY 16 CORNERS (Stones Throw/Groove Attack)
Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Warum nicht gleich so? Nur soviel: wenn
ihr nur die Asche für EINE verdammte Platte diesen Monat habt, vergesst
alles vorherige und zieht euch DAS hier rein! Zusammengekratzt von Executive
Producer Peanut Butter Wolf findet ihr 19 exzellente Funk-Tracks von zumeist
unbekannt gebliebenen Bands der Frühsiebziger, also DER Hochzeit des Funk,
die euch fragen lässt, warum ihr nicht schon früher davon gewusst
habt. Fettes Booklet mit Linernotes und superben Fotos = Ehrensache. Sogar Neu-Stoff
für real Funkstas findet sich hier, und wer's nicht hört, glaubt gar
nicht, was für Juwelen in den scheinbar leergekratzten Archiven noch zu
finden sind. Neben wenigen Klassikern begeistern vor allem die Raritäten
wie Revolution Compared To What's "Go To Work", Wooden Glass's "In
the rain" oder auch das hammerschweißtreibende "Bunky's Pick"
der genialen Neo-Funker Cut Chemist. Schluss aus und überhaupt, getz wird
gegroovt, bis wirklich gut ist!
www.terz.org - 26.2.2002