Soviel Politik lag lange nicht mehr in der Luft, könnte man meinen. Zig
Millionen Menschen lassen sich zur Zeit weltweit gegen den drohenden Krieg gegen
den Irak auf die Straßen mobilisieren. Dass die Mehrzahl der DemonstrantInnen
in der Hauptsache vom Friedenswillen beseelt ist und sich mehrheitlich damit
zufrieden gibt, gegen den Krieg zu sein, ist normal. Es wäre zu wünschen,
dass der Praxis nun auch die Theorie, d.h. die theoretische Verarbeitung dessen,
was man zu bekämpfen vorgibt, auf dem Fuße folgen möge.
Die "Globalisierungskritiker" haben in den letzten Wochen, nicht zuletzt
durch die Entwicklungen um den Irak, erheblichen Zuwachs erhalten. Die internationalen
Treffen werden immer gigantischer, und die Vermutung mag erlaubt sein, ob es
später nicht wieder nur heißen wird "auch ich war dabei gewesen"
und das war es dann. Es bleibt also die alte Frage nach Quantität und Qualität
einer "Bewegung", die es zu beantworten gilt.
Um etwas Licht in die Bewegung der "Globalisierungskritiker" zu bringen,
ist im letzten Jahr im ISP-Verlag (Köln) eine Untersuchung von Christophe
Aguiton mit dem Titel "Was bewegt die Kritiker der Globalisierung?"
erschienen. Aguiton ist von Beruf Soziologe und hat sich schon etliche Verdienste
als Anti-Globalisierer erworben, so z.B. beim Aufbau der unabhängigen Gewerkschaft
SUD bei France Télécom sowie bei der Gründung der Arbeitslosenorganisation
"Agir ensemble contre le chômage" (AC!). Er war aktiv bei den
"Europäischen Märschen gegen Arbeitslosigkeit, ungeschützte
Beschäftigung und Ausgrenzung" und ist nicht zuletzt Gründungsmitglied
von Attac und verantwortlich für dessen internationale Beziehungen.
Der Untertitel seiner Untersuchung lautet "Von Attac zu Via Campesina".
Aguiton will einen Beitrag leisten zu aktuell stattfindenden Diskussionen. So
heißt es bei ihm: "Es scheint eine Lage gegeben zu sein, die zum
Auftauchen großer politischer Debatten führen könnte, in denen
um die Zukunft der Welt und alternative Ansätze zur neoliberalen Politik
gerungen würde." (S. 15)
Die Arbeit ist unterteilt in die Darstellung einerseits der objektiven Entwicklungen
im Weltmaßstab, genannt "Die neue Weltordnung", sowie andererseits
die "Antwort" darauf: "Die Globalisierung der sozialen Bewegungen".
Einen nicht unerheblichen Teil nimmt dabei die Darstellung der Reaktionen in
den Gewerkschaften, vornehmlich in Frankreich und in den USA ein. Dies ist vielleicht
nicht unwichtig für deutsche LeserInnen, da bekanntlich in unserem Lande
- nicht zuletzt durch den Einfluss von Bündnis 90/Die Grünen - die
Gewerkschaften fast nur noch als Betonköpfe angesehen werden, die den sogenannten
"Reformen" im Wege stünden.
Eine nächste Abteilung ist dem "Aufbegehren der Jugend" in den
USA gewidmet. Hier kommt Aguiton zu interessanten Entdeckungen. Des weiteren
wirft er die Frage auf: "Wo waren in Seattle (das Ereignis der Globalisierungskritiker,
HPJ) die Schwarzen?" - und gibt auch gleich aufschlussreiche Einblicke
in dieses Problem: Zum einen habe es wirtschaftliche Gründe. "Dazu
zählen die Fahrtkosten sowie der geringe Prozentsatz von installierten
PCs und damit mangelnder Internetzugang bei den ethnischen Minderheiten."
(S. 152)
Diese Phänomene sind aber nicht nur auf die USA beschränkt, sondern
zeigen sich auch in Europa. So glänzten in Prag die Immigranten aus dem
Maghreb, aus der Türkei oder aus Schwarzafrika fast durch totale Abwesenheit.
Trotz dieser, seiner eigenen Kritik feiert Aguiton im Nachwort das "Jahr
2000 zwischen dem Dezember 1999 in Seattle und dem Januar 2001 in Porto Alegre
als 'Phase des Durchbruchs' auf globaler Ebene. Keine wichtige internationale
Konferenz fand mehr ohne Demonstrationen und ohne Gegengipfel statt." (S.
210) Man kann dies auch Antiglobalisierungszirkus nennen.
Christophe Aguitons Buch ist ganz brauchbar, um einen Überblick über
die Entwicklung der Globalisierungskritiker der letzten zwei, drei Jahre zu
erhalten. Es gibt darin eine ausführliche Bibliographie. Was fehlt, ist
ein Verzeichnis der einschlägigen Web-Sites - auch unter Berücksichtigung
des oben geschilderten Problems der mangelhaften Zugangsmöglichkeiten von
Immigranten und sozial Benachteiligten.
HPJ
Christophe Aguiton: "Was bewegt die Kritiker der Globalisierung? Von
Attac zu Via Campesina", Neuer ISP Verlag GmbH Köln, Juni 2002 .
Der Neue ISP Verlag ist Mitglied von aLiVe (assoziation Linker Verlage).
www.terz.org - 25.2.2003