by HONKER
MADE MY DAY
Hundekot und Wolkenzwirn! Was für ein
Monat! Wenn
man schon mal in das miese Wetter rausgeht, tritt man wahrscheinlich
sofort in
einen Hundehaufen. Anstatt den Besitzer, den wahren Verursacher also,
liebevoll
und erkenntnisbringend damit einzuseifen, muss man seine Wut anders
ablassen.
Wie wär’s mit Kreativität? In einem Bayreuther Park verzierte
ein mysteriöser
Unbekannter immer wieder Hundehaufen mit amerikanischen Fähnchen,
seit gut
einem Jahr sind so zwischen 2000 und 3000 Hundehaufen beflaggt worden.
„Mehrere
Wochen passiert oft gar nichts und dann sind an einem Morgen bis zu
Hundert
Häufchen mit amerikanischen Fähnchen garniert”, so ein
Beamter der Schloss- und
Gartenverwaltung. Da der Park der Eremitage tagsüber jedes Jahr
von bis zu
250.000 Menschen besucht wird, könne der Täter nur zwischen
Mitternacht und
fünf Uhr morgens aktiv sein. Die Polizei steht dem Treiben
ziemlich hilflos
gegenüber. „Wir laufen zwar verstärkt Streife, aber es ist
nicht strafrechtlich
relevant, amerikanische Fähnchen in Hundekot zu stecken”, so der
örtliche
Polizeisprecher, und der leitende Oberstaatsanwalt meint gar: „Die im
Grundgesetzt verankerte Meinungsfreiheit geht sehr weit.” Wer grinst da
hinten?
Hundekot - was für ein Material! Auf einmal werden ganz neue
Möglichkeiten
wahr! Die massive Ansammlung von Hundescheiße umwerten! Flagge
zeigen! Bildchen
zeigen! Was ihr wollt! Nutzt die Scheiße aus - macht was draus!
RYTHM &
SOUND: SEE MI YAH (Burial Mix) Seit 1996 veröffentlichen
Ernestus/von Oswald
abseits ihrer Tech-House-Definitionen diese Reggae, Dub und
Elektronik-Amalgame, immer wieder mit neuen VokalistInnen in ihrer
Alchemistensoundküche
zusammengebraut. Dieses Projekt ist so konsequent und fantastisch, dass
es
mittlerweile einen ganz eigenen Stil hervorgebracht hat, der in der
Tradition
und der Innovation jamaikanischer Musik wurzelt ist wie kein zweiter.
Die 11
Stücke hier, für die u.a. grosse Vokalisten wie Jah Cotton
oder Sugar Minott
und Willi Williams nach Berlin geholt werden konnten, werden zu einem
einzigem
One-Rythm-Stück, das noch lange in Kopf und Raum nachhallt.
Absolut grossartige
Musik! V.A.: SOUTH AFRICA IN DUB (Echobeach) DJ Dope - hoffentlich
halten die
Hosen bei dem Namen - aus Kapstadt sammelte 5 satte Jahre für die
kompetenten
Echobeachler Dub-Material, um den Sound der guten Hoffnung zu
präsentieren. 16
Stücke bilden den state-of-the-dub-art ab, der Vibe ist deep, oft
elektroid,
mal smart, mal dirty, jedoch sehr oft partytauglich, und wer’s genauer
will,
guckt in’s Booklet. Limitiert auf 3000. AFRICAN DOPE SOUNDSYSTEM:
SAME
(African Dope Records) Wer sich tiefer in südafrikanische
Ragga-Dub-Vibes und
Materie einhören will, ist hier genau richtig: DJ Dope - genau
der! - lud einst
die blühende Szene ein, um all die Talente in einer grossen
Kollaboration
zusammenzuführen. Hier sind in der Tat nur Cracks am Werke, allein
die 7 MCs
sind das Hinhören wert, und die 18 Tracks sind nur die Spitze des
enorm
kreativen Outputs dieses Projektes. C-SCHULZ: 5. FLICKER TUNES (Sonig)
Ist das
Düssel-Dub? Oder Kölsch-Drone? Eins steht fest: der Komponist
und Filmemacher
Schulz hat seine ganz eigene Zeit, und das nutzt er wirklich aus. Seine
elektronischen Schichtungen bauen mittels sparsamster Ökonomie
aufeinander auf
und oszillieren zwischen kontraproduktiver Kohäsion und
konsequenter Offenheit.
Nie gibt er sich offensichtlichen, billigen und enervierenden
Krachexperimenten hin, dazu hat er alte Schulen schon viel zu oft
verlassen.
Neun Stücke, dabei viele gute Gäste, erzeugen ungemeine
Spannung. XABIER
ERKIZIA: ENTRESOL (Antifrost) Was man von dieser Platte nun wirklich
nicht
sagen kann. Der angebliche “multidisziplinelle” baskische Künstler
machte drei
Stücke, auf denen fast nichts – JA, NICHTS! – zu hören ist –
ausser einem
subsonisch-latentem Rauschen und seltensten digitalen Ausbrüchen.
Leute, lasst
euch nicht verarschen: für diesen Schrott will der echt Geld
haben, aber da
könnt ihr auch in Tiefgarage oder Heizungskeller reinhören,
das ist umsonst und
mindestens so spannend. Wenn einer mal ein Beispiel für die
Armseeligkeit
moderner Klangkunst sucht, spielt das vor, und bringt euch rechtzeitig
in
Sicherheit. Audio-Müll, definitiv! SHUTTLE358: CHESSA (12k)
Und dann wieder back
to minimalism: Dan Abrams macht vor, wie’s gut klingen kann. Seine
Microsounds
existieren auch nur in einer dezenten Ambivalenz, generieren dabei aber
einen
sehr klaren und eigenen Ambientbegriff, der dem von Eno, als Klang, der
einen
Raum gibt und/oder definiert, nahe kommt, dies aber ungleich
konzentrierter
einfängt. Es passt zu Abrams’ Fotos, die “echtes Leben” einrahmen
und ihm so
ein Eigenleben geben. JON MUELLER: WHAT’S LOST IS SOMETHING IMPORTANT.
WHAT’S
FOUND IS SOMETHING NOT REVEALED (Crouton) Was Mueller machte: von
diversen
Leuten ein Haar sammeln und in einer Holzbox aufzubewahren, aus keinem
besonderem Grund ausser als die darüber entstehenden
Gespräche hervorzurufen.
Diese Aktion und Sammlung bildet einen Subtext für die hier
hörbaren zwei Stücke,
die samt und sonders auf dem Material eines Drumkits gründen:
Drones aus
vibrierenden Snareketten und singende Felle. Wanna talk? V.A.:
MINIMIZE TO
MAXIMIZE (Minus) Das Testament des Minimalismus: so
kompromisslos und
konsequent wurde elektronische Rythmik lange nicht mehr reduziert. Das
1998 von
Richie Hawtin gegründete Label definiert auf der ersten
Compilation seinen
Minimalismus international, aber über bestimmte Kumpelnest-Achsen:
Kanada, New
York, Berlin, Köln. Hier von einer Family zu reden, wäre
Unsinn, es ergeben
sich aber korrespondierende Ästhetiken, die bisweilen Spannung
genug haben, um
die mathematischen Achsen der Realität hüpfen zu lassen.
Tipp: Magda,
Heartthrob. MARCO PASSARANI: SULLEN LOOK (Peacefrog) Diese
elektronischen Klangwelten
sind ungleich barocker, voller, slicker und staubiger. Liegt’s daran,
dass
Passarani Römer ist, einer der dienstältesten italienischen
Techno-Spokesmen
überhaupt, der auch jede Menge Labelarbeit betreibt, oder daran,
dass hier
Acid-, Funk- und HipHopwurzeln auf eine sehr warme, nahezu romantische,
aber
auch zupackende Art ausgelebt werden? Inklusive eines Covers des Alex
O’Neill-Krachers „Criticize”! PASTACAS: TSACA TSAP
(Kohvirecords) Wie schön!
Da singt nicht nur einer mit ganz eigener Stimme, sondern auch in ganz
eigener
Sprache. Der estonische Finne Ramo Teder singt jetzt mehr als auf
seinen beiden
letzten Alben: neben seinen beiden Landessprachen macht er sich eine
eigene.
Und das klingt nicht etwa etwas bescheuert, sondern total super, denn
Harmonien
und Klangfarben sind hier wichtiger als Texte, und Stimme ist nur
Instrument inmitten von Teders slicken
Jazzläufen. Wer auf Sampleabspülmusik steht, hört
besser weiter - hier gibt’s
tolles Originelles! DIE WELTRAUMFORSCHER: 21 WELTRAUM-STANDARDS
(Staubgold)
Diese Musik erforscht die Unendlichkeit von Welt und Raum und dem, was
alles
dazwischen ist: Sommernächte, die Wirklichkeit der Sprache, wenn
der Herbst
kommt, und immer wieder die Sterne. Aus den 30 Tonträgern dieser
Tapelegende
kompilierte Staubgold eine wunderbarste Essenz, auf einer zweiten CD
mixen
verdiente gute Leute an den Klassikern rum. Das alles ist sehr sehr gut
und
leider auch sehr unumgänglich. Das sage ich selten, aber wenn der
Sommer da
ist, werdet ihr hören und wissen, dass ich nicht gelogen habe.
M.WARD:
TRANSISTOR RADIO (Matador) Schon auf dem Vorgänger
”Transfiguration of Vincent”
überzeugte Ward nicht zuletzt mit einem tollem Cover von Bowies
“Let’s Dance”
und kitzelte dem ollen Hauer erstaunliches
Lagerfeuerpotenzial aus den
Rippen. Dieses Album nun ist eine einzigartige Erinnerung an das
abwechslungsreiche Radioprogramm seiner südkalifornischen Jugend,
neben
langsamen Croonern und sinistrem CountryFolk gibt’s also auch richtige
Uptemporocker im 60er Stil. Ziemlich grossartig, richtig für Fans,
die die
nächste Yo La Tengo nicht erwarten können. NAT KING COLE: THE
WORLD OF NAT KING COLE (Capitol) Nat King, zu dessen
40. Todestag diese begnadete und wirklich lohnenswerte
Compilation - 28 Stücke, 77 Minuten, überragende
Titelzusammenstellung, u.a.
auch das posthume Duett „Unforgettable” mit Tochter Natalie -
herauskommt, ist
einer der gigantischsten Vokalisten dieser Welt gewesen. In den
späten 50ern
mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung assoziiert, bewies er oft
genug Zivilcourage
und Mut gegenüber der versteinerten Segregation in den USA. Als er
1965 an
Lungenkrebs starb, verstummte eine Stimme, die oft genug das
Versteinerte in
uns selbst gelöst hatte. Spielt am 17. März einen Song von
ihm. FRANCOISE
HARDY: TANT DE BELLES CHOSES (Virgin) Quelle Chansonette! So opulent
wie
spinnert wie immer balanciert die Chansonikone hier durch Arrangements,
von
denen man dachte, die gibt’s doch längst nicht mehr, und
extrapoliert sie hier
mit einer grandiosen Tiefe und Leichtigkeit. Die Hilfe von diversen
Youngsters
und, natürlich, Benjamin Biolay, macht das ganze noch runder, die
Soundästhetik
ist absolut auf der Höhe der Zeit, und die Texte sind eh von ihr.
Wahnsinn.
Normal. Zeitlos. TUOMI: TIGHTROPE WALKER (Traumton) Inmitten
skandinavischer
Jazz-Vokalistinnen nimmt die Finnin Kristiina Tuomi eine Sonderstellung
ein:
nicht extrapoliert in Fachkreisen trat die Autodidaktin zunächst
über die
Deephouse und Indie-Schiene in Erscheinung. Hier überzeugt sie mit
einer extrem
klaren und zurückgehaltenen lyrischen Gesangskunst, die u.a. Verse
von Poe und
Shakespeare in Musik bringt. Ein kammermusikalisch-melancholischer
ImprovVibe
begleitet dies. STEREO TOTAL: DO THE BAMBI (Disko B) Putzig! Die gibt’s
ja auch
noch. Wie alt ist Francoise eigentlich mittlerwei-KLATSCH! Ja gut,
blöde Frage
... alle Vergleiche der Popgeschichte gehen eh ins Leere, denn ST sind
die
deutschen Cramps! Sie bewegen sich keinen Mikromilimeter vor und
rückwärts,
sondern tanzen auf der Stelle zu ihrem FarfisaDAFGeorgl in ihrer Welt
aus
Kitsch und Kaputtheit. Und weil das so schön ist, covern sie am
Ende noch Nicos
Chelsea Girls. Schneuz. Danke. V.A.: BEATSCHUPPEN (Panatomic) Hier kann
wer
will weitertanzen: das Münchener Atomic Cafe-Label versteht sich
auf
Nuggets-Diggin der besonderen Art: hauptsächlich unglaublich gute
Raritäten aus
den Mitt/Spät-60ern werden hier in 21 Nummern wieder publik
gemacht.
Wahnsinnsdinger, wo jeder mitmuss, weil alles Hitkuss. Echt wahr.
MALENTE: RIP
IT UP (Unique) Meister Malente lässt sich von seinen
Lieblingsbuddies einen
abmixen - warum auch nicht? Satte acht mal spritzt’s exklusiv auf diese
Scheibe, und dreimal gibt’s gar ganz neue Knüller. Der Mann ist
Funkhead-Triebtäter-Partytier. Nicht alles im grünen Bereich,
aber sleazy Mal
hat einen okeyen Weg vor sich. STRATUS: FEAR OF MAGNETISM (Klein) Das
Profi-Remixer-Produzenten-Duo, das schon auf Howie B’s Label sehr gut
aufgehoben war, vermischt elektronischen DownbeatPop mit
eklektizistischem
Indienerdtum. Das Cover ist Scheisse, die Musik aber ganz gut. Sehr
soundtrackmässig, viel Potenzial, einiges an Leerlauf, und leider
zuwenig an
Vocals. HmHm. In Dubio pro Freizeit: die Scheibe ist so gut, dass sie
langweilt. GENE COLEMAN/FRANZ HAUTZINGER/SACHIKO M/OTOMO
YOSHIHIDE:
CONCERT IN ST. LOUIS (Grob) Coleman, ein konsequent agierender
Musiker aus Chicago,
der sowohl als Organisator, Kurator und Komponist in Erscheinung tritt,
stellte
hier eine 4köpfige ‚Band’ zusammen, in der die Parameter der
nondynamischen und
ruhigen Improvisation ausgelotet werden. Seine mitunter subsonische
Bassklarinette,
die Vierteltontrompete Hautzingers, Sachikos Sinusgenerator und
Yoshihides
präparierte Instrumente üben sich in der allergrössten
Zurückhaltung und kommen
zu den besten Ergebnissen. Improv, wie er sich endlich durchgesetzt
hat: keine
oberflächlichen Bratzereien, sondern die Möglichkeit zum
Zuhören und des
Erfassens des Space-In-Between. Well done.
www.terz.org - 23.02.2005