Militaristische
Elitenförderung an der Uni unter dem Label
der Gemeinnützigkeit?
Der Verein
DIAS an der Heinrich-Heine-Universität propagiert
Neoliberalismus und Großmachtpolitik
Den
Studierenden wird zum April eine interessante
Fortbildungsreise angeboten: „Vom 17. (Sonntag) bis
einschließlich 20. April
2005 (Mittwoch) bietet die Bundeswehr, in enger Kooperation mit dem
Düsseldorfer Institut für Außen- und
Sicherheitspolitik, ein
sicherheitspolitisches Seminar nach Hamburg & Kiel an. Studierende
&
Wissenschaftler aller Fakultäten sind dazu herzlich eingeladen.“
Butterfahrt
und Moorhuhnschießen mit der Bundeswehrmacht als
Freizeitangebot für gestresste Studis? Nein, bildungspolitischen
Zwecken und
wohl auch der Tuchfühlung mit Betuchten des Militärs soll die
Einladung
augenscheinlich dienen:
„Geplant
sind u.a. Besuche in der Führungsakademie der
Bundeswehr & diplomatischen Einrichtungen alliierter Staaten.
Hintergrund
des Seminars soll die Einführung in die operative Arbeitsweise der
maritimen
Streitkräfte bilden sowie die kritische Auseinandersetzung mit den
Führungsstrukturen der Streitkräfte insgesamt
gewährleisten, damit die
Teilnehmer deren Bedeutung in eigenständiger Weise in die
Gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik einordnen können.“
Also
wohl doch nichts für jeden dahergelaufenen
Studierenden:
„Die
Teilnehmerzahl ist begrenzt. Interessenten werden
gebeten, sich bis zum 25. März 2005 mit einem einseitigem
Motivationsschreiben
nebst kurzem, stichpunktartigen Lebenslauf zu bewerben. Dadurch soll
ein
gewisses Niveau gewährleistet werden, indem an Außen- und
Sicherheitspolitik
interessierte Studentinnen & Studenten sowie Wissenschaftler
jeglicher
Couleur sich tatsächlich auseinandersetzen können.“
Der
sinnentstellende Satzbau und die Rechtschreibfehler der
Einladung hier im Original sind zitiert, so dass sich der Hinweis auf
ein
gewisses Niveau wohl eher auf eine spezifische Form der
Dazugehörigkeit als auf
germanistische oder intellektuelle Ebenen bezieht.
Was
haben solche Veranstaltungen eigentlich im
Veranstaltungsprogramm der Universität zu suchen? In der
Selbstdarstellung der
als gemeinnützig auftretenden Organisation, welche die
Bundeswehr-Reklamefahrt
organisiert, heißt es:
„Das
2003 gegründete Düsseldorfer Institut für Außen-
und
Sicherheitspolitik (DIAS) – ein unabhängiges,
interdisziplinäres Forum an der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – hat es sich zur
Aufgabe gemacht, den
weiten Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik –
einschließlich der
Nachbarbereiche Wirtschaftspolitik, Geschichte und Völkerrecht –
wissenschaftlich zu bearbeiten. So wird es – auf der europäischen
Achse
London-Paris-Brüssel-Berlin-Warschau gelegen – dem akademischen
Publikum die Möglichkeit
bieten, sich über außen- und sicherheitspolitische
Fragestellungen
wissenschaftlich auszutauschen.“
Um
an der Gemeinnützigkeit solcher Anliegen keinen
größeren
Zweifel aufkommen zu lassen, wird zudem auf den
außeruniversitären Nutzen der
eigenen Aktivitäten verwiesen:
„Durch
außeruniversitäre Veranstaltungen will es der
interessierten Öffentlichkeit Diskussionen und Informationen
anbieten, die zum
Verständnis der internationalen Beziehungen notwendig sind.“
Wie
öffentlich und offen derartige Diskussionen sind, haben
kürzlich interessierte antimilitaristische Diskussionswillige
anlässlich der
DIAS-Veranstaltung mit Verteidigungsminister Struck erfahren
können (s.
Kasten). Anscheinend grenzenlos offen hingegen ist die politische
Haltung des
DIAS gegenüber Referenten, die wortgleich ihre Thesen in Gefilden
vortragen,
die im Dunstkreis der vom Verfassungsschutz NRW beobachteten
rechtsextremen
Organisationen angesiedelt sind. So lud das Institut den
Militärhistoriker
Martin van Crefeld als Referenten zum Thema Terrorismus zu dem Kongress
„Countering Modern Terrorism“ Ende letzten Jahres. Wortgleich trug
jener
Referent sein Referat im Rahmen des 8. Berliner Kollegs des „Instituts
für
Staatspolitik“ INSTABO aus dem politischen Umfeld der neurechten
Zeitschrift
„Junge Freiheit“ vor. Nun ist es nicht Sache der TERZ, über die
Gültigkeit der
Gemeinnützigkeit des DIAS oder gar dessen
Verfassungskonformität zu urteilen.
Uns interessiert vielmehr, was ein Bundeswehr-Reklameverein an der Uni
zu tun
hat und unter welchen ideologischen Prämissen dort
Wissenschaftspolitik
betrieben wird.
„Freies
Unternehmertum und freiheitsliebende Völker
verteidigen“
Hierzu hilft ein
Blick in die Präambel des DIAS. Um der
deutlich zutage tretenden militaristischen Komponente des Instituts die
nötige
moralische Weihe zu geben, heißt es dort zunächst reichlich
pathetisch-schwülstig:
„Eingedenk der
selbst empfundenen historischen Bedeutung der
Überwindung der Teilung des europäischen Kontinentes und der
Notwendigkeit,
feste Grundlagen für die künftige Gestalt Europas im dritten
Jahrtausend zu
schaffen sowie in dem Wunsch, die Solidarität zwischen allen
Völkern unter
Achtung ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Traditionen zu
stärken und in
dem Willen einen Beitrag zu leisten um die Identität und
Unabhängigkeit Europas
zu stärken sowie Frieden, Sicherheit, Fortschritt und
Gerechtigkeit in der Welt
zu fördern haben sich die Mitglieder des Düsseldorfer
Instituts für Außen- und
Sicherheitspolitik diese Satzung gegeben.“
Nach welchen
ideologischen Prämissen ein solcher Edelmut und
Heroismus hergeleitet wird offenbart sich beim weiteren Lesen:
„Die
gefährlichen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts
zwischen der Freiheit und dem Totalitarismus endeten mit einem Sieg
für die
freiheitlichen Kräfte und einem nachhaltigen Konzept für
Erfolg und
Gerechtigkeit: Freiheit, Demokratie und freies Unternehmertum.“
Nun ist das
öffentliche Bekenntnis zum Kapitalismus und die
gleichzeitige Verdammung sozialistischer Experimente keine Besonderheit
jenes
Instituts, sondern politischer Zeitgeist. Der Kapitalismus als das
„Ende der
Geschichte“, als einziger „Garant der Freiheit“, das
neoliberal-sozialdarwinistische Credo von der Natürlichkeit der
Waren- und
Ausbeutungsgesellschaft – all das sind ideologische
Allgemeinplätze in heutigen
Zeiten. Besonders oder zumindest bemerkenswert hingegen ist die
Offenheit, mit
der ein an einer staatlichen Hochschule angesiedeltes Institut in
seiner
Präambel mit fundamentalistischem Impetus zum Fahnenappell ruft:
„Die Pflicht,
diese Werte gegen Feinde zu verteidigen, ist
die gemeinsame Aufgabe aller freiheitsliebenden Völker und
Nationen überall auf
der Welt und zu allen Zeiten.“
Hierbei soll
Deutschland nach Vorstellungen des DIAS
entscheidenden Anteil haben, und hierfür sollen die
Aktivitäten des Instituts
im Rahmen des Universitätsbetriebs Anknüpfungspunkte geben.
Deutschlands
Führungsverantwortung
Im Weltbild des
DIAS erscheint der Ruf zur Fahne als
patriotische Pflicht:
„Deutschland
spielt aufgrund seiner Geschichte, seines
wirtschaftlichen Potentials und seiner politischen Bedeutung eine
maßgebliche
Rolle innerhalb und außerhalb Europas und kann sich daher einer
multilateral
definierten Führungsverantwortung nicht entziehen.“
Derartige
Ansichten über deutsche Führungsverantwortung in
der Welt haben hierzulande eine lange Tradition. Das Institut
verknüpft den
Appell an den Segen deutscher Führungsmacht in der
Außenpolitik mit dem Appell
der harten Hand in der Innenpolitik:
„Gerade in
Deutschland müssen deshalb dringend grundlegende
wirtschaftliche Reformen umgesetzt werden, um dem fortschreitenden
Verlust an
internationaler Wettbewerbsfähigkeit entgegenzuwirken: Abbau des
Haushaltsdefizits, Vereinfachung des Steuerrechts, Deregulierung des
Arbeitsmarktes sowie eine Reform der sozialen Sicherungssysteme sind
die
vordringlichsten Herausforderungen.“
Solche
Sätze lassen die Herzen der Unternehmerverbände höher
schlagen, denn sie klingen wie abgeschrieben aus den Kampfblättern
des BDI.
Derart ideologisch geschulten universitären Nachwuchs wünscht
sich das Kapital.
Die neoliberale Schule predigt seit jeher das Hohelied der
Privatisierung in
sämtlichen gesellschaftlichen Sphären und Politik als
privatkapitalistisches
Management. Adäquat hierzu fordert das DIAS eine
„unternehmensspezifische
Krisenvorsorge“, um „den unternehmerischen Handlungsspielraum
auszubauen und
unternehmerisches Handeln langfristig zu legitimieren.“
Der Vorsitzende
des Instituts, Dimitrios Argirakos, prägte
in einem Aufsatz den hierzu passenden Leitsatz: „Wer den Kapitalismus
als
ökonomisches Steuerungssystem akzeptiert, kann seinen Gesetzen
nicht trotzen“.
Zur Umsetzung
solcher Weltbilder organisiert das DIAS
augenscheinlich im universitären Umfeld ein Netzwerk des
militärisch-industriellen Komplexes, um einer auserwählten
Elite den Eintritt
in jene Gefilde zu ermöglichen und zugleich an den Hochschulen und
öffentlich
darüber hinaus ideologisch Einfluss zu nehmen.
Es stellt sich
somit die Frage, ob derartige Ansichten und
Aktivitäten weiterhin zum universitären
Leitprogramm gehören sollen, oder ob
sie nicht besser allesamt auf den Müllhaufen der Geschichte
gehören.
Die
Protestierenden gegen die Veranstaltung des DIAS mit dem
Kriegsminister Struck haben damit angefangen, diese Frage praktisch
beantworten
zu helfen.
www.terz.org - 23.02.2005