|
ANTISEMITISMUS
|
"Ein
Jude unterscheidet sich vom Satan durch nichts. |
| Zu lesen waren diese Zeilen in
der türkischsprachigen Zeitung "Milli Gazete" vom 21. Januar
1994. "Milli Gazete" war damals das offizielle Organ der von Necmettin
Erbakan geführten islamistischen "Refa-Partei", die seit
ein paar Jahren den Namen "Fazilet-Partei" trägt. "Milli
Gazete" war und ist zugleich auch das Sprachrohr der in Deutschland
tätigen "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e.V.",
die alleine in NRW über 7.500 eingeschriebene Mitglieder hat und über
eine mindestens drei mal so große Anhängerschaft verfügt.
Der unverhohlene Antisemitismus, der im Zitat zum Ausdruck kommt, ist keine einmalige "Entgleisung", vielmehr haben die "Refah-Partei" - jetzt "Fazilet-Partei" - und die mit ihr eng verflochtene Organisation "Milli Görüs" den Antisemitismus fest im Programm. In der von Erbakan 1991 verfassten programmatischen Schrift mit dem Titel "Die gerechte Ordnung" ist auf Seite 4 zu lesen: "Der Zionismus ist ein Glaube und eine Ideologie, dessen Zentrum sich bei den Banken der New Yorker Wallsreet befindet. Die Zionisten glauben, dass sie tatsächlich die Diener Gottes sind. Ferner sind sie davon überzeugt, dass die anderen Menschen als ihre Sklaven geschaffen wurden. Sie gehen davon aus, dass es ihre Aufgabe ist, die Welt zu beherrschen. Sie verstehen die Ausbeutung der anderen Menschen als Teil ihrer Glaubenswelt." |
|
|
Der Antisemitismus der hier genannten türkischen Organisationen ist kein singuläres Phänomen im Feld der mittlerweile weltweit agierenden islamistischen Organisationen. Ähnliche Absurditäten findet man auch in Publikationen der palästinensischen Hamas oder der libanesischen Hisbollah. In der Ideologie dieser und anderer islamistischer Organisationen erscheinen die Juden als Konkretisierung einer gottlosen und amoralischen Moderne, die die islamische Welt ins Unglück gestürzt hat. Die Juden werden ganz allgemein als die Hauptfeinde eines bedrängten Islams dargestellt. Hierbei stört es die Islamisten wenig, dass sie sich mit derartigen Positionen in eklatantem Widerspruch zur islamischen Tradition befinden. |
Islam
- Islamismus |
|
Bis zum Beginn des Imperialen Zeitalters, das für die arabisch-islamischen
Gesellschaften mit der Ägyptenexpedition Napoleons im Jahr 1798 begann,
gab es in der islamischen Welt keinen Antijudaismus oder Antisemitismus.
In den islamischen Herrschaftsbereichen waren die Juden als sogenannte
"ahl al-kitab" (Leute des Buches) anerkannt - so verlangt es
unmissverständlich der Koran. D. h., die islamischen Herrscher behandelten
das Judentum - übrigens auch das Christentum - als eine schützenswerte
"Vorform" des Islams. Für Juden und Christen gab es zwar
einen Katalog von Auflagen (z. B. war ihnen das Tragen von Waffen verboten)
in der Regel jedoch konnten sie ihre Religion frei praktizieren und ihre
familiären Angelegenheiten gemäß ihrer religiösen
Gebote handhaben. Auch in gesellschaftlicher Hinsicht hatten die Juden
keine schwerwiegende Benachteiligung zu erleiden. Im Laufe der islamischen
Geschichte gab es zahlreiche jüdische Persönlichkeiten, die
an diversen Höfen sehr wichtige Positionen einnahmen. |
Antisemitismus
- Eine Folge des Kolonialismus |
|
Die Ereignisse von 1840 beleuchten schlagartig den grundlegenden Wandel,
den das multireligiöse Zusammenleben durch die koloniale Expansion
erfahren musste. Die politischen Maßnahmen der Großmächte
verdrängten die islamische Religion als primäre Wirkungsmacht.
Die im dahinsiechenden Osmanischen Reich lebenden Christen paktierten
mehr oder weniger offen mit den neuen imperialistischen Mächten.
Diese stellten die Christen unter ihren Schutz, indem sie faktisch Protektorate
errichteten. In der Konkurrenz der Großmächte befand sich Großbritannien
- mangels protestantischer Untertanen im Osmanischen Reich - zunächst
im Nachteil. Die neuen Nöte der Juden in den osmanischen Reichsgrenzen
waren jedoch eine willkommene Gelegenheit, es den Konkurrenten gleichzutun.
Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass die sogenannte
"Schutzmachtpolitik" nur vordergründig die Interessen "notleidender
Menschen" vertrat. In Wirklichkeit ging es - wie so oft in der Geschichte
- um handfeste ökonomische Interessen. |
|
|
Der zweite Teil der Geschichte beginnt mit einem Akt der britischen Außenpolitik, der sich als konsequente Fortsetzung der seit Jahrzehnten praktizierten "Schutzmachtpolitik" verstand. Am 2. November 1917 verkündete der britische Außenminister Lord Balfour, dass die britische Regierung gewillt sei, eine Nationale Heimstätte der Juden in Palästina zu schaffen. Von den Juden Europas, die spätestens seit der Dreyfusaffäre wussten, dass die Judenemanzipation in Europa gescheitert war, wurde diese Erklärung mit großer Begeisterung aufgenommen. Die Araber in Palästina hingegen mussten nun deutlich erkennen, dass ihre von Frankreich und England während des I. Weltkrieges geweckten Hoffnungen auf Unabhängigkeit endgültig zerschlagen waren. Der bisher weitgehend friedliche Widerstand gegen die zionistische Siedlungspolitik schlug in eine Serie von gewalttätigen Erhebungen um, und er erhielt zunehmend eine antisemitische Dimension. Z.B. veröffentlichten im Aufstandsjahr 1929 die "Arabischen Studenten Jerusalems" ein Pamphlet, in dem folgende Sätze zu lesen sind: "Vergeßt nicht, dass der Jude Euer starker Feind von alters her, der Feind eurer Ahnen ist. Laßt euch nicht von ihm irreführen, denn er war es, der Christus ... gemartert und Muhammed ... vergiftet hat. Er, der Jude will euch nun abschlachten, wie er es gestern getan hat." |
Der
Palästinakonflikt |
|
In der palästinensischen Nationalbewegung verloren die gemäßigten Kräfte deutlich an Einfluss. Dominiert wurde die Bewegung jetzt vom Jerusalemer Mufti Amin Al-Husaini. Dieser beobachtete mit großem Interesse die faschistische Machtergreifung in Deutschland und suchte ab dem Jahr 1937 eine intensive Zusammenarbeit mit dem NS-Regime. Hierbei verstrickte sich der "Großmufti", wie er von deutscher Seite genannt wurde, auch in die NS-Vernichtungspolitik. Der Mufti versuchte alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Auswanderung europäischer Juden zu verhindern. So z.B. wollte Al-Husaini die jüdische Auswanderung aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Italien verhindern, indem er Briefe an alle vier Regierungen schrieb, worin er die Rücknahme bereits erteilter Auswanderungsgenehmigungen verlangte. Die Zusammenarbeit mit den Völkermordstrategen in Berlin endete erst, als Hitlerdeutschland vollständig am Boden lag. Der "Großmufti" setzte sich nach Kairo ab und begann dort seine zweite Karriere. |
|
|
Die Staatsgründung Israels und der damit verbundene verlorene Krieg im Jahr 1948 wurde von den Arabern schlichtweg als Katastrophe und große Demütigung empfunden. Diese wurde noch verstärkt, als wenige Jahre später im Jahr 1956 der Hoffnungsträger der panarabischen Bewegung, Gamal ´Abdanasir (Nasser), erneut eine schwere Niederlage gegen die israelische Armee hinnehmen musste. Die zweite Niederlage verlangte nach einer griffigen Erklärung, und diese bot der Antisemitismus mit seinen absurden Verschwörungsphantasien. Die antisemitische Propaganda, die ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre die arabische Welt überschwemmte, sollte durch ausgewiesene Experten durchgeführt werden, und einer von Ihnen war der "Großmufti". Al-Husaini reaktivierte seine Beziehungen zu ehemaligen NS-Größen und holte den ehemaligen Hauptschriftleiter der NS-Zeitschrift "Wille und Weg" nach Kairo. Dieser fungierte von nun an als Spezialist für antijüdische Propaganda. Ebenfalls bedeutende Rollen in der arabischen Propaganda spielten der ehemalige SS-Führer Leopold Gleim und Louis Heiden. In den folgenden Jahren fabrizierten diese und andere Propagandisten eine ganze Flut von antisemitischen Schriften. Das Grundlagenmaterial stammte meist aus europäischen Quellen. Es gab Bücher, Zeitschriften, Artikel und Rundfunksendungen, die die muslimische Bevölkerung mit den Bildern des europäischen Antisemitismus vertaut machte. Das zentrale Bild, das im Mittelpunkt der Propaganda stand, war das des bösartigen jüdischen Verschwörers, der die Fäden der Weltpolitik zog. |
Die
Staatsgründung |
|
Bis zum dritten arabisch-israelischen Krieg, der erneut mit einer Niederlage
für die Araber endete, war der Antisemitismus hauptsächlich
ein "Kampfmittel" der panarabisch-nationalistisch gesonnenen
Parteien. Die dritte Niederlage gegen Israel und die ökonomische
Krise in den frühen siebziger Jahren führte zu einem weitgehenden
Perspektivwandel, mit dem Ergebnis, dass die panarabisch-nationalistische
Ideologie sukzessive von einer islamistisch geprägten Weltsicht verdrängt
wurde. Die Reislamisierung von Politik und Gesellschaft erreichte einen
ersten Höhepunkt, als Khomeini 1979 die Macht im Iran blutig an sich
riss. Die sogenannte "Islamische Revolution" hatte von Beginn
an eine antisemitische Stoßrichtung. Neben den bereits angeführten
antisemitischen Verschwörungsphantasien, die ebenfalls in der Regel
auf den "bewährten" europäischen Quellen basierten
(z.B. "Die Protokolle der Weisen von Zion"), fügten die
islamistischen Propagandisten pseudoislamische "Geschichtstatsachen"
hinzu, wie z.B. die Behauptung, dass die Juden schon immer die Feinde
des Islams gewesen seien. Der auf diese Art islamisierte Antisemitismus
verbreitete sich zunächst in den achtziger Jahren über die arabische
Welt und prägt bis zum heutigen Tag z. B. die Programmatik von Hamas
und Hisbollah. Mittlerweile erstreckt sich der Radius des neuen Antisemitismus
auch auf zahlreiche nicht-arabische Länder. Islamistische Organisationen
mit einer antisemitischen Stoßrichtung findet man ebenso in der
Türkei, Indien, Pakistan, Afghanistan ... und in einigen westeuropäischen
Ländern mit einer großen muslimischen Minderheit. Erwähnt
werden sollte in diesem Zusammenhang auch, dass nicht alle islamistischen
Organisationen ihre Praxis auf das Verteilen von Propagandamaterial beschränken.
Gelegentlich kommt es auch zu spektakulären Terrorakten gegen jüdische
Einrichtungen. So z.B. wurde der Sprengstoffanschlag auf das jüdische
Quartier in Buenos, der am 18. Juli 1994 einen ganzen Hauskomplex zum
Einsturz brachte und 95 Menschenleben auslöschte, von Hizbollah-Gefolgsleuten
verübt. Die zerstörten jüdischen Einrichtungen standen
in keinerlei Verbindung zum israelischen Staat. Micha Kiefer |
Islamisierung |