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Der Besuch einer Ausstellung schwedischer Polit-Kunst der 60er und 70er
Jahre hat dem 1969 geborenen Lukas Moodysson das Bewußtsein eines
Verlustes eingegeben und ihn zu einer 68er-Spurensuche angeregt. Ein existentielles
Interesse liegt also seiner Beschäftigung mit der Vergangenheit zugrunde.
Die fla-neurhafte Indifferenz eines Christian Petzold, den eine pure Drolligkeit
wie ein Marmelade einkochendes RAF-Mitglied zur "Inneren Sicherheit"
inspirierte, geht Moodysson völlig ab. Entsprechend ernst, schonungslos
und erschöpfend fällt sein Film dann auch aus.
Der schwedische Regisseur ("Raus aus Amal") packt einen ziemlich
repräsentativen Querschnitt des Studentenbewegungspersonals in eine
Wohngemeinschaft mit Namen "Zusammen": einen Softie, einen Polit-Freak,
zwei Ökos, eine zum Lesbiertum konvertierte Frau, einen Homosexuellen
und zwei konturenlosere Gestalten. Er hat sie mit präzisen Holzhammer-Schlägen
zu Idealtypen modelliert und zeigt dabei ein feines Gespür für
die jeweiligen Schwachstellen der Figuren. So enthält sich Moodysson
bei der Zeichnung des sanftmütigen, stets verständnisvollen
Göran zwar jeglicher Ironie, stellt ihn aber unbarmherzig als Versager
auf sexuellem Gebiet dar. Und den von seiner Partei in die Fabrik beorderten
Eric läßt er sich nicht nur an der Produktionswirklichkeit,
sondern auch an einem Ödipus-Komplex abarbeiten.
Bewegung kommt in die Parallel-Gesellschaft, als sie mit Görans Schwester,
die von ihrem Mann mißhandelt wurde, und ihren Kindern drei Außenweltlern
Asyl gewährt. Damit setzt ein schleichender Normal-isierungsprozeß
ein. Die Kleinen erreichen eine Lockerung des Fleisch- und des TV-Bilderverbots;
nur Coca-Cola bleibt tabu. Das bewegt die beiden Hardcore-Ökos zum
Auszug. Wenig später verläßt Eric die Kommune. Frustiert
von der Erfolglosigkeit seiner hausinternen und -externen politischen
Missionierungsarbeit, schließt er sich der Baader-Meinhof-Gruppe
an. Da bildet sich dann in "Zusammen" fast schon so etwas wie
der Kern einer Zivilgesellschaft heraus. Auf eine solche Interpretation
legt Moodysson es jedoch nicht an. Im Presseheft spricht er zwar von seiner
Abneigung gegenüber dem Theoretisieren und dem "Fundamentalismus",
gesteht aber gleichwohl seine Sympathie für die Figur des Eric. Von
Ambivalenzen dieser Art ist der ganze Film durchdrungen. Er ist gleichzeitig
grob und genau, einfühlsam und hart, naiv und komplex. Als gütiger
Skeptiker sieht und verzeiht Lukas Moodysson alles. Und da er seinen Blick
niemals über den Kreis seiner Personen hinaus materialistisch auf
die politischen und sozialen Bedingungen des Umbruchs hin weitet, bleibt
ihm nur, die Schwächen und Stärken seiner Charaktere absolut
zu nehmen. Aus dieser nüchternen und ernüchterten Perspektive
verkleinert sich 68 merklich. Es erscheint als etwas Äußerliches,
die Gegenwart nur wenig Durchdringendes. Machtlos gegen das Menschlich/Allzumenschliche
kann es gerade mal die Abgründe der Existenz einhegen, indem es ein
gemeinschaftsbildendes Ideal stiftet: das Kollektiv. Das hat Moodysson
gesucht und gefunden und bildnerisch in der Schlussequenz umgesetzt, ebenso
anrührend wie angreifbar.
JAN
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Regie: Lukas Moodysson;
mit Gustaf Hammarsten, Lisa Lindgren, Michael Nyqvist; Schweden 2000
(Concorde); 106 Minuten; ab 12.4. im Kino
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