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Es ist 1920, als Teo Otto 16jährig beginnt, sein zeichnerisches
Talent auszubilden. Der Sohn aus einer Remscheider Arbeiter- und Sozialistenfamilie
stellt schon in seinen frühen Werken die armseligen Lebensbedingungen
der Arbeiterklasse dar, die "bittere und verzweifelte Armut, die
aber keine seelische Armut war" (Teo Otto). Damit zeigt sich schon
früh seine politische, sozialistische Ausrichtung, die ihn während
des Krieges zu einer Zusammenarbeit mit kritischen linken Exildichtern
wie Brecht, Frisch oder Dürenmatt an der Avantgardebühne in
Zürich brachte. Er sei zwischen "Wachet auf, Verdammte dieser
Erde" und "Großer Gott, wir loben Dich" aufgewachsen,
erzählt Otto in seinen Tonbanderinnerungen.
Geistiges zu Hause findet der jugendliche Otto auch in der Remscheider
Volkshochschulbewegung, deren AnhängerInnen viele Gemeinsamkeiten
mit den Hippies und Kommunarden der 68er haben. Man gründet eine
gemeinsame Siedlungsgenossenschaft, gibt sich den Namen "sozialistische
Lebensgemeinschaft", trägt lange Haare, bunte Kleider und trifft
sich auf der Remscheider "Himmelswiese", um ungestört die
freie Körperkultur zu pflegen. Dabei fühlt frau und man sich
als Kommunisten. "Wir wussten, dass wir die Revolution wollten",
sagt ein Gefährte Ottos aus dieser Zeit. Selbstverständlich
werden die Jugendlichen zum Bürgerschreck, zu VertreterInnen von
Chaos und freier Liebe. Dabei pflegt die "sozialistische Lebensgemeinschaft"
Verbindungen zu Düsseldorfer Künstlern des "jungen Rheinlandes",
organisiert Ausstellungen (u. a. mit Käthe Kollwitz) und Theateraufführungen.
In der Wohnung eines Freundes aus der Düsseldorfer Bohème
begegnen die Jugendlichen Otto Dix und George Grosz und bekommen die Skandale
um die Bilder der Künstler mit. "... das Leben dieses anarchistisch-kommunistischen
Künstelervolks war faszinierend", berichtet eine Bekannter Ottos,
Adolf Stephan.
1923 verlässt Otto Remscheid, um in Kassel Malerei zu studieren.
Hier verstärkt sich seine sozialistische Ausrichtung; formal verlässt
er den eher realistischen, fast naiven Stil seiner Remscheider Zeit und
nähert sich dem russischen Konstruktivismus. Themen seiner Bilder
sind die Unterdrückung und Ausbeutung der ArbeiterInnen und deren
Aufstand.
Bei der Kommunistin Ilse Groa durfte der mittellose Student jeden Mittag
umsonst essen - zum Ausgleich spannt ihn die Leiterin des Kasseler Proletkult-Theaters
zum Entwerfen der Bühnenbilder ein. Als Hochburg linksgerichteter
Intellektueller verfügte Kassel über ein solches Arbeitertheater.
So kommt Otto 1923 zum Theater und entwirft erstmalig Bühnendekorationen.
Seiner Auffassung kommt die Agit-Prop-Bühne sehr nahe, er ist "ausgesprochen
links, das verlangte der menschliche Anstand." (Otto)
Nach dieser Bühnenerfahrung bleibt Otto beim Theater; er wird Assistent
des anerkannten Bühnenbildners Ewald Dülberg und macht ab jetzt
ziemlich schnell Karriere. Von 1927-´31 arbeitet er mit entscheidenden
bildenden Künstlern an der Krolloper in Berlin zusammen; bis er 1933
von den Nazis entlassen wird, ist er Leiter der Austattung an Staatstheater
in Berlin. Er emigriert nach Zürich und ist von 1933 bis ´45
verantwortlicher Bühnenbildner am Schauspielhaus Zürich, einem
Sammelplatz der Theateravantgarde. Hier arbeitet Otto an der Uraufführung
der drei wichtigsten Dramatiker des deutschsprachigen Theaters: Brecht,
Frisch und Dürenmatt mit; hier setzt er beispielsweise für die
Uraufführung der "Mutter Courage" 1941 einen szenografischen
Maßstab, den Brecht für weitere Aufführungen empfiehlt.
Brecht und Otto hatten sich schon 1930 am Berliner Staatstheater kennengelernt,
wo Otto bei der Inszenierung der "Maßnahme" assistierte.
Seitdem gelingt es ihnen, den Kontakt aufrecht zu halten, wenn sie auch
erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder zusammen arbeiten können.
Die Entwürfe für die Stücke Brechts stellen in Teo Ottos
Werk einen zentralen Punkt dar. "Brecht war in seiner Genialität
bestechend einfach, sprach keine Spruchbänder und kokettierte nicht
mit der Ewigkeit. Er liebte die Weisswurst, das Bier, das einfache Gespräch
und konnte mit Worten töten. Er war Anhänger des wissenschaftlichen
Sozialismus. Er fand, dass es nicht Aufgabe des Theaters sei, die Welt
zu interpretieren, sondern sie zu verändern." So Otto über
Brecht.
Die Aufführung der "Mutter Courage" 1941 am Züricher
Schauspielhaus war eine Ausnahme, keine andere schweizerische Bühne
war mutig genug, Brecht in dieser Zeit aufzuführen. Die Folge waren
massive Proteste nicht nur von Hitler-Anhängern. "Getragen von
einer antifaschistischen Haltung, führten uns die Ereignisse in Deutschland
zu Auseinandersetzungen mit den brennendsten Problemen der Zeit, sie waren
für uns nicht mehr zu trennen von den künstlerischen Problemen."
So beurteilt Otto im Nachhinein seine damalige Arbeit. Aber auch nach
dem Krieg rufen Brecht-Stücke immer wieder Empörung hervor.
"Der gute Mensch von Sezuan löst 1952 in Frankfurt einen politischen
Skandal aus, da die Kritik Brecht ablehnend gegenüberstand. Auch
der "Kaukasische Kreidekreis" 1955 und "die Simone Machard"
1957 stoßen auf Anti-Brecht-Kampagnen; man spricht von "Brecht-Ramsch"
und "Hetzstücken". Nach dem Mauerbau 1961 setzen viele
Bühnen ihre Brechtaufführungen ab. Daraufhin richten 66 westdeutsche
Intendanten sich gegen Eingriffe der Politik in den Spielplan. Im Rat
der Stadt Frankfurt braucht man einen ausdrücklichen Magistratsbeschluss
für die Aufführung gegen die CDU-Fraktion. Doch trotz aller
Proteste werden die jeweiligen Inszenierungen zu den wichtigsten und innovativsten
Theaterereignissen dieser Zeit.
Zwischen 1951 und 1968 entwirft Teo Otto elf Bühnenbilder unter der
Regie Harry Buckwitz' für Werke Bert Brechts. Beide setzten sich
für Brecht und seine Stücke ein, ihnen ist es zu verdanken,
dass seine Stücke sich trotz grosser Proteste reaktionärer Kräfte
auch in Westdeutschland durchgesetzt haben.
JULIA
Die sehr interessante Ausstellung ist noch bis zum 22. April zu sehen
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