Attacke auf Attac?
Kontroverse um den Globalisierungsdiskurs
Mir scheint, als würde Henrici die Konsequenzen der Kritik an attac
(Terz 03.02, S. 12/13), ein bißchen scheuen. So changiert der Text m.E.
merkwürdig unvermittelt zwischen 1.) einer kritisch intendierten Reproduktion
der Widersprüche attacscher "Ökonomiekritik" ("Staat
und Ökonomie...") und 2.) der (richtigen) kategorialen Kritik zentraler
"Schwächen" derselben ("Für die Stärkung der Nation!"/
"Tobin-Steuer"). Dabei verbietet gerade die hier ansatzweise in Anschlag
gebrachte Kritik warenförmiger Vergesellschaftung eine derart kritische
Solidarität, wie sie attac durch die hiesige radikale Linke zuteil wird.
1.) Attac wird vorgeworfen, sie würden hinsichtlich der Sachzwanglogik
ökonomischer Prozesse "amtlichen Ideologen auf den Leim (gehen)."
Demgegenüber wird von Henrici mit der Aussage: " ,Kapitalflüsse'
sind eben so flüssig, weil die Regierungen die Bedingungen geschaffen haben
und es genau so haben wollen" der Politik eine Gestaltungsfähigkeit
attestiert, die sie tatsächlich nicht hat: Die "Weltwirtschaftsführer"
wollen es, weil sie es wollen müssen als Treuhänder gelingender nationaler
Kapitalakkumulation, von deren Erfolg die wie auch immer geartete Reproduktion
der jeweiligen Gesellschaften abhängt. Leider hat die attacsche Version
von "Herrschaftskritik" mit dieser Erkenntnis aber auch rein gar nicht
zu tun: Mit der Beschwörung einer übermächtigen, strippenziehenden
Tyrannei des "Finanzkapitals" wird durch die Antiglobalisierungsbewegung
ja gerade so getan - darin mit Henrici übereinstimmend -, als besäße
der Kapitalprozess keine totalitäre Eigengesetzlichkeit, sondern bestünde
in "Sauereien, die (nur manipulativ, M.) auf unumgängliche Sachzwänge
verweisen" (Henrici). Demgegenüber bleibt festzuhalten, daß
im Prozess der Globalisierung die Bourgeoisie sich zwar "eine Welt nach
ihrem eigenen Bilde" schafft - allerdings nur als "Personifikation
ökonomischer Kategorien" (Marx).
2.) Die richtig von Henrici kritisierte unheilvolle Inanspruchnahme des Staates
zur Bekämpfung des "spekulativen" zugunsten des des "produktiven"
Kapitals zum "Wohle der Bürger" ist nicht nur kompatibel mit
rechter Ideologie, wie Henrici andeutet, sondern dieser wesentlich und damit
originär antiemanzipatorisch - egal ob von "links" oder "rechts"
artikuliert.
Die Trennung von spekulativem und produktivem Kapital im Denken der Warensubjekte
beruht auf dem Schein, den der Prozesses der Selbstverwertung des Werts notwendig
beständig hervorbringt. In diesem Prozess muß das Kapital verschiedene
Gestalten annehmen: nämlich Geldform, Warenform (zunächst Produktionsmittel
und Arbeitskraft, auf deren Ausbeutung im Produktionsprozess ja das "Geheimnis"
der Wertakkumulation beruht; sodann produzierte Waren für den Weiterverkauf,
die den Mehrwert bereits beinhalten) und wieder Geldform. Die Tatsache, daß
Ausbeutung im Produktionsprozess stattfindet und der an- bzw. enteignete Mehrwert
auf dem Markt lediglich realisiert wird, ist dabei nicht unmittelbar wahrnehmbar.
Denn erst auf dem Markt wird Ausbeutung, bzw. die Diskrepanz zwischen vorhandenem
Überfluss an mehr oder weniger nützlichen Waren einerseits und dem
daran gemessen geringen Lohn andererseits, erfahren. Erst hier im Handel scheint
aus Geld mehr Geld zu werden und damit die Gleichheit des Warentausches illegitimerweise
gebrochen zu werden. Beim zinstragenden Kapital bzw. "Finanzkapital"
ist dieser Schein komplettiert: die Einheit von Produktion und Zirkulation ist
in der Bewegung G - G´ vollständig ausgelöscht. Daß der
Zins als Preis des Kredits vom Profit abgezweigt wird und auf der Ausbeutung
im Produktionsprozeß beruht, ist hier nicht mehr ersichtlich. Und damit
ist auch die ideologische Figur des "raffenden", weil scheinbar unproduktiven
Kapitals in Reinform gegeben.
Nun ist aber das "produzierende" Kapital schon immer und in zunehmenden
Maße auf die zusätzliche Zufuhr von geliehenem Kapital angewiesen,
so daß mit der Internationalisierung des Finanzsystems tatsächlich
die zuvor national beschränkten Kapitale sich nunmehr an globalen Standards
der Kapitalverwertung orientieren müssen. Bei attac und Co. allerdings
werden die damit verbundenen dramatischen Auswirkungen der "Globalisierung"
mitunter für ganze Volkswirtschaften nicht als Verallgemeinerung der kapitalistischen
Produktionsweise kritisiert, sondern gerade in der oben skizzierten Weise vom
Kapitalverhältnis abgespalten. Wozu die Anrufung des Staates zum Schutz
"des Bürgers" vor der Asozialität des Kapitals - ob nun
gewollt oder nicht - in der Konsequenz führt, ist das direkte "Kurzschließen"
zweier widersprüchlicher Anforderungen staatlichen Handelns, die der Staat
dank seiner paradoxen Konstitution gleichwohl erfüllen muß: einerseits
die Aufgabe, eine optimale Kapitalverwertung zu garantieren, andererseits der
Auftrag, den Bürger vor den negativen Auswirkungen eben dieser (Kapitalverwertung)
zu schützen und für Wohlfahrt zu sorgen. Dieses prinzipiell unmögliche
Unterfangen zwingt zur Veräußerlichung der Krisenhaftigkeit des Kapitals
durch die Konstitution einer "Interessengemeinschaft" aus und Arbeit
und Kapital bzw. der Volksgemeinschaft aus Mob und Elite. Die eingeforderte,
aber stets durch die Realität dementierte Gleichheit des Warentausches
- das "Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit", das durch die "inakzeptable
Konzentration der Macht" bedroht werde (so Chomsky auf der attac-Homepage)
- ist letztlich nur um den Preis der wahnhaften Projektion von Ungleichheit
auf volksfremde Mächte als dessen Verursacher zu haben.
Nicht vergessen werden sollte, daß der Umschlag in völkische Ideologie,
wie er in einer verkürzten Kapitalkritik angelegt ist, zwar den "Menschenfreunden"
(Henrici) von attac wohl mehrheitlich bewußt nicht in den Sinn käme,
weltweit jedoch höchst virulent ist und nicht erst mit dem Massenmord vom
11. September sich Ausdruck verschafft hat.
Das Schlimme ist, daß bei attac sich "Linke" tummeln, die es
besser wissen könnten, dem Ressentiment jedoch um der lieben Massenpolitik
Willen bewußt Vorschub leisten. In einem "Konzeptpapier" auf
der Homepage von attac heißt es: "Natürlich ist nichts gegen
ein realistisches Verhältnis zum Staat und ein elaboriertes Kapitalismusverständnis
einzuwenden. (...) Entscheidend ist aber, dass der Tobin Tax-Diskurs eine politische
Mobilisierungswirkung auch bei Leuten, die in anderen Fragen der Hegemonie der
Gegenseite unterliegen, hat. Damit trägt er zur Verschiebung der diskursiven
Kräfteverhältnisse bei. Er hat diese Wirkung u.a., weil er abstrakte
Zusammenhänge wie die Macht des Finanzkapitals konkret erfassbar macht,
einen konkreten Gegner benennt, die Gegenseite spalten kann und einen sehr fassbaren
Nutzen hätte..." Solcherart "diskursive Verschiebungen",
die querfrontmäßig ans Ressentiment appellieren, sind aber für
eine Emanzipation von Staat und Kapital, um die es einzig und allein gehen kann,
kontraproduktiv und müssten mit radikaler, d.h. unversöhnlicher Kritik
konfrontiert werden.
Martin
www.terz.org - 25.3.2002