14. März: Hinterhof, linkes Zentrum. Bei der Single-Release-Party von
Oiro, den lieben Nachbarn aus der BRAUSE, spielt die phantastische Bernadette
la Hengst. Vor dem Gig, zwischen Lasagne und Café, hat sie Zeit für
ein Interview. Worüber mit ihr reden? Ihre Musik? Politik? Über den
"Rock gegen Rechts"-Kongress in Hannover, bei dem sie auf dem Podium
sitzen wird? Darüber, ob sie wohl auch in diesem Jahr beim Ladyfest spielen
wird, diesmal vielleicht in Hamburg, denn da lebt sie ja schließlich?
So viele Themen
; und während ich noch in meinen Zetteln wühle,
kommt alles ganz anders: Trotz böser Erkältung (inoffizielles Motto
ihrer Tour: "Gesundrocken 2003") sprüht Bernadette vor Energie.
Fragen sind eigentlich überflüssig, denn sie hat zu allem was zu sagen.
Wow!
TERZ: Wenn Du Konzerte gibst, spielst Du oft in kleinen Läden oder bei
linken Veranstaltungen. Fühlst Du dich in Läden wie dem Hinterhof
zuhause, weil das ein politischer Background ist, aus dem du selber kommst?
Bernadette la Hengst: Also, ich hätte nichts dagegen, wenn ich auf einmal
zehnmal so viele Platten verkaufen würde. Da hätte ich auch nichts
dagegen, mal in größeren Läden zu spielen. Aber klar, die kleinen
Clubs und das linke Umfeld ist natürlich das, wo ich her komme. Ich spiel
schon öfter auf Benefizveranstaltungen oder auf Konzerten für bestimmte
Themen, das such ich mir immer speziell auch aus. In Hamburg gab's jetzt viele
Anlässe dafür in den letzten Monaten
TERZ: Hast Du Dich an den Auseinandersetzungen um den Wagenplatz Bambule
beteiligt?
BLH: Ja, da hat eigentlich jeder mit dringehangen, der sich für die Welt
interessiert. Das war ja auch das Schöne daran, dass auf einmal Revolution
auf der Straße zu spüren war und wirklich ein Geist da war von "Wir
könnten es schaffen, die Regierung zu stürzen!" Weil die Gegengewalt
von Schill ausgehend so extrem war, dass auch ganz normale bürgerliche
Leute auf die Straße gegangen sind, weil die gemerkt haben, hier stimmt
was nicht. Da gab's dann halt Benefizkonzerte gegen diese Brechmitteleinsätze
und ein Bambule-Festival, wo viele Bands gespielt haben; ein großes Festival
gegen die Streichungen im Frauenbereich, zum Beispiel Beratungsstellen für
misshandelte Mädchen. Da gab's genug Anlässe, wo man seine Stimme
erheben konnte, sei es durch Musik, oder durch Interviews, oder durch Demonstrationen.
Bei mir geht auch die Musik und die Politik Hand in Hand. Da ziehe ich nicht
so große Grenzen dazwischen. Ich hab auch verschiedene Gruppen, mit denen
ich politische Arbeit mache, oder Diskussionsgruppen oder Kunst- und Performancegruppen,
mit denen wir auf der Straße spielen.
TERZ: Was für Zusammenhänge sind das, in denen Du arbeitest?
BLH: Es gibt da so ne Art Cafe oder Club in den Hafenstraßenhäusern,
da sind verschiedene politische Gruppen drin, von Kanak Attack hin zu Queer-Gruppen,
Nadir,
Dann gibt es den Buttclub und uns als wechselnde Gruppe, als loser Haufen von
Kulturschaffenden, Künstlern, Musikern, Journalisten.
TERZ: Wie kommt das, dass das in Hamburg so gut klappt? Hier in Düsseldorf
funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der klassischen Politszene und Leuten
aus einem eher kulturorientiertem Spektrum eher mäßig, mit dem Hinterhof
und der BRAUSE gibt es da seit langem mal wieder einen Versuch. Aber die Projekte
aus den Neunzigern, Wohlfahrtsausschüsse, InnenStadtAktion, sind immer
schnell wieder versandet. Warum klappt das bei Euch so gut? Kennt Ihr euch alle
noch von früher?
BLH: Teils - teils. Alles was du aufzählst, hat schon was zu tun mit einer
stetigen Entwicklung, dass man immer mal wieder in diese anderen Kreise reingeguckt
hat. Die Tradition alleine der Hafenstraße - damals war die Mobilisierung
schon sehr groß und das ging damals schon auch über die Grenzen hinaus.
Hamburg ist ja auch nicht so zerfasert, wie zum Beispiel Berlin.
Dadurch, dass unser Café in der Hafenstraße stattfindet, kommen
da auch mehr Berührungen miteinander zustande. Hafenstraße, Rote
Flora und verschiedenste andere Gruppierungen.
Und dann gibt es ja seit vier Jahren diese Anti-Grenzcamps
TERZ: Stimmt, du warst auch in Strasbourg
BLH: Ja, ich bin eigentlich seit vier Jahren auf jedem Grenzcamp, und letztes
Jahr war's ja ein internationales Grenzcamp in Strasbourg. Da hat auch einer
aus unserer Gruppe an der Vorbereitung mitgearbeitet und da sind wir halt mit
zwanzig Leuten auch jedes Jahr hingefahren.
TERZ: "Wir" meint dann die Leute aus dem Buttclub?
BLH: Ja, wobei der Buttclub, der weitet sich ja ständig aus, da kommen
neue Gruppen dazu. Ne Anti-Kriegsgruppe gibt's da jetzt seit ein paar Monaten
oder Kanak Attack, die treffen sich jetzt regelmäßiger bei uns. Da
wird jetzt gerade eine Kampagne geplant, wo schon Diskussionen untereinander
stattfinden, die dann auch in Aktionsformen enden und nicht nur Theorie bleiben
sollen.
TERZ: Wirkt sich deine Identität als Künstlerin aus, auf die Formen
politischer Praxis, die Du Dir wählst, oder ist es bei den politischen
Sachen, die Du machst, dann egal, dass Du eben auch Musikerin bist?
BLH: Das ist das, was ich meine, das geht für mich Hand in Hand. Ich kann
auch ganz normal auf einer Demonstration mitlaufen, aber eigentlich ist das
nicht so mein Ding, ich möchte dann schon meine eigene Form oder meine
eigene Ästhetik wählen. Also diese Sache, alle gehen in schwarz -
dann gehen wir halt alle in weiß und nehmen nen großen Ghettoblaster
mit und spielen Freejazz, zum Beispiel.
Wir haben auch ein
"mobiles Einsatzkommando" würd' ich
das mal nennen, das Schwabinggrad Ballett. Auf einer vorweihnachtlichen Demo
zu Bambule - die Demos waren ja in der Stadt verboten - haben wir eine Parade
gemacht mit einer Swing-Dixieland Kapelle, und mit dreißig Leuten in verschiedensten
Kostümen, "um den Hamburger Einzelhandel zu stärken". Wir
haben Euroscheine mit Bambule-Sprüchen oder subtileren politischen Parolen
verteilt. Da war die künstlerische Ausdrucksform natürlich sehr wichtig,
um sich in die Innenstadt reinschleusen zu können. Und wir haben so ne
Theatergruppe, mit der spielen wir ein Stück, wo wir die Europa-Politik,
die "Nützlichkeit" von Nicht-Europäern, die reingelassen
werden oder rausfliegen, anhand des alten Griechenlands und des Sklavenmarkts
darstellen. Das ist ein richtiges Straßentheater, wo wir versuchen, die
Leute auf der Straße mit einzubeziehen und trotzdem das, worum es geht,
mit aller Bissigkeit so hart darzustellen, wie es ist.
TERZ: Was ganz anderes: Das Plakat, mit dem für deine Konzerte geworben
wird, erfreut sich in Düsseldorf bemerkenswerterweise auch bei Leuten großer
Beliebtheit, die sonst mit dem Gender-Ding nicht so viel zu tun haben. In dem
Buch "Wissen 3000 - Kritische Theorie" wird es sogar als Beispiel
für Gendercrossing à la Judith Butler genannt. War das so gedacht?
BLH: Natürlich bin ich mir dessen bewusst, was so ein Plakat ausdrückt,
aber ich hab Judith Butler nicht gelesen. Das ist eigentlich ein Single-Cover
zu einem Lied, das eine Adaption ist, von einem Johnny Cash-Song, "A Boy
Named Sue". Bei mir heißt das "Ein Mädchen namens Gerd".
Es ist schon erstaunlich, was dieses Bild ausdrückt
Ich hasse auch diese Stilisierungen wie "Mannweib". Ich hab zehn Jahre
in einer Frauenband gespielt und die einzige Frage, die uns immer gestellt wurde
war, wie fühlst du dich denn als Frau, in einer Band zu spielen? Muß
man sich besonders durchsetzen? Muß man sich doppelt beweisen? All das
ist natürlich jetzt in diesem Bild in ironischer Art und Weise dargestellt.
TERZ: Spielt die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen in
deiner künstlerischen und politischen Arbeit eine Rolle?
BLH: Ja, auf jeden Fall. Die Prozentzahl an Musikerinnen ist immer noch verschwindend
gering. Das ist sehr schade. Ich nehm mir einfach diesen Platz, der mir zusteht,
und ich hab das immer auf eine sehr selbstverständliche Weise getan. Für
andere Frauen ist das nicht so selbstverständlich, dessen bin ich mir bewusst.
Deshalb hab ich immer drauf geachtet, Netzwerke zu bilden, andere Musikerinnen
zu fördern, mit auf Tour zu nehmen
Ich hab auch eine Booking-Agentur
für Frauen gegründet, B.H.- Booking, die hab ich aber jetzt auf Eis
gelegt - dieses Jahr organisiere ich mit acht anderen Frauen zusammen ein viertägiges
feministisches Festival, Ladyfest Hamburg.
TERZ: Großartig! Das letztjährige Festival in Amsterdam war phantastisch.
Wann findet das in Hamburg statt?
BLH: 21.-24. August, und es gibt Informationen unter www.ladyfesthamburg.org.
Da gibt's Musik, nicht nur den üblichen Riot-Grrrl Punkrock, auch Elektronik,
Hip Hop, auch Songschreiberinnen, so was in der Art. Filmemacherinnen, Kunstausstellungen,
Symposien, Workshops. Da sind viele Frauen dran beteiligt, die das organisieren
und ich glaube, das wird richtig groß!
Sagt Bernadette und strahlt. Für Menschen wie sie gab's in den Achtzigern
mal den furchtbaren Begriff "Powerfrau". Wird Zeit, dass mal jemand
einen neuen, passenden erfindet. Denn mit allem, was sie sagt, transportiert
sie eine Message: "Geh raus und tu was!"
Recht hat sie.
"Keine Mittelmäßigkeit, keine Angst vor morgen, keinen Abend
vor der Glotze, keine Altersvorsorge, keine langweilige Scheiße und vor
allem kein Bedauern, dass es früher besser war - denn ich seh den Schmerz
schon lauern!"
INTERVIEW: KRÜMEL
www.terz.org - 25.3.2003