Hallo Terz-Redaktion,

Eure Berichterstattung über "Olympia 2012" gefällt mir außerordentlich gut, zumal Ihr ja so ziemlich die einzigen in der Düsseldorfer Medienlandschaft seid, die diesem wider jede Vernunft durchgepeitschten Schwachsinnsprojekt profunde Kritik entgegensetzen. Auch begrüße ich prinzipiell die Plakataktionen, denn wenn die Kampagne der "unabhängigen" lokalen Medien dazu führt, daß jeder zweite Fleher Blumenbauer seine Primeln in den "Farben unserer Bewerbung" pflanzt, muß einfach eine Gegenöffentlichkeit geschaffen werden.
Allerdings scheint mir der Hintergrund dieser Plakate - wie auch im entsprechenden Artikel in Terz 02/03 dargelegt - in einigen Punkten korrekturbedürftig: Zuerst einmal ist es meiner Meinung nach unzutreffend, die Olympischen Spiele 2012 mit der Nazi-Propagandaveranstaltung von 1936 gleichzusetzen. Es gibt tausend gute Gründe gegen Olympia am Rhein, und unser Bürgermeister ist mit Sicherheit eine Katastrophe, aber man kann ihm beim besten Willen nicht vorwerfen, mit Olympia faschistische Propaganda zu betreiben.
Die Spiele von 1936 wurden im Vorfeld von Hitler als hervorragende Möglichkeit wahrgenommen, für das junge nationalsozialistische Deutschland zu werben. Deswegen beteiligte sich der Staat in vorher noch nie dagewesenem Maße an der Ausrichtung der Spiele, sowohl durch Geld, als auch durch eine Politisierung der Spiele. Viele Traditionen, die wir heute als "olympisch" kennen, rühren in Wirklichkeit von Carl Diem her, dem Hauptorganisator von 1936: Als Beispiele seien hier der Fackellauf mit dem olympischen Feuer angeführt, der bezeichnenderweise von Athen genau durch die Gebiete führte, die von "Volksdeutschen" besiedelt waren, was u.a. in der Tschechoslowakei zu heftigen Protesten führte und auch der nach Nationen gewertete Medaillenspiegel wurde 1936 eingeführt. Daneben zeichnete Diem verantwortlich für ein Rahmenprogramm, das teils aus den Reichsparteitagen ("Lichtdome"), teils aus den NS-Kampfspielen entlehnt war.
Die in Eurem Artikel angesprochene Begeisterung de Coubertins für die Spiele 1936, die er Hitler in einem persönlichen Brief mitgeteilt hat, bedarf auch einer gewissen Relativierung: Zum einen war de Coubertin zu jenem Zeitpunkt schon einige Zeit nicht mehr Vorsitzender des IOC, seine Äußerungen haben also nur noch bedingten Aussagewert für die Haltung des IOC zu Hitler. Zum anderen hat der damalige Präsident des IOC, Graf Henry de Baillet-Latour, Hitler und "sein" Olympia zwar unterstützt und dabei enorme Proteste und Boykottbewegungen geflissentlich ignoriert; auch ist eine gewisse Sympathie für Hitlers Rassismus nicht von der Hand zu weisen, schließlich hatten die führenden Funktionäre des IOC ähnlich großbürgerliche Wurzeln wie auch Teile der NS-Ideologie. Aber was meines Erachtens die helle Begeisterung verursachte, die den Olympischen Spielen 1936 entgegengebracht wurde, war weniger der unterschwellige Rassismus oder die Ausgrenzung der Juden - das nahm man lediglich in Kauf -, sondern eben das ungeheure staatliche finanzielle Engagement, das es in dieser Größenordnung noch nicht gegeben hatte und das im Übrigen auch eine "olympische Tradition" begründete. In diesen monetären Zusammenhang paßt auch die Düsseldorfer Bewerbung; Erwin zu unterstellen, er bereite den "Kampf der Nationen" vor, geht am Ziel vorbei und hilft in der Diskussion nicht weiter.
Die im Artikel geäußerte Kritik an der Person Carl Diems ist in der Sache richtig, allerdings greift sie meiner Meinung nach zu kurz: Neben der zu großen Teilen auf ihn zurückgehenden Politisierung der Spiele sollten auch seine ausgiebigen journalistischen Aktivitäten (z.B. in "Das Reich") Erwähnung finden, ebenso seine Funktionärstätigkeit als "Botschafter" des deutschen Sports im nationalsozialistischen Dachverband. Nach dem Krieg war er nicht nur Gründungsrektor der Deutschen Sporthochschule in Köln, sondern auch in leitender Stellung im NOK und Deutschen Sportbund aktiv, und zudem als Sportreferent für die Bundesregierung tätig.
Dies ist auch deswegen interessant, weil der reibungslose Übergang vom "Dritten Reich" in die BRD typisch für deutsche Sportfunktionäre war, die meistenteils schon ebenso sanft aus der Weimarer Republik in den NS-Staat übergewechselt waren. Das war eben deshalb möglich, weil sie sich ideologisch kaum verändern mußten und das wiederum läßt tief blicken, was Sportpolitik in Deutschland angeht. Anderseits wirklich wundern tut's mich keineswegs ...
In diesem Sinne,
SHLOMO

P.S.: Bei allen Politisierungen durch das NS-Regime: Eines konnte nicht einmal Hitler gegenüber dem IOC durchsetzen, nämlich die Eröffnungsformel in seinem Sinne zu erweitern; das erste Staatsoberhaupt, daß sich dergleichen erlaubte, war kein anderer als George W. Bush 2002!

"Wir wollten alles besser machen,
aber gekommen ist es wie immer."
(Viktor Tschernomyrdin)

www.terz.org - 25.3.2003