Hartz
IV
und die Neonazis
Ende
letzten Jahres leistete sich die ROTE FAHNE der MLPD einen Fauxpas. Sie
setzte
sich kritisch mit antikapitalistischen Bemerkungen eines
Faschistenvereins
namens “Sozialistisches Büro Bernburg” auseinander.
Für die Gruppe “Neue
Einheit”, historischer Erzfeind der MLPD, war es ein gefundenes
Fressen, der
Konkurrenzorganisation die Blödheit vorzuwerfen, gar nicht zu
wissen, wer
hinter dem kritisierten Verein stecke.
Die MLPD
fühlte sich wohl erwischt und löschte laut Auskunft der
Gruppe Neue Einheit
klammheimlich den beanstandeten Artikel aus ihrem Internet-Angebot.
Dass in
Sachen Rechts und Links so manches durcheinander geraten kann,
dafür hat auch
die Oberaufsicht in Sachen political correctness Verständnis. Denn
die Neonazis
“haben übrigens auch alles mögliche schmarotzerhaft von
der Bewegung gegen die
Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze kopiert …” (Internet
Statement 2004-71,
http://www.neue-einheit.com), und gemeint sind wohl Sprüche wie
die Folgenden:
“Mit dem
Verelendungsprogramm ‚HIV’ (Hartz IV) strebt das
liberal-kapitalistische System
nunmehr die schon lange geplante weitere Verbilligung der Ware
Arbeitskraft an.
Die Verwertungsmaschinerie soll laufen und die Lohnarbeiterschaft
optimal
ausgebeutet werden. … Unter Druck kommen dann die noch
bestehenden
Arbeitsplätze. Lohnkürzungen durch
Arbeitszeitverlängerung wird dann der
Regelfall sein, mit dem Ergebnis, daß noch weniger Personal
gebraucht wird. …
Der Kündigungsschutz wird ausgehebelt und Lohndumping macht sich
breit. …
Diejenigen, für die es dann in der kapitalistischen
Verwertungsmaschinerie
immer noch kein Platz gibt, müssen dann für den Wert einer
Bockwurst
‚gemeinnützig’ arbeiten. Diejenigen, die einen Partner
haben, der noch
tariflich beschäftigt ist, werden ebenso überhaupt nichts
bekommen, wie
diejenigen, die sich etwas ‚Vermögen’ mühsam
angespart haben. 100.000
Arbeitslose werden ihre Wohnungen aufgeben müssen, und in Ghettos
mit unterstem
sozialen Standard ziehen müssen.”
(Internetseiten
der NPD)
Was
wollen
die Neonazis?
Mit der
Akronymisierung des Begriffes “Hartz IV” in
“HIV” stellt die NPD klar, was sie
zu kritisieren hat. Wie eine Seuche befallen die regierungsamtlichen
Maßnahmen
den deutschen Volkskörper. Anstatt ihn für den großen
nationalen Aufstieg in
die Pflicht zu nehmen, lassen verantwortungslose Politiker ihr
Fußvolk
verloddern. Auch in die andere Richtung gibt es Schelte. Das nationale
Kapital
benimmt sich nicht anständig. Es trägt den Vornamen
“liberal”, und das heißt,
es macht, was es will. Es wandert ab ins Ausland oder holt sich billige
polnische Arbeitskräfte, während die deutschen Volksgenossen
in “Ghettos mit
unterstem sozialen Standard” vegetieren müssen.
Die
Schlussfolgerung der Neonazis entspricht ihrer Analyse. Deutschland ist
das
Opfer der demokratischen “Systemparteien”, denen von Seiten
des Volkes die
Gefolgschaft aufgekündigt werden muss. Das Ziel ist die
ausländerfreie Republik
mit einem Kapital, das nur den deutschen Interessen gegenüber
verpflichtet ist.
Die
wütenden Angriffe der Neonazis gegen die pflichtvergessenen
Politiker werden
mit dem Ruf nach einem Verbot beantwortet. Denn zu einer inhaltlichen
Auseinandersetzung sind die Volksvertreter kaum in der Lage, weil sich
die
Zielsetzung der streitenden Positionen kaum unterscheidet. Beiden liegt
das
Wohl der Nation am Herzen. Während die Nazis darauf beharren, dass
Arbeitslosigkeit und Verelendung dem nationalen Interesse schaden,
halten
CDSU/FDP/SPD/GRÜNE an der Funktionalität der Armut für
das nationale
Wirtschaftswachstum fest. Während die Nazis die
Auslandsaktivitäten des
deutschen Kapitals kritisieren, wissen die Regierungspolitiker, dass
dem
erfolgreichen Global Player die Welt gehört. Während die
Nazis die Grenze nach
Polen dicht machen wollen, beweisen die amtierenden Politiker, wie
billigste
Arbeitskraft aus dem Osten die internationale Konkurrenzfähigkeit
des deutschen
Kapitals befördert.
Neonazis
und die
Anti-Hartz IV-Kampagne
Die
Initiatoren des Anti-Hartz IV-Protestes sind sich einig, dass die Nazis
auf
ihren Veranstaltungen nichts zu suchen haben. Sie vermuten, die Nazis
tarnten
sich geschickt mit linken Parolen, um Sympathisanten aus dem
gegnerischen Lager
zu sich herüberzulocken. Eine ziemlich abwegige Theorie. Welcher
linke
Demonstrant sollte sich durch eine “braune
Chamäleon-Taktik” für die genau
entgegen gesetzte rechte Seite gewinnen lassen?
Vielmehr
liegt die Vermutung nahe, dass trotz aller Bekenntnisse gegen die
Glatzen mit
Springerstiefeln es eine inhaltliche Übereinstimmung in der
Begründung der
Forderungen gegen Hartz IV gibt:
1.
Vernichtung von Massenkaufkraft (alle)
Wenn der
linke Protest den Verlust von Massenkaufkraft beklagt, beurteilt er die
Verarmung der Bevölkerung vom Standpunkt derer, die den
ausgezahlten Lohn
als ihre Einkommensquelle betrachten.
Seine Sorge gilt also dem Funktionieren der Volkswirtschaft, die unter
der
mangelnden Kaufkraft zu leiden habe. Karstadt, Kaufhof und Aldi freuen
sich
tatsächlich, wenn das sauer verdiente Geld bei ihnen landet.
Dennoch setzen sie
im Kampf um Marktbeherrschung eher auf ruinöse Konkurrenz, bei der
die mies
bezahlte Arbeitskraft das adäquate Mittel zur Kostenreduktion ist,
als auf gute
Bezahlung der eigenen Mitarbeiter, die ihre Knete womöglich noch
bei der
billigeren Konkurrenz verschleudern.
Zwar ist
der Hinweis auf die “Vernichtung der Massenkaufkraft” bei
den linken
Protestanten der hilflose Ausdruck der vermeintlichen Tatsache, dass
sie selbst
kein Mittel zur Durchsetzung von Forderungen haben, trotzdem treffen
sich hier
Links und Rechts. Denn Letztere kritisieren in gleicher Weise den
Verlust von
Massenkaufkraft, nur geht es ihnen weniger um das Wohl des Einzelnen,
als
vielmehr um das, was die Klage eigentlich besagt: das Wohl der
nationalen Wirtschaft.
2.
Asozialmaßnahmen (DVU), auf gut PDS:
“Destabilisierungstendenzen”
Auch hier
ist der Standpunkt der Protestanten interessant. Weniger
Mangelernährung,
Verwahrlosung, Alkoholismus innerhalb der verarmten Bevölkerung
werden hier zum
Skandal gemacht, vielmehr sind es die polizeistaatlichen
Probleme, denen die interessierte Sorge gilt.
Für einen Nazi selbstverständlich. Aber auch für einen
Linken?
3.
Verlust
von Menschenwürde, Demütigung (PDS, Attac, NPD)
Das
größte
Verdienst war für Nazis schon immer, auf dem Feld der Ehre das
Leben für das
Vaterland auszuhauchen. Dafür gab es den schönsten
Trommelwirbel und das
ergreifende Liedchen “Ich hatte einen Kameraden”, und alles
mit Pechfackeln
garniert. Niemandem – auch nicht der Religion – gelang die
Trennung zwischen
materieller Existenz und menschlicher Ehre so perfekt wie den Nazis.
Denn wenn
schon die Zerstörung des Lebens angesagt ist, scheint sie
aushaltbar zu sein,
wenn ein höherer Sinn darin entdeckt wird.
Nun wird
beklagt, Hartz IV kratze an der Würde des Betroffenen. Wenn das
nicht zum
Eigentor für die Herrschenden wird und der gedemütigte
Charakter nach Erfurter
Rezeptur den wilden Mann, die wilde Frau markiert!
Fazit
Weil die
Protestanten ahnen, dass ihr Interesse an einem halbwegs
vernünftigen Leben
gesellschaftlich nicht anerkannt ist und sogar im Widerspruch zu den
gültigen
Maximen steht, formulieren sie ihren Protest als ein vermeintliches
Anliegen
von Staat und Kapital. Dem Staat wird vorgerechnet, was er sich mit
seinem
Verarmungsprogramm alles einhandelt. Die reaktionären Proteste der
Kommunen*
werden vereinnahmt und selbst Bedenken der Unternehmer*, wenn eine
Mehrbelastung der Bundesagentur für Arbeit angesagt ist –
denn hier geht es um
die leidigen Lohnnebenkosten –, werden mit ins Repertoire des
Protestes
aufgenommen. Dass bei so vielen staatsbürgerlichen Anliegen die
Faschisten mit
ins Boot springen wollen, darf nicht verwundern. Der untertänige
Protest, der
um die Vernutzung der Arbeitskraft für die
Verwertungsbedürfnisse des
Kapitals bettelt und die schlechte Behandlung durch die Obrigkeit
beklagt,
findet seine Ergänzung im Angebot der Nazis, das dem deutschen
Volksgenossen
seinen festen Platz an der Arbeits- und Kriegsfront verspricht.
Für den
Lohnarbeiter als abhängige Variable des Geschäftserfolgs des
Kapitals ist der
Kampf ums Überleben eine ebenso notwendige wie auch wenig
einträgliche
Angelegenheit. Dabei schmälert jedes Arrangement mit Staat und
Kapital die
Erfolgsaussichten.
Henrici
*
vgl.
Flugblatt vom Anti-Hartz-Bündnis NRW “Hier ist der Hebel,
mit dem wir Hartz IV
kippen!”
(http://www.anti-hartz-buendnis-nrw.de)
www.terz.org - 31.03.2005