Da
will ich
nicht begraben sein...
In Rath
soll eine Wohneinrichtung der Diakonie für 24 sog. mehrfach
beeinträchtigte,
abhängige Menschen entstehen. Ein fachlich notwendiges und
unstrittiges Projekt
für seelisch Behinderte mit einer zusätzlichen
Suchterkrankung. Es handelt sich
dabei meist um vormals wohnungslose Alkoholiker nach einer Entgiftung
und
Therapie. Aufgrund ihrer massiven psychischen Probleme wären diese
Personen in
den üblichen Wohnungslosenhilfeeinrichtungen nicht optimal
aufgehoben, da ein
höherer Betreuungsaufwand notwendig ist. Hierfür sind 15
Vollzeitstellen für
Pflegepersonal vorgesehen.
Genau
dieses wollen einige RatherInnen aber nicht. Angeführt von den
Geschäftsinhabern von Modehaus Hacke, Möbel-Kienen, Papeterie
Schmitz und
Schuh-Sonderfeld auf der Westfalenstraße wurden 4000
Unterschriften gegen die
Einrichtung gesammelt.
Am 17.2.
stellte die Diakonie dieses Projekt in ihrem Rather Gemeindesaal vor
über 300
versammelten BürgerInnen vor. Dass die Stimmung im
überfüllten Saal so ätzend
wurde, verschlug selbst dem sonst immer smarten, ehemaligen
“Pop-Priester aus
der Johanneskirche”, Diakonievorstand Pfarrer Thorsten Nolting,
seine stets auf
Ausgleich gepolte Sprache.
Beschworen
wurde ein Horrorszenario von gewalttätigen,
kinderschändenden,
spritzenwerfenden Drogenzombies, die jetzt über Rath
hereinbrechen. Auch der
durch Polizeivertreter unterstützte Hinweis auf völlig
unspektakuläre
Erfahrungen mit ähnlichen Einrichtungen der Diakonie,
beispielsweise in
Niederkassel, konnte die Stimmung nicht kippen. Während der offen
aggressive
Teil der RatherInnen gegen die “bekloppten Drogendealer”
hetzte, verstand der
andere Teil der RatherInnen seine eigenen Nachbarn nicht mehr. Etlichen
war das
Entsetzen über eine dermaßen unangemessene Hysterie ins
Gesicht geschrieben.
Natürlich
ist Rath ein Stadtteil mit etlichen sozialen Problemen, hoher
Arbeitslosigkeit,
niedergehendem Einzelhandel und der höchsten Dichte von
städtischen
Wohnungslosenhilfeeinrichtungen. Während Innenstadt, Hafen und
Arena eine
attraktive Spielwiese für die städtische Politik darstellen
und Geld dort keine
Rolle spielt, liegt Rath tatsächlich am politischen Arsch von
Düsseldorf
(anders ist das schon wieder im schicken Oberrath, wo unser aller OB
wohnt
...).
Was hier
als Bedrohungsszenario durchaus erfolgreich, d.h. für viele
Anwohner
überzeugend, von einigen Einzelhändlern inszeniert wurde, ist
das Treten nach
unten, auf die ehedem Schwächsten. Als Anziehungspunkt für
Kriminalität ist
jede neue Kneipe oder jedes Büdchen wohl gefährlicher als
eine derart gut
betreute Behinderteneinrichtung. Was einige RatherInnen
wollen, ist eine
große Mauer gegen alles von außen, weil es ja innen schon
schlimm genug ist.
Dass auch eine solche sie nicht dem Platz an der Sonne näher
bringt, haben sie
noch nicht verstanden. Vielleicht sollte man ihnen zum Anfang mal
Nachhilfe
z.B. in Oberbilk geben. Da fordern die BewohnerInnen gegen die
Auswüchse der
Drogenszene mittlerweile Hilfeeinrichtungen für Abhängige,
weil sie an
Repression und Vertreibung nicht mehr
glauben. Danach könnte mal einer nach Rath gehen und
erklären, dass Gesellschaften
bzw. Wirtschaftssysteme, die allein auf größtmöglichen
Profit für wenige
setzen, notwendigerweise soziale Probleme verursachen müssen, und
dass dies
natürlich nicht immer so sein muss, und dass man genau dagegen was
tun könnte
...
www.terz.org - 31.03.2005