“Die
Uniformen und Waffen flogen in die Ecke, und jeder bemühte sich um
ein ziviles
Aussehen”
Fahnenflucht
in Düsseldorf bei Kriegsende
Im Januar
1945 standen die alliierten Truppen entlang der Maas von Nijmwegen bis
zur
Eifel zur Offensive auf den Rhein bereit. Im Februar griffen Briten und
Kanadier von Norden und die US-Streitkräfte von Süden her in
einer
Zangenbewegung den Niederrhein an. Bereits in der Nacht vom 1. auf den
2. März
1945 konnte kampferprobte US-Infanterie, trotz schwacher Gegenwehr
durch den
Volkssturm, Neuss befreien und dort erstmals den Rhein erreichen. Schon
am
nächsten Tag konnte Oberkassel befreit werden.
Allerdings
wurde vor den Augen der Amerikaner die Oberkasseler Brücke, und
damit der
letzte hier in der Gegend noch passierbare Rhein-Übergang, in die
Luft
gesprengt. Die Befreiung Düsseldorfs wurde dadurch um mehrere
Wochen verzögert,
was hunderten Menschen noch das Leben kosten sollte. Trotz der Einnahme
des am
7. März unerwartet eroberten Brückenkopfes bei Remagen,
warteten die
anglo-amerikanischen Verbände bis zum 23. März, bevor sie den
Rhein
überquerten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nazis unter Gauleiter
Florian
bereits beschlossen, dass Düsseldorf die letzte Festung im
Ruhrkessel werden
sollte. Die Stadt sollte bis zum Letzten “verteidigt”, und
dann kurz vor der
Einnahme durch die Alliierten dem Erdboden gleichgemacht werden. Unter
dem
Befehl des Polizei-Oberstleutnants Brumshagen standen sieben Kompanien,
die in
der der Wehrmacht unterstehenden “Kampfgruppe Brumshagen”,
zusammengefasst
waren. Als kampfkräftig und gut ausgerüstet waren allein 500
SS-Leute
anzusehen. Insgesamt befanden sich in Düsseldorf neben diesen
SS-Leuten nur
rund 5.000 Soldaten, wovon allein die Hälfte auf Mitglieder des
Sicherheitshilfsdienstes entfiel. Hinzu kamen 2.000 schlecht bewaffnete
und
ausgebildete Hilfspolizisten.1
Vor allem
zahlreiche ältere Männer und Jugendliche, die noch zum
Volkssturm oder zur
Wehrmacht eingezogen werden sollten, verspürten aber
überhaupt keine Lust
darauf, noch im letzten Augenblick zu fallen. Zwar lag den Desertionen
in der
Regel weniger der Wille zugrunde den Nationalsozialismus zu beseitigen,
als
vielmehr die eigene Haut zu retten. Allerdings dürfte das
massenhafte
Desertieren entscheidend dazu beigetragen haben, dass die Pläne
der Nazis,
Düsseldorf als “Festungsstadt” mit sich in den
Untergang zu reißen, nicht
aufgegangen sind.
Zeitzeugenaussagen
erwecken den Eindruck, dass es sich durchaus um ein Massenphänomen
gehandelt
haben muss: “Ich weiß, dass in den letzten Tagen des
Krieges sehr viele
Soldaten in die Stadt kamen und nach Zivilkleidern fragten”
berichtet Frau
Eva-Maria Schablowsky.2 Bei Familie Baumöller in Oberbilk
hielten sich
gleich mehrere Fahnenflüchtige gleichzeitig versteckt, und
warteten dort das
Kriegsende ab. Peter Baumöller war als Jugendlicher bei einem
Tieffliegerangriff in der Nähe von Waldbröhl desertiert und
nach Düsseldorf
zurückgekehrt. Er berichtet: “Endlich kam ich auf der
Schmiedestraße 17 an, wo
mich mein Vater und mein Onkel freudig in die Arme schlossen. Die
beiden waren
gewissermaßen auch Deserteure, denn sie hatten sich dem
Volkssturm entzogen.
Auf unserem großen Hof auf der Schmiedestraße sind in den
nächsten Tagen noch
viele Soldaten demobilisiert und zivilisiert worden. Die Uniformen und
Waffen
flogen in die Ecke, und jeder bemühte sich um ein ziviles
Aussehen”.3
Das
Vorgehen der Deserteure war dabei durchaus unterschiedlich. Eher
vorsichtig und
zurückhaltend verhielt sich der Ehemann von Frau Anneliese Josten:
“Jeden Abend
haben wir die Uniform von meinem Mann an einer Kordel in die
Trümmer
hinuntergelassen. Wenn der Amerikaner nachts gekommen wäre, so
wäre mein Mann
eben ein Zivilist gewesen. Morgens musste er die Uniform wieder
anziehen. Er
durfte aber nicht aus dem Haus, er durfte sich nirgendwo sehen
lassen.”4
Völlig anders verhielt sich Hans-Otto V., der als 16-jähriger
zur Wehrmacht
eingezogen, aber desertiert und untergetaucht war. Er bewegte sich mit
der
größten Selbstverständlichkeit auf der Straße und
ging damit ein nicht zu
unterschätzendes Risiko ein. Er berichtet: “Einmal begegnete
ich unserem
stellvertretenden Ortsgruppenleiter. ,Halt! Stehen bleiben!’ rief
er. Er sagte
mir, dass ich wegen Fahnenflucht gesucht würde, ich wüsste
doch wohl, dass
darauf die Todesstrafe stünde. Da sagte ich zu ihm: ,Herr K.! Sie
wissen
genauso gut wie ich: Der Krieg ist verloren, jedes weitere Opfer ist
sinnlos.
Warum wollen Sie noch in den letzten Tagen Ihr Gewissen belasten, indem
Sie
melden, dass sie mich gesehen haben? Aber ich sag ihnen: Wenn meinen
Eltern
auch nur irgendwelche Repressalien drohen sollten, weil ich mich nicht
stelle,
dann werde ich sie nach dem Krieg dafür verantwortlich machen. Ich
werde kein
Pardon kennen, merken sie sich das!’”5 Aus Angst,
nach dem Krieg zur
Rechenschaft gezogen zu werden, behielt der Nazi-Funktionär sein
Wissen für
sich, und verhielt sich ruhig. Auch andere Deserteure oder ihre
Angehörigen
stellten sich offensiv den Nazi-Machthabern entgegen, und waren zum
Teil sogar
bereit, sich bewaffnet gegen eine Festnahme zur Wehr zu setzen. Der
Bruder von
Helene Peltret war bereits Ende 1944 von einer Zugbegleitung nach
Euskirchen
desertiert und erst im Harz und dann bei Freunden in Weimar
untergetaucht. Seit
der Fahnenflucht ihres Bruders bekam die Familie häufiger
“Besuch” von einer
Heeresstreife. Frau Peltret erinnert sich: “Kurz vor Kriegsende
wurde mein
Bruder in Weimar verhaftet. In Erfurt hatte man ihn inhaftiert. Von
hier aus
konnte er jedoch flüchten. Eines Abends hörte mein Vater von
draußen den
bekannten Pfeifruf. Er wunderte sich, da außer ihm und meinem
Bruder keiner
etwas von dem Signal wusste. In einem Torbogen stand mein Bruder. Durch
seine
Flucht entging er der bereits ausgesprochenen Todesstrafe. Drei Mann
aus dem
Gefängnis hatten ihm zur Flucht verholfen. (...) Bei uns konnte er
nicht
bleiben. Bei einem Freund, der in der Benzenbergstraße wohnte,
tauchte er
unter. Trotz des Beschusses der Amerikaner brachten wir zwei bis drei
Mal die
Woche Essen zur Benzenbergstraße. Hin und wieder besuchte er uns.
Mein Vater
hatte sich zwischenzeitlich eine Waffe besorgt. Sollte es zu einer
Razzia
kommen, während der mein Bruder zufällig bei uns zu Hause
war, wollte er von der
Schusswaffe Gebrauch machen.”6
Die
Tätigkeit der Heeresstreifen bestand darin, Straßen- und
Verkehrskontrollen
durchzuführen, um Deserteure aufzuspüren. Durch das
Standgericht der
“Kampfgruppe Brumshagen” unter Vorsitz eines gewissen Major
Peiper wurden im
Polizeipräsidium und in der zur Kaserne umgewandelten Schule an
der
Färberstraße zahlreiche Todesurteile ausgesprochen und auch
vollstreckt.7
Seit einem Aufruf des Düsseldorfer Kampfkommandanten vom 12.
März 1945, der in
der Tagespresse erschienen war, wurde mit aller Härte gegen
Deserteure
vorgegangen. Darin hieß es, dass sich alle
“Versprengten” bis zum 16.3.1945
beim nächsten erreichbaren Truppenteil zu melden hätten,
andernfalls würden sie
als Fahnenflüchtige behandelt werden. Weiter wurde in dem Aufruf
festgestellt,
dass auch diejenigen die nach dem 16. wissentlich oder nicht
“Versprengte”
versteckten, mit Todesstrafe zu rechnen hätten.8 Zur
Abschreckung wurden
zehn Tage später zwei Standgerichtsurteile gegen die zum Tode
verurteilten
Deserteure Josef Funk und Hans Precht in der Zeitung
veröffentlicht.9
Am besten
überliefert ist die Tätigkeit der “Heeresstreife
Hauptmann Kaiser”, weil gegen
einige ihrer Mitglieder nach der Befreiung wegen der Ermordung des
Juden Moritz
Sommer ermittelt wurde. Sommer war es gelungen, sich bis kurz vor
Kriegsende
versteckt zu halten, war dann aber von der Heeresstreife entdeckt und
am
Oberbilker Markt gehenkt worden.
Ihre
Tätigkeit nahm die in einer Stärke von drei bis fünfzehn
Mann schwankende
“Heeresstreife Kaiser” am 8. März 1945 auf. Ein Raum
in der Benderstraße 80 in
Düsseldorf-Gerresheim wurde beschlagnahmt, und diente fortan als
Dienststelle
und Verhörzentrum.10
Die
“Heeresstreife Kaiser” zeichnet für zahlreiche Morde
an Fahnenflüchtigen und
Zivilisten verantwortlich. Einige Fälle sollen beispielhaft hier
aufgeführt
werden. So wurde etwa ein 17-jähriger, obwohl er bei seiner
Einheit als krank
abgemeldet war, und dort Bescheid gegeben hatte, dass er sich bei
seiner
Familie aufhält, dort von der Heeresstreife abgeholt. Der
Feldwebel Stender
befand, dass der Jugendliche gesund sei, und befahl ihm sich anzuziehen
und
mitzukommen. Am 13.3.1945 erhielten seine Eltern ein Schreiben des
Standgerichtes der “Kampfgruppe Brumshagen”, dass ihr Sohn
zum Tode verurteilt,
und das Urteil bereits vollstreckt worden sei.11
Ein
Marinesoldat, der sich nach einer Verwundung bei seiner Mutter auf der
Konkordiastraße 103 auf Urlaub befand, hatte sich nach dessen
Ende nicht bei
seinem Truppenteil zurückgemeldet, und auf dem Dachboden
versteckt. Dort wurde
er von einem Kommando der “Heeresstreife Kaiser” gefunden.
Der Mutter, die
darum bat, ihren Sohn etwas Warmes anziehen zu lassen, wurde
geantwortet: “Ihr
Junge kriegt einen Frack und Zylinder an, weiter braucht er
nichts”. Am 9.3.1945
wurde der Deserteur ebenfalls vom Standgericht der “Kampfgruppe
Brumshagen” zum
Tode verurteilt, und das Urteil am gleichen Tag vollstreckt.12
Ostern 1945
wurde von der Heeresstreife eine Razzia in Oberbilk durchgeführt,
die
hauptsächlich zum Ziel hatte, die beiden Fahnenflüchtigen W.
und S. zu
verhaften. Der Deserteur W. hatte sich im Keller der Ehefrau von S. auf
der
Velberterstraße 10 versteckt, während S. selbst sich in den
Häusern auf der
Bandelstraße verborgen hielt. W. war bereits mehrfach
festgenommen worden und
wieder geflüchtet. So war er schon einmal einer Heeresstreife in
Wersten
entkommen, am 26. März aber erneut gefasst und in die Flak-Kaserne
nach
Hubbelrath gebracht worden. Von dort entkam er aber zusammen mit
anderen
Deserteuren durch die Hilfe von Frau S., der es gelungen war,
Sägen in die
Zelle der Fahnenflüchtigen zu schmuggeln. Bei der Razzia in
Oberbilk nahm die
“Heeresstreife Kaiser” sowohl S. als auch W. fest. Unter
dem Vorwand, die
Verstecke weiterer Deserteure zu verraten, gelang es W. aber, sich von
der
Heeresstreife wieder in die Velberterstraße fahren zu lassen, wo
er wiederum
die Flucht ergriff, und in die Trümmer entweichen konnte.
Stattdessen nahm die
Heeresstreife nun Frau S. fest, die im Verhör zugab, die Wachen
der Flak-Kaserne
in Hubbelrath mit Schnaps und Zigaretten traktiert und W. zur Flucht
verholfen
zu haben. Die Eheleute S. wurden beide in Landwehr bei Wuppertal, dem
Sitz
eines Standgerichtes, erschossen.13
Aber von
der “Heeresstreife Kaiser” wurden nicht nur Menschen den
Standgerichten
ausgeliefert, auch ohne ein solches Urteil nahm sie direkt
Erschießungen vor.
Am 11.4.1945 war in der Oberbilker Allee 284 ein Deserteur verhaftet
worden. Am
Nachmittag erschien dort erneut ein Kommando der Heeresstreife, da eine
Frau im
Verdacht stand, dem Deserteur bewusst Obdach gewährt zu haben.
Sehr höflich und
unter Scherzen und Lachen wurde der Frau erklärt, sie müsse
mal für ein halbes
Stündchen mitkommen. Ein Unteroffizier half ihr in den Mantel,
reichte ihr den
Arm und geleitete sie hinaus. Am nächsten Morgen wurde die Frau im
Eller-Forst
in der Nähe der Gaststätte “Waldschänke”
gefunden. Sie hatte einen Durchschuss
durch den Hals vom Genick nach vorne und schrie um Hilfe. Der Frau, die
sie
fand, erzählte sie, sie sei am Morgen in den Wald gefahren und
niedergeschossen
worden, da sie einem Deserteur geholfen habe. Die Schwerverletzte
wurde in das
Restaurant “Waldschänke” gebracht und dort auf einen
Tisch gelegt. Da erschien
ein Wehrmachtswagen der Heeresstreife, und zwei Uniformierte nahmen die
übel
zugerichtete Frau wieder mit, die seitdem verschwunden blieb.14
Am 17.
April 1945 konnte Düsseldorf praktisch kampflos von den
Amerikanern eingenommen
werden.
Geschichtswerkstatt
“Zeitmaschine”
(Gekürzter
Nachdruck aus TERZ 4/1995)
1
Görgen, Hans-Peter, Düsseldorf und der
Nationalsozialismus, Düsseldorf 1969, S. 234.
2
Landeshauptstadt Düsseldorf (Hg.),
Einzelschicksale und Erlebnisse. Bd. II. Moritz Sommer, Düsseldorf
1986, S. 37.
3
”Es ist auf jeden Fall das Klügste, sich dem
Militär zu entziehen”, in: TERZ,
Juni
1992,
S. 28. Die Autobiographie von Peter Baumöller, “Es war nicht
alles für die
Katz”, ist über die TERZ erhältlich.
4
Landeshauptstadt Düsseldorf (Hg.),
Einzelschicksale. Bd. II, S. 39.
5
Kussmann, Andreas, Sieben Wochen in der Front
Kriegsende in Düsseldorf, in: Stadtmuseum Düsseldorf (Hg.),
1946. Neuanfang:
Leben in Düsseldorf, Düsseldorf 1986, S. 25.
6
Landeshauptstadt Düsseldorf (Hg.),
Einzelschicksale. Bd. II, S. 51 f.
7
Kussmann,
Sieben Wochen, S. 26.
8
“Es gibt
keine ‘Versprengten’ mehr!”, in: Rheinische
Landeszeitung vom 13.3.1945.
9
Standgerichtsurteile, in: Rheinische
Landeszeitung vom 23.3.1945.f
10
Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher
Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen
1945-1966, Bd. l,
Amsterdam 1969, S. 558.
11
Ebd.,
Bd. l, S. 563.
12
Ebd., S.
564.
13
Ebd., S.
561 f.
14
Ebd., S.
574 f
www.terz.org - 31.03.2005