Seit über 150 Tagen streiken über achtzig der 120 MitarbeiterInnen der Catering-Firma Gate Gourmet am Düsseldorfer Flughafen.
Terz führte das Interview mit Ulrich Kappner, neu gewählter Betriebsrat bei Gate Gourmet.
In den Wintermonaten profitierte Gate Gourmet gleich doppelt gegenüber den Streikenden. Erstens ist dies die Saison mit dem geringsten Flugverkehr. Problemlos konnten Arbeitskräfte von anderen Gate-Gourmet-Standorten als StreikbrecherInnen eingesetzt werden. Die überaus kalten Temperaturen bescherten dem Management zum Zweiten eine kostenlose Kühlkette. Die LKWs konnten Stunden vor der Beladung der Flugzeuge aufs Rollfeld gefahren werden. Wenn's wärmer wird, ist dies aus hygienischen Gründen nicht mehr möglich.
Der Streik tritt erst jetzt in seine entscheidende Phase. Wird Gate Gourmet es bei ansteigendem Reiseaufkommen schaffen, den Streik wie bisher durch StreikbrecherInnen und das wohlwollende Mitwirken der LTU zu unterlaufen? Die Unverfrorenheit der Texas Pacific Group als Besitzerin des Cafeteria-Unternehmens, die diktatorisch auf der drastischen Kostensenkung beharrt und schon zwei in Tarifverhandlungen gefundene Kompromisse wieder platzen ließ, stützt sich darauf, dass der Flugverkehr reibungslos weiterläuft.
Gate Gourmet geht alle an!
Und noch etwas hat sich verändert. In den ersten Monaten war der Streik bei Gate Gourmet nur ein kleiner, exotisch wirkender Streik. Durch viele Veranstaltungen, auf denen die Streikenden sehr konkret von ihren Erfahrungen berichtet haben, ist aber zunehmend bekannt geworden, dass es hier um eine grundsätzliche Auseinandersetzung geht. Nicht um irgendeinen kleinen Cateringbetrieb, sondern um die Politik des internationalen Kapitals, das hier in Gestalt der Texas Pacific Group - derselbe Investmentfonds, der schon bei Grohe aufgeräumt hat - exemplarisch den "modernen Kapitalismus" vorführt. Mit Hilfe von McKinsey wurden die Arbeitsabläufe in extremer Weise verdichtet, die Flexibilität so weit gesteigert, dass den Beschäftigten ihr soziales Leben zerstört wird.
Mittlerweile verstehen viele andere Gewerkschafter und UnterstützerInnen, dass hier die generelle Frage zur Debatte steht, ob wir uns ohnmächtig den Diktaten oder sog. "Sachzwängen" des globalen Kapitals zu beugen haben - oder ob wir es grundsätzlich in Frage stellen müssen. Das heißt auch, dass der bisherige sozialpartnerschaftliche und legalistische Rahmen gewerkschaftlicher Tarifpolitik auf diese Fragen keine Antwort weiß. Dem Streik bei Gate Gourmet kommt es zugute, dass selbst beim Streik im öffentlichen Dienst heute ähnliche Erfahrungen gemacht werden. Der Einsatz von Leiharbeitern und 1-Euro-Jobbern als Streikbrecher wird auch hier zunehmend normal. Streiks als Rituale, in denen sich beide Seiten nicht ernsthaft weh tun wollen, gehen heute ins Leere. Arbeitskämpfe werden zwangsläufig wieder zu Machtkämpfen.
Streik als Emanzipation und Selbsttätigkeit
Sie lassen sich nicht als Stellvertreterpolitik führen, sondern nur, wenn die streikenden ArbeiterInnen ihre Sache in die eigene Hand nehmen. Auch in dieser Hinsicht ist der Streik am Düsseldorfer Flughafen exemplarisch. Kontakte zu anderen Belegschaften wie zu AEG oder streikenden verdi-KollegInnen, Veranstaltungen, Pressearbeit und Entscheidungen über die weitere Streiktaktik knüpfen die Beschäftigten selbst. Die Wahl des neuen Betriebsrats hat gezeigt, dass die Aktivisten im Streik auch die Unterstützung ihrer KollegInnen haben. Hier wird viel zusammen diskutiert und miteinander organisiert - mit klarem Blick auf die internationale Dimension des Konflikts.
Jüngstes Beispiel: Am 24. und 25. März besuchte eine Delegation der Streikenden zusammen mit UnterstützerInnen die Gate-Gourmet-Beschäftigten in London, überwiegend asiatische Frauen, die immer noch gegen ihre Massenentlassung im August letzten Jahres kämpfen. Zusammen mit ihnen protestierten sie vor dem europäischen Sitz der Texas Pacific in London und beteiligten sich an der Demonstration im Stadtteil Hounslow in Flughafennähe (weitere Infos dazu auf www.gg-streik.net).
Der Solidaritätskreis ruft für den Samstag, 8. April, anlässlich des halbjährigen Andauern des Streiks zu einem globalen Aktionstag auf, unter dem Motto "Gegen den Terror der Arbeit und das Diktat des Geldes". Der Aufruf wurde ins Türkische, Englische, Spanische und Französische übersetzt und international verbreitet. Denn Gate Gourmet ist an über 100 Standorten präsent - in der Türkei wie in Lateinamerika, in Asien, den USA und den meisten europäischen Ländern. Es wird Zeit, dass wir der Globalität des kapitalistischen Angriffs unsere eigene, subversive Globalisierung entgegen setzen. Gate Gourmet und Texas Pacific könnten exemplarische Bedeutung dafür bekommen.
Der Solidaritätskreis trifft sich weiterhin jeden Mittwoch um 19.30 Uhr im Linken Zentrum, Hinterhof, Corneliusstr. 108, Düsseldorf,
und ist über die mail-Adresse info[at]gg-streik.net zu erreichen. Aktuelle Informationen auf
www.gg-streik.net