Unter dem Aufruf "Stoppt den Vernichtungskrieg in Palästina" rief ein sog. Bündnis "Solidarität mit Palästina" am 13. April zur Demo in Düsseldorf, die mit ca. 5000 Teilnehmer/innen zu den drei bundesweit größten Demonstrationen dieser Tage anwuchs. Tragender Tenor der Parolen dieses Aufmarsches war offener Antisemitismus.
Seit jeher dient der Nahost-Konflikt in Deutschland als Projektionsfolie für
die Relativierung der Shoah und die "Normalisierung" deutscher Geschichte.
Die katastrophale Politik Sharons dient daher in Deutschland auch als geradezu
willkommener Anlass, um deutschem Militarismus in Verknüpfung mit einer
"Entsorgung der Vergangenheit" die moralische Legitimität zu
verleihen: Der Kanzler denkt laut nach über deutsche Truppen in Israel,
der nationalliberale Bundeswehr-Fallschirmspringer mit Schnauzbart ruft offen
auf zum antiisraelischen Guerilla-Krieg und von links bis rechts im deutschen
Bundestag drängt es die Abgeordneten, nun endlich mal - "auch und
gerade als Deutsche" - den Israelis und den Juden insgesamt ordentlich
den Marsch blasen zu "dürfen". Doch die Walserisierung der Republik
erfasst auch ihre außerparlamentarischen Ränder. Hierbei scheint
es allerdings nicht um das durchaus berechtigte und notwendige Bemühen
zu gehen, einen Beitrag für die Eindämmung von Militarismus, Gewalt
und Mord zu leisten. Von rechtsaußen bis hinein in die Gefilde der schon
tot geglaubten antizionistischen Linken feiert die Symbiose aus Zionisten- und
Judenhass eine erschreckende Renaissance. Das Gespenst des Antisemitismus geht
wieder um in Deutschland und Europa; der Nahost-Konflikt wird instrumentalisiert
für die scheinbare Legitimität jüdischer Grabschändungen,
Anschläge auf jüdische Gotteshäuser und Gedenkstätten sowie
gewalttätige Übergriffe auf hier lebende Juden, die für die israelische
Militärpolitik real etwa so verantwortlich sind wie für die Pest,
die Globalisierung, schlechte Spargelernte oder Ritualmord.
Während für den Neonazismus das Phantasma von der jüdischen Weltherrschaft
und die Bestialisierung der Juden als "Feinde freier Völker"
konstitutiv ist, vollzieht sich in Teilen der Linken die Wiederkehr von sich
antizionistisch/antiimperialistisch gerierenden antisemitischen Stereotypen
als reflexhafte Regression in alte manichäische Weltbilder jenseits historischer
Erkenntnisse und Erfahrungen: Bar jeder Erinnerung an die breit diskutierten
Fallstricke eines linken Antizionismus in Deutschland werden angesichts der
israelischen Militärpolitik die alten Feindbilder aus der Mottenkiste des
befreiungsnationalistischen Antiimperialismus ausgepackt. Im Unterschied jedoch
zu den schon länger zurückliegenden PFLP-Verherrlichungen bundesdeutscher
Linker scheuen heutige selbsternannte Linke auch den Schulterschluss zu religiös/klerikalfaschistischen
Islamisten nicht mehr - sie demonstrieren sogar zusammen mit ihnen.
Friedensforum ganz unfriedlich
Ohne Analogien zu NS-Verbrechen scheint auch das Düsseldorfer "Friedensforum"
nicht auszukommen, wenn es um Solidaritätsbekundungen mit den Palästinensern
geht. Das "Friedensforum" war denn auch eigentlicher Initiator jenes
"Bündnisses", welches unter bewußter Verwendung des nationalsozialistisch
besetzten Begriffs vom Vernichtungskrieg zur Solidaritätsbekundung mit
"Palästina" aufrief. Bewußt schon deshalb, weil die Aufrufer
die selben Leute sind, die mitwirkten in einer Düsseldorfer Initiative,
welche die Hamburger Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht"
in der Landeshauptstadt präsentiert sehen möchte. Zudem waren es in
dem DKP-dominierten "Friedensforum" auch die selben Leute, die sich
im Kontext von Disputen um das "Schwarzbuch Kommunismus" noch vehement
gegen die Relativierung von NS-Verbrechen ausgesprochen haben. Doch wenn es
gegen Israel und den verhassten Zionismus geht, scheint es auch in solchen Kreisen
unterhalb des Levels von NS-Relativierung und antisemitischen Stereotypen nicht
mehr zu gehen. In einem Telefongespräch mit einem TERZ-Autor am Tage vor
der Demo nahm Wolfgang Kuhlmann vom "Friedensforum", presserechtlich
verantwortlich für den Aufruf "Stoppt den Vernichtungskrieg in Palästina!",
offensiv Stellung zu dieser Parole: "Legitim" sei dieser Slogan; er
gebe die "realen Verhältnisse" in den besetzten Gebieten wieder.
Auf die Frage, warum denn palästinensische Selbstmordattentate und überschäumender
Antisemitismus in Europa auf dem Flugblatt ausgeklammert seien, bekundete er,
es gehe eben "um Solidarität mit Palästina". So prangten
denn auch die Warnungen vor israelischem "Vernichtungskrieg" als Demo-Aufruf
an Düsseldorfer Wänden und in Schaufensterscheiben - von der Uni bis
zum islamischen Zentrum auf der Worringer Straße. In einem vorher an ausgesuchte
Adressaten versendeten Begleitschreiben zum Aufruf wurde zwar präventiv
darauf hingewiesen, dass eventuelle antijüdische Artikulationen auf der
Demonstration unterbunden würden - was sich real auf das Einziehen einiger
weniger von vielen Transparenten antisemitischen Inhaltes beschränkte -
der eigentliche Aufruf jedoch war derart gestaltet, dass er zu dem einlud, was
sich auf dieser Demonstration dann auch vollzog:
Kein Wort in dem Aufruf von palästinensischen Selbstmordattentaten, kein
Wort von islamistischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel, kein Wort über
den aktuell in Deutschland und Europa um sich greifenden gewalttätigen
Antisemitismus - der "Feind" in jenem Aufruf schien eindeutig erkannt
zu sein. Dementsprechend gestalteten sich folgelogisch Ablauf und Inhalt jener
Demonstration.
Das "Friedensforum" ruft - Hizb Allah kommt
Der Aufmarsch am 13. April auf dem Schadowplatz stellte ein Novum dar in der
Düsseldorfer Demonstrationsgeschichte. Zum ersten Mal vereinigten sich
Leute, die früher als Linke gegen Neofaschismus und Krieg das lokale politische
Bild außerparlamentarischer Bewegungen mit bestimmten, unter einem NS-relativierenden
Aufruf zusammen mit religiösen Fanatikern und Antisemiten. Was die Lokalpresse
anschließend relativierend und wahrheitswidrig als "friedliche Demonstration
unter dem Motto: Solidarität mit Palästina" schilderte, war in
der Realität eine symbiotische Artikulation von Antizionismus, völkischem
Antiimperialismus und offenem Antisemitismus. Die Demonstration bestand zu 90%
aus Menschen arabischer Abstammung und Herkunft; mindestens zwei Drittel davon
gaben sich durch Embleme und Parolen eindeutig als Islamisten zu erkennen. Die
HAMAS präsentierte ihre Embleme offen, und der Aachener Verein Al Aksa,
eine Unterstützerorganisation der HAMAS, stellte sogar einen Teil der Ordner
für die Demo. Quantitativ wie inhaltlich stark dominierend war die Islamisten-Organisation
Hizb Allah: Massenhaft wurden Fahnen mit dem Hizb Allah-Symbol - gelbe Flagge
mit Hizb Allah-Schriftzug und Kalaschnikow geschwenkt und Parolen der Organisation
auf Transparenten gezeigt und skandiert wie "Palästina ist islamisches
Stammland" oder "Oh ihr Juden - Mohammeds Armee wird wieder kommen".
Viele der dort skandierten Parolen waren identisch mit den Agitationen, die
via Internet vom sog. Muslim-Markt verbreitet werden. Auf vielen der Transparente
war die antisemitische Besetzung des proklamierten Antizionismus offen zur Schau
gestellt: "Zionisten sind Faschisten", "Juden sind Mörder".
Zwischen den massenhaft auf arabisch wie deutsch gebrüllten Hass-Parolen
"Kindermörder Israel", "Schluß aus Israel muss raus",
"Zionismus gleich Faschismus", "Frauenmörder Israel"
tummelten sich kleine Ansammlungen von DKPlern, "Friedens"-Freund/inn/en,
Grünen und auswärtigen Antifa-Grüppchen von der sog. antizionistischen
Fraktion sowie der Sektentruppe "Linksruck". Der Düsseldorfer
Antifa-KOK blieb jener Gruselveranstaltung in weiser Voraussicht fern. So war
man denn auch weitestgehend unter sich: Eine vereinigte Front verbohrter, sich
antiimperialistisch gerierender Antizionisten, religiöser Fanatiker und
offener Antisemiten - begleitet von einer schwindend geringen Anzahl Gutgläubiger,
Naiver und "Bewegter".
Regression statt Reflexion
Wer nun meinte, dass derartige öffentliche Artikulationen von Judenhass
zur Selbstkritik bei den Initiatoren geführt hat, musste sich leider weitestgehend
getäuscht sehen. Während sich der Dachverband der marokkanischen Vereine
in Deutschland als Mit-Aufrufer jener Demo nachträglich via WZ von dem
dort zur Schau getragenen islamistischen Antisemitismus distanzierte, setzte
das "Friedensforum" auf seinem Nachbereitungstreffen das fort, was
mit dem flammenden Aufruf gegen den "Vernichtungskrieg" in Gang gesetzt
wurde. Von dem Faktum eines gemeinsamen Demonstrierens mit der Islamisten-Organisation
Hizb Allah wurde sich nachträglich nicht distanziert. Auch von Kritik an
der Verwendung des Begriffs "Vernichtungskrieg", von offen antisemitischen
Hasstriaden auf der Demonstration wollte man scheinbar nichts hören - im
Gegenteil: Als Referentin wurde eine Deutsch-Jordanierin geladen, die - vom
Friedensforum unwidersprochen die alte völkisch/biologistische Mär
von der genetischen Unmöglichkeit eines arabischen Antisemitismus reproduzierte,
da die Araber schließlich selbst Semiten seien. Ein Vertreter des "Friedensforums"
ging noch einen Schritt weiter: Mit dem offen ausgesprochenen Vergleich zwischen
der aktuellen israelischen Militärpolitik und der Niederschlagung des Warschauer
Ghettoaufstandes durch die Nazis verteidigte er nachträglich die im Aufruf
bewußt gewählte Analogie zwischen Nahostkonflikt und dem Vernichtungskrieg
der Nazis - und zwar, ohne dafür zumindest des Raumes verwiesen zu werden.
Wenn man unter sich zu sein scheint, spricht man wohl offen aus, was in einem
steckt. Von daher ist eine Aufklärung solcher Leute über die mörderische
Dimension des nazistischen "Unternehmens Barbarossa" als bis dato
unvorstellbarem staatlich organisierten Vernichtungskrieg mit über 20 Millionen
sowjetischer Toter genauso überflüssig wie die Richtigstellung, dass
der deutsche Lehrer Wilhelm Marr im 19. Jahrhundert mit der Begriffsschöpfung
des "Antisemitismus" eine pseudowissenschaftliche Herleitung für
den pathologischen Judenhass der völkischen Bewegungen zu entwerfen versuchte
und seine Schrift "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum"
natürlich nur und explizit gegen die Juden und nicht gegen die Araber gerichtet
war. Überflüssig deshalb, weil diese Leute es selber wissen und trotzdem
agieren, als gäbe es diese Wahrheit nicht.
Da gilt auch nicht als Entschuldigung, dass vielleicht einige der sich als "kommunistisch"
definierenden Mitwirkenden im Düsseldorfer "Friedensforum" ihren
Marx nur in der ersten arabischen Übersetzung gelesen haben. Der erste
Band des "Kapitals" von Karl Marx erschien erst nach dem zweiten Weltkrieg
in arabischer Übersetzung. Das Vorwort des "hochberühmten Schriftstellers
Karl Marx, das wir hiermit der gebildeten Elite der arabischen Welt vorlegen",
beginnt mit den Worten "Im Namen Allahs des Allbarmherzigen". Für
aktive Linke mit Reflexionsvermögen sollte in dieser Stadt gegenüber
solchen Leuten mit derart unappetitlichen Weltbildern das selbe gelten, was
der amerikanische Rock-Musiker Lou Reed über die dumpfe Masse seiner Landsleute
sang:
"Stick a fork in their ass and turn them over- they're done!"
Al C.
www.terz.org - 24.4.2002