Es war - wie zum diesjährigen Maifest - ein Donnerstag, an dem zum ersten Male am 1. Mai im Jahre 1890 international Arbeiterinnen und Arbeiter als Klasse für sich die Straßen eroberten: Die Geburt des bekanntesten säkularen Feiertages auf der Welt war eine Mischung aus Zufall und politischem Kalkül...
Wer heutzutage am 1. Mai durch den Hofgarten in Düsseldorf schlendert, hat mehrheitlich folgende Gründe: Das Altbier im Freien bei schönem Wetter, ein bißchen internationale Grillküche und Kaffee & Kuchen, sowie sehen und gesehen werden. Eine Art Funktionärs- und Familientreffen, angereichert durch diverse Initiativen und linke Polit-Grüppchen, stellt der 1. Mai (nicht nur) in Düsseldorf dar. Die Klasse an sich bleibt mehrheitlich für sich zu Hause und guckt die Schumi-Brüder oder sonstiges Frühstücks-TV, wenn nicht gerade die erbeuteten Konsumprodukte und Statussymbole des neoliberalen Wettbewerbsstaates gehegt und gepflegt werden. Der organisierte Teil der Klasse für sich, der hingegen doch noch den Weg zum Maifest gefunden hat, schimpft dort zwar kräftig auf den Genossen der Bosse mit seinen fiesen Plänen, doch seinen Gewerkschaftsfunktionären traut er eigentlich genauso wenig zu, und schließlich will er auch auf keinen Fall seinen Job verlieren. Und wenn alle sagen, dass der Gürtel jetzt endlich wieder mal enger geschnallt werden muss, dann wird er halt enger geschnallt. Mit Klassenkampf oder Machtdemonstration hat das alles wenig zu tun, und ein guter Teil der 1. Mai-Hofgarten-FlaniererInnen würden derartiges auch als etwas antiquiert empfinden. Der Acht-Stunden-Tag ist trotz seiner realen Aufweichung im postfordistischen Wettbewerbs- und New-Economy-Kapitalismus schließlich schon seit hundert Jahren auf dem Papier existent, und die Leute wollen statt Arbeitszeitverkürzung lieber Arbeit, Arbeit und Arbeit. Reformen bedeuten heute Leistungsschrauben, sowie arbeitsrechtliche und soziale Zersetzung, und die Hofgarten-FlaniererInnen gelten als Reform-Bremse. Auch das haben einige von ihnen schon verinnerlicht. Die Sozialdemokratie, entstanden aus der historischen ArbeiterInnenbewegung und früher tragender Teil der Maifeierlichkeiten, entledigt sich nun auf ihrem Weg der neuen Mitte ihres historischen Ballastes. Die Gewerkschaften als klassenintegrativer Teil dieser kapitalkonformen Linie sind derart mit der Sozialdemokratie verwoben, dass eine ernsthafte Abkehr vom sozialdemokratischen Neoliberalismus eine Implosion ihres Apparates bedeuten würde; eine Vorstellung, die den Gewerkschaftsbonzen nicht gerade zusagt. Daher ist vom revolutionären Elan, der heilsbringenden Erwartungshaltung und nicht zuletzt auch der demonstrativ zur Schau getragenen Würde der internationalen Klasse der Besitzlosen am ersten "1. Mai" nicht mehr viel übrig geblieben bei den Hofgarten-FlaniererInnen. Der Kapitalismus von heute trägt ein anderes Gesicht als vor einhundert und dreizehn Jahren und die Institutionalisierung des Mai-Feiertages als "Tag der Arbeit" ist ebenso selbstverständlich wie geschichtsvergessen - ein ganz normaler Feiertag halt.
"Diesen Sinn der Maifeier der Arbeitsruhe, fürchten unsere Gegner,
das empfinden sie als revolutionär."
(VIKTOR ADLER, 1893)
Seine Institutionalisierung als gesetzlicher Feiertag verdankt der 1. Mai entgegen gängiger Annahmen eher dem Mechanismus der Befriedungs- und Kontrollpolitik durch antisozialistische Regierungen als revolutionären Forderungen. Die Nazis waren nach den Sowjets gar die erste Regierung, die den 1. Mai zum völkisch umgedeuteten "Tag der nationalen Arbeit" erhoben. Auch die anderen Regierungen Europas verfolgten mit der gesetzlichen Etablierung des Mai-Feiertages die Kontrolle inoffizieller Maifeiern und die Entpolitisierung jener Demonstration von Klassenbewusstsein. Dabei entstand das Ritual der Demonstrationen zu diesem Tage eher zufällig aufgrund seines enormen ersten Erfolges. Eine jährliche Etablierung jenes Kampftages war ursprünglich genauso wenig geplant, wie dessen Datum strategisch durchdacht war.
Auf dem Pariser Gründungskongress der II. Internationale wurde eine Resolution
verabschiedet, die eine internationale Kundgebung an jenem Tage forderte, an
dem die Forderung nach einem gesetzlichen Acht-Stunden-Tag überreicht wurde.
Zufällig ergab sich, dass die amerikanische Federation of Labour am 1.
Mai 1890 zu eben einer solchen Forderung schon einen Aufmarsch angekündigt
hatte, und so einigte man sich auf dieses Datum für den Aufruf zu einer
internationalen Kundgebung. Da dieser Tag auf einen Donnerstag fiel, wurde eifrig
darüber debattiert, ob deshalb offiziell zum Streik aufgerufen werden solle.
Gerade die schon mehr etablierten Gewerkschaften vertraten die Ansicht, dass
es besser wäre, zu dem ersten Sonntag im Mai aufzurufen, um weniger Konfliktstoff
zu bieten. Doch die Durchführung der ersten internationalen Kundgebungen
war ein derartiger Erfolg, dass sich erstens in der II. Internationale die Meinung
durchsetzte, diesen Tag jährlich zu wiederholen und zweitens, dies auch
wiederkehrend zum 1. Mai zu veranstalten. In Deutschland sahen sich die Sozialisten
auf dem Weg nach vorn, da 1890 die Sozialdemokraten nach Ablehnung der Verlängerung
von Bismarcks Sozialistengesetz im Reichstag fast 20 Prozent der Stimmen bei
den nachfolgenden Wahlen erhielten. International stärkte die Demonstration
des ersten "1. Mai" das Gefühl der Arbeiterinnen und Arbeiter
als Klasse für sich. So waren es z. B. im Londoner Hyde Park 300.000 Menschen,
die zu jenem Tage auf die Straße gingen, und im deutschen Obrigkeitsstaat
wurden im "roten Hamburg" Bullen in Zivil in die Kneipen und Arbeiter-Vereine
geschickt, um mögliche revolutionäre Aktivitäten zum 1. Mai zu
bespitzeln.
In seiner säkularen Ausrichtung bediente sich die Symbolik des 1. Mai Formen,
die heilsversprechenden Zeremonien ähnelten. So wurde in Deutschland des
1. Mais mit einer Plakette gedacht, auf welcher vorne Karl Marx und hinten die
Freiheitsstatue abgebildet war. Auf dem Brüsseler Kongress der Internationalen
1891 wurden neben dem Beschluss zur Etablierung des 1. Mais auch die politischen
Forderungen erweitert. So sollte dieser Tag zudem die "Manifestation des
Klassenkampfes" und den "Kampf gegen den Krieg" betonen. Die
anarchistische Bewegung hingegen verweigerte sich mehrheitlich den Maifeierlichkeiten,
da sie jenen Tag als Trauer- und Revolutionstag im Gedenken an den blutig niedergeschlagenen
Arbeiteraufstand in Chicago 1886 begehen wollte. Am 4. Mai jenes Jahres explodierte
eine Bombe auf dem Haymarket gegen Ende einer laufenden Demonstration zur Durchsetzung
des Acht-Stunden-Tages. In einem politischen Schauprozess wurden in den folgenden
Monaten acht Anarchisten mittels gefälschter Beweismaterialien verurteilt,
vier von ihnen zum Tode. Noch vor Ende jenes Jahrhunderts stand fest, dass die
Verurteilungen juristisch nicht haltbar waren. Die anarchistische Bewegung --
damals nicht unbedeutend - empfand daher das Bestreben der Internationale, den
1. Mai zum jährlichen Feiertag und Fest der ArbeiterInnen zu etablieren,
als Verhöhnung der Opfer des Haymarket-Attentats und der amerikanischen
Justiz. Hier wurde die Forderung erhoben, den Maitag als Gedenktag für
die Märtyrer zu nutzen. Anarchistisch orientierte Gewerkschaften, wie die
französische CGT, hielten diesen Boykott der Maifeiern bis zur Zeit nach
dem 1. Weltkrieg durch. Im kollektiven Gedächtnis der Klasse der Lohnabhängigen
hingegen hat sich in den folgenden Jahrzehnten der 1. Mai allgemein als Kampf-,
und nach der mehrheitlichen Durchsetzung des Acht-Stunden-Tages, als proletarischer
Feiertag etabliert.
Sonne, Nelken & Maiglöckchen
Der Maifeiertag war zugleich eine Form der Bekehrung der mehrheitlich religiös eingestellten Bevölkerung durch die explizit religionsfeindliche linke Bewegung. Daher wurden Traditionen wie die des Frühlingsfestes in die 1. Mai-Feierlichkeiten integriert, was sich auch in der Symbolik des 1. Mais ablesen lässt. Das Symbol der Blumen als Beginn des Frühlings wurde aufgenommen und verbunden mit Bildern von der aufgehenden Sonne als Bild für Freiheit und eine verheißungsvolle anbrechende neue Zeit des Sozialismus. Das christliche Osterfest als fest institutionalisiertes religiöses Fest stand nicht nur aufgrund seiner zeitlichen Nähe Pate für die Etablierung des säkularen 1. Mais. Im stark vom Christentum geprägten Italien benutzten die Sozialisten ab 1892 den Begriff des "Osterfestes der Arbeiter", um den religiösen Teilen der Bevölkerung Internationalismus und Sozialismus schmackhaft zu machen. Im italienischen Florenz wurde ab 1900 die rote Nelke als Symbol etabliert: Ein kunstvoll gestaltetes Flugblatt mit dem Namen "Il Garofano Rosso" erschien bis zum 1. Weltkrieg an den Maifeiertagen. Die schwedische Linke hingegen bevorzugte die rote Rose, welche dort ab 1911 zum offiziellen Symbol des Maifeiertages erkoren wurde, während in Frankreich das Maiglöckchen zu den Feierlichkeiten erblühte. In Deutschland hingegen wechselten sich Nelken mit Spaten als Symbol zum "Tag der nationalen Arbeit" ab.
Die Blumen und die Arbeit sind bis heute präsent geblieben bei den Maifeierlichkeiten;
die aufgehende Sonne als Symbol einer kommenden neuen Zeit hingegen ist wieder
untergegangen. Von der Befreiung von der Knechtschaft der entfremdeten lohnabhängigen
Arbeit oder gar vom kommunistischen Internationalismus wird im Düsseldorfer
Hofgarten nicht mehr viel geredet. In ganz Düsseldorf? Nein, denn ein kleines
Grüppchen unverbesserlicher Quertreiber schert aus den ritualisierten Feierlichkeiten
für Arbeit und Standortsicherung aus. Die radikale Düsseldorfer Linke
hat sich in diesem Jahr gar die früheren AnarchistInnen zum Vorbild genommen,
die schon von Anfang an skeptisch gegen das Unternehmen Maifest gewesen sind
und unterhalb der Revolution nichts feiern wollten. Nun, einhundert und dreizehn
Jahre später im neoliberal globalisierten Kapitalismus im holden Monat
Mai, ertönt in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt unter
dem Motto "Jede Revolution hat ihren Vorabend" erneut der Ruf nach
Abschaffung des Kapitalismus. Ganz so ernst wie bei den früheren Anarchos
scheint dies nicht gemeint zu sein, denn statt Aufrufen zum Barrikadenbau und
Sturm der Gefängnisse, Polizeidienststellen und dem Rathaus wird nach jener
Kundgebung zum Feiern in die einschlägigen Lokalitäten geladen.
Doch eins haben die postfordistischen Revolutionäre aus Düsseldorf
dem DGB unbestritten voraus - einen Tag eben. Ebenso an einem Mittwoch vor einhundert
und dreizehn Jahren wurden die letzten Vorbereitungen für die erste internationale
Demonstration für den Acht-Stunden-Tag getroffen, die dann am kommenden
Tage die Geburt des Maifeiertages einleitete. Wenn nun schon abends am 30. April
im Jahre 2003 für die internationale Revolution demonstriert wird, könnte
der 1. Mai in diesem Jahrhundert ja vielleicht wieder seinen menschheitsbeglückenden
Symbolgehalt zurückbekommen: zur Sonne, zur Freiheit!
AL C.
www.terz.org - 29.4.2003